Kommentar Flüchtlinge im Mittelmeer: Zynische Belege aus Lampedusa

Für die Ausrufung des Notstandes in Italien besteht kein Anlass. Europa könnte den Flüchtlingen ohne weiteres helfen, wenn es nur wollte.

Wieder einmal herrscht "Notstand" in Lampedusa. In bloß zwei Tagen sind an die 900 Flüchtlinge in schiffbrüchigen Kähnen auf der Insel südlich von Sizilien eingetroffen, wieder ist das dortige Flüchtlingslager mit 2.000 Insassen heillos überfüllt.

So geht es jeden Sommer, wenn das Meer ruhig und die Überfahrt von der libyschen Küste eine halbwegs kalkulierbare Sache ist. Und jeden Sommer schaffen die Bilder, die Nachrichten aus Lampedusa - ganz genauso wie die von den Kanarischen Inseln - die Gelegenheit, den Chor vom Notstand, vom Drama an Europas Süd-Vorposten anzustimmen. Gemeint ist dabei immer: "Wir" sind da einem Notstand ausgesetzt, dem "Anbranden" einer enormen Flüchtlings-"Welle".

Nichts könnte unwahrer sein. Jahr für Jahr sind es lächerliche 20.000 Menschen, die den Weg über die Straße von Sizilien schaffen; auch dieses Jahr wieder kamen bis Ende Juli gerade einmal 11.000 Bootsflüchtlinge an. Das ist kein Drama - das ist ein Klacks für das reiche Europa, für ein Europa, das es zugleich ohne das kleinste logistische Problem schafft, auf Lampedusa zehntausende, auf den Kanaren gleich Millionen Touristen "unterzubringen" und zu "versorgen". Je nach Jahr kommen bloß 4 bis 12 Prozent der boat-people auf dem Seeweg nach Italien; der übergroße Rest reist ganz unspektakulär mit Touristenvisum ein.

Nicht wir erleben da ein Drama - sondern die, die in den Booten sitzen, die ihr Leben riskieren, um Bürgerkriegen, Armut, Perspektivlosigkeit zu entfliehen. Monat für Monat bilanziert zum Beispiel die Organisation "Fortress Europe" die Zahl derer, die im Mittelmeer und im Atlantik umgekommen sind; im Juli summierten sich allein die dokumentierten Todesfälle auf 158.

Dieses Drama steht aber nicht auf der europäischen Agenda. "Kriminellen Schleppern das Handwerk legen" heißt zwar der politische Schlachtruf bei uns - doch wenn es darum ginge, hätte schon lange eine Diskussion über sichere Einreisewege eingesetzt. Stattdessen verfolgt Europa ein anderes Ziel: den Flüchtlingen jeden Zugang zu versperren. Dafür taugen dann auch die "Notstands"-Bilder aus Lampedusa - als zynischer Beleg dafür, dass noch mehr Abschottung nötig ist.

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Promovierter Politologe, 1985-1995 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Unis Duisburg und Essen, seit 1996 als Journalist in Rom, seit 2000 taz-Korrespondent, daneben tätig für deutsche Rundfunkanstalten, das italienische Wochenmagazin „Internazionale“ und als Wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Büro Rom der Friedrich-Ebert-Stiftung.

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