Edie-Sedgwick-Film "Factory Girl": Einfalts-Huhn trifft Macho-Maus

Lieb, freundlich und entgegenkommend: In George Hickenloopers Biopic "Factory Girl" darf die Andy-Warhol-Muse Edie Sedgwick leider bloß Opfer sein.

Sienna Miller als einfältige Edie Sedgwick. Bild: kinostar

Leider fiel Sienna Miller auch nichts zu Edie Sedgwick ein. Nach dem Scheitern von Drehbuchautor Captain Mauzner und Regisseur George Hickenlooper, war sie die letzte Chance, der androgynen Schönheit, die als Muse von Andy Warhol zu kurzem Ruhm kam, noch ein paar Konturen zu erhalten. Das bisschen Charakter eben, das es gebraucht hätte, um "Factory Girl" über 90 Biopic-Minuten hinweg zu helfen. Doch wie gesagt, zu Edie Sedgwick, der Tochter aus bestem Hause, fiel auch Sienna Miller nichts ein.

Am Ende waren es der Kostümbildner John Dunn und Kate Biscoe als Make-up-Artist, die sie in der arroganten Eleganz ihrer fragilen Exzentrik entdeckten. Als Model der von Betsey Johnson gemanagten legendären Boutique Paraphernalia war Edie Sedgwick einst die Stil-Ikone der 60er Jahre, die - wie sämtliche Lifestyle-Magazine derzeit behaupten - heute hipper ist denn je. Das Scheitern des Films zeigt sich nun schon darin, dass dieses in größter Treue wiederbelebte Styling nie mit der Figur und der Geschichte von "Factory Girl" in Deckung zu bringen ist.

Dass Edie Sedgwick sich so durchgängig lieb, freundlich und entgegenkommend in die Rolle des Opfers bequemt hätte, wie der Film glauben macht, widerspricht nicht nur ihrem Auftreten. Es widerspricht auch ihrer Herkunft. Der Stolz einer Familie, deren Vorväter zu den Unterzeichnern der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und den Gründern New Yorks gehörten, ist auch dem schwächsten ihrer Mitglieder nicht auszutreiben. Zumal, wenn ihn ein unerschöpflicher Fluss von Petrodollars weiter bestärkt. Leider ist dem Film dieser Aspekt vollkommen entgangen. Genauso wie die Tatsache, dass sich das völlig unbegreifliche Ausmaß von Edie Sedgwicks Unsicherheit, Selbstzweifeln und Haltlosigkeit nur durch das unbegreifliche Ausmaß von Anspruch, Arroganz und Selbstgefälligkeit erklärt, dem Edie Sedgwick seitens ihrer Familie ausgeliefert war.

Statt der Geschichte des "Poor Little Rich Girl" (wie der Warhol-Film von 1965 hieß, in dem Edie Sedgwick erstmals auftrat) nachzugehen, erzählt "Factory Girl" also Sedgwicks kurzes tragisches Leben als plattes Groupie-Drama, in dem falscher Ruhm, falsche Freunde, Partys und Drogen unweigerlich zum Absturz führen. In das alte Elend von Drogenentzug und Tod durch Überdosis. Leider gibt es dieses platte Drama nicht, auch wenn "Factory Girl" es gerne so hätte. Das Groupie jedenfalls müsste erst noch erfunden werden, das mit solcher Einfalt alles hinnimmt wie Sienna Millers Factory Girl - die Vergötterung durch Warhol gleichermaßen wie die Verdammnis durch ihn. Das sich so arglos zwischen dem Popkünstler und schwulen Mentor auf der einen und ihrer großen Liebe auf der anderen Seite zerreibt, einem ungenannten, aber jederzeit als Bob Dylan erkennbaren Popmusiker. Das - selbst ohne jede Spur von Egozentrik und Eitelkeit - der Egozentrik und Eitelkeit der Männer zum Opfer fällt. Wen bitte, interessiert ein solches Huhn?

Tatsächlich fasziniert einen im Verlauf des Films mehr und mehr die Grausamkeit Warhols, dessen 80. Geburtstag die Kunstwelt heute feiert. Sein gefühlskalter Panzer, in den Edie wohl einmal eine Scharte schlug, verleiht ihm immerhin als einziger Figur des Films so etwas wie Charakter. Denn auch die Frage "What Makes Dylan run?" bleibt ein ungelöstes Rätsel. Bob Dylans Sorge, in "Factory Girl" zu schlecht wegzukommen, womöglich für ihren Tod mitverantwortlich gemacht zu werden, ist jedenfalls grundlos. Niemand käme auf die Idee, der aufgeblasenen grauen Macho-Maus, als die ihn der Film zeigt, eine solche Schuld aufzubürden. Niemand käme allerdings auch darauf, dass dieser therapeutische Schwafler Edie ein so lustig-luftig-sarkastisch-charmantes Liebeslied wie "Leopard-Skin Pill-Box Hat" auf den Leib geschrieben haben könnte - was es vollkommen rechtfertigt, auf der Anonymisierung der eigenen Figur zu bestehen.

Guy Pearce ist also der Letzte in der Liste von bislang elf Warhol-Darstellern, sofern man nicht den am 6. August 1928 in Pittsburgh geborenen Andrew Warhola selbst dazu rechnet, der die Rolle, die trotz seiner bedeutenden künstlerischen Aktivitäten bestimmt eine seiner größten Erfindungen war, am längsten spielte. Und zweifellos besser als Guy Pearce, der sie nicht wirklich schlecht spielt, jedenfalls nicht schlechter als Jared Harris in "I Shot Andy Warhol", Crispin Glover in "The Doors" und selbst David Bowie in "Basquiat".

Natürlich ist es relativ leicht, Andy Warhol zu spielen. Man setzt sich eine silberfarbene Perücke auf und damit hat sich die Sache erst mal erledigt. Hin und wieder wirft man noch mit Luftküssen um sich und sondert kryptische Dialogzeilen wie "ähm" oder "ich weiß nicht" ab. Einer der längeren Sätze, die von Warhol überliefert sind, war die Frage: "Was meinst du, wann wird sich Edie umbringen?" Er soll sie an den Autor Robert Heide gerichtet haben, während der Produktion des Films "Chelsea Girl", aus dem auf Sedgwicks Verlangen ihr Part entfernt werden musste. Das war 1965, als sie schon erkennbar gefährdet war. Zu dieser Kälte Warhols bekennt sich "Factory Girl" natürlich nicht. Trotzdem fällt einem die Bemerkung ein. Etwa um die 30. Minute herum, als auch "Factory Girl" schon erkennbar gefährdet ist.

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