Erste Berliner Galerie in Moskau: Kunst ist Trend in Russland

Westliche Kunst drängt verstärkt nach Moskau. Mit Volker Diehl hat sich die erste Galerie aus Berlin in Russlands Hauptstadt angesiedelt.

Die Moskwa-Insel "Strelka": eine Kunstoase mitten in Moskau Bild: abc gallery moskau

Zeitgenössische Kunst war in der russischen Gesellschaft lange Zeit ein Fremdkörper. Was gute Kunst ist, gab die Kulturbehörden vor. Wer dagegen rebellierte, wie die Gruppe der Moskauer Konzeptualisten, konnten seine Bilder nur im eigenen Wohnzimmer zeigen und diese waren für Normalbürger ebenfalls kaum zugänglich. So besann man sich auf klassische Musik oder die Dichter des 19. Jahrhunderts und überließ die Bilder dem Staat.

Heute gibt es auch in Moskau eine lange Nacht der Museen. Vor dem Puschkin-Museum und der staatlichen Tretjakow-Galerie standen die Menschen Schlange. Auch in Winzawod, einer ehemaligen Weinabfüllerei, wo sich die wichtigen Galerien Moskaus angesiedelt haben, trafen sich Agenturleute, Banker und Fernsehleute bei Livemusik und Schaschlik. Nicht wenige waren zuvor im Privatmuseum des russischen Bauunternehmers Vladimir Semenikhin gewesen, um eine Schau des deutschen Fotostars Andreas Gursky zu sehen.

In Russlands boomender 12-Millionen-Metropole ist es schick geworden, sich für Kunst zu interessieren. Die 26-jährige Daria Zhukova, Freundin des Billionärs Roman Abramovic, lässt gerade eine alte Buswerkstatt von Russlands Konstruktivismus-Architekten Konstantin Melnikow zu einer riesigen Galerie für zeitgenössische Kunst umbauen. Im September soll es dort mit einer Retrospektive zum Werk des Konzeptualismus-Malers Ilja Kabakow losgehen. Darüber tratscht die ganze Stadt. Aber nicht nur die zeitgenössische russische Kunst scheint die Menschen plötzlich zu bewegen, es darf jetzt auch Kunst aus dem Westen sein.

Der Wachmann vor Volker Diehls Galerie am Flussufer der Moskwa hat trotzdem kaum zu tun. Besucher kommen nur spärlich. Das prachtvolle Haus mit der verspielten Fassade, in dem früher der staatlich organisierte Kunsthandel untergebracht war, war einst die einzige Stelle in Moskau, an der man Kunst kaufen konnte. Jetzt ist Diehls Galerie mit den hohen Decken und den prächtigen Lüstern die einzige Stelle, an der man blinkende Leuchtschrift-Türme der amerikanischen Künstlerin Jenny Holzer kaufen kann. Der Berliner Galerist Volker Diehl ist der erste Westler, der sich in Moskau niederlässt. Zur Eröffnung seiner Dependance im April war die High Society der Stadt da, ein Kunstliebhaber hat eine große Arbeit von Jenny Holzer gekauft und die Galeriekollegen in Winzawod sind voll des Lobes. Keiner von ihnen hat die großen Namen aus dem Westen selbst im Programm.

Die Galerie der russischen Künstlergruppe ABC ist gerade mal acht Quadratmeter groß. Sie liegt auf dem Gelände einer ehemaligen Schokoladenfabrik, in deren Lagerhallen sich ein Dutzend alternative, von Künstlern initiierte Galerien angesiedelt haben. Vom Hof der Fabrik führt eine neue Fußgängerbrücke über den Fluss, hinüber zum Kreml. "Sieht aus als hätten sie die Einzelteile im Obi-Baumarkt gekauft", schimpft Künstler Maxim Iliukhin. Die Brücke vereint Jugendstildekor und Plexiglas. Über den russischen "Euro-Stil" und das oberflächliche Kopieren von europäischem Design und westlicher Technik machen sich junge Moskowiter gerne lustig.

Maxim Iliukhin, Natasha Struchkova und Mikhail Kosolapov, die drei Mitglieder von ABC, laden regelmäßig junge Künstler aus der Moskauer Szene in ihre kleine Galerie auf der Moskwa-Insel ein: die Post-Computer-Kids, die Multimediakünstler, die psychedelischen Zeichner. Es fehlt an allen Ecken und Enden an Austausch. Und man will Unabhängigkeit. "Ich habe als kleiner Manager in unserer Galerie angefangen, jetzt will ich Topmanager werden", schmunzelt Iliukhin, der am "Institut für die Probleme zeitgenössischer Kunst" studierte, seit Jahren der einzige Ort in Moskau, der eine progressive Kunstausbildung bietet, und Institutsdirektor Joseph Backstein ist einer der wenigen russischen Kuratoren, den man im Ausland kennt.

ABCs künstlerische Arbeit kreist um den Mikrokosmos Büro. In Moskaus Hauptstadt ist es normal, viele Stunden pro Tag im Büro zu verbringen, und fast alle Künstler arbeiten zusätzliche in Werbe- oder Multimediaagenturen, um zu überleben; auch Iliukhin, Struchkova und Kosolapov, obwohl ihre ironischen Fotoinstallationen bereits an renommierten Orten wie der Sankt Petersburger Eremitage gezeigt wurden.

"Irgendetwas ist mit den Augen passiert", sagt Valery Aizenberg, Jahrgang 1947. "Viele Russen können nichts mit zeitgenössischer Kunst anfangen. Sie kennen sie nicht und sie verstehen sie nicht." In seinem Kelleratelier in einer Plattenbausiedlung an der Metrostation Nagornaja ist es duster. Aizenberg hat Hühnersuppe gekocht und zeigt seine Arbeiten am Computer. Zu Sowjetzeiten hat er gemalt. Dann zerfiel das System. Er lebte eine Weile in New York. Von 1999 bis 2003 organisierte er in seinem Atelier zwischen Küchenzeile und Schreibtisch experimentelle Ausstellungen. 2003 gewann er mit seiner Künstlergruppe Escape den Black-Square-Preis für zeitgenössische Kunst, 2005 machte die Gruppe bei der Biennale in Venedig mit einer interaktiven Videoshow von sich reden. Auf der Kunstmesse Art Moscow klebten sie heimlich rote Verkauft-Punkte neben die Kunst. Gemalt hat Aizenberg seit vielen Jahren nicht mehr. "Kunst ist heute eine Dienstleistung geworden", sagt er. "Viele Künstler produzieren nur noch, was der Markt will." Escape trat in diesem Jahr nicht auf der Art Moscow auf. "Wir hatten keine Lust."

Volker Diehl will demnächst die Malerin Olga Chernysheva in seinen Räumen am Flussufer der Moskwa zeigen. Chernysheva nahm international schon an einigen Biennalen teil, in Moskau kommt sie nicht recht weiter. Es scheint, als wäre das derzeit die Zauberformel für jeden Künstler in Russland: Man braucht Aufmerksamkeit aus dem Westen, dann klappt es auch zu Hause.

BIRGIT RIEGER

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