Sterbehilfe in der Schweiz: Vom Schmerz

In seinem Buch "Tanner geht" berichtet der Journalist Wolfgang Prosinger darüber, wie er einen Todkranken begleitete, der in der Schweiz Sterbehilfe suchte.

Ein Glas Wasser und ein Gläschen mit einem Betäubungsmittel stehen in einem Zimmer von Dignitas in Zürich bereit. Bild: dpa

Schmerz lässt sich nur schwer in Worte fassen. Man kann sagen: "Es tut sehr weh." Man kann auch Vergleiche bemühen. Aber wie fühlt sich der Schmerz an, wie zermürbend ist er? Das weiß allein der Betroffene. Es ist diese Frage der Perspektive, die auch in der Debatte um Sterbehilfe eine wichtige Rolle spielt. Der Journalist Wolfgang Prosinger versucht in seinem Buch "Tanner geht", die Sicht des Leidenden auch für Außenstehende begreifbar zu machen.

Der Text ist eine Annäherung. Drei Monate lang hat Prosinger sich mit Ulrich Tanner, wie der Kranke im Buch heißt, regelmäßig getroffen. Stundenlang ließ er sich die Gedanken, Gefühle und Erinnerungen des 51-Jährigen schildern. Am Ende begleitete er ihn in die Schweiz. Dort nahm sich Tanner mit der Hilfe der Organisation Dignitas im Februar dieses Jahres das Leben.

Tanner ist schwul, alleinstehend, ein von der Vernunft geleiteter Mensch, der viel Wert auf Ordnung legt. Er hat sowohl Parkinson als auch Krebs und Aids. So oft es geht, schildert Prosinger das Geschehen aus dem Blickwinkel seines Protagonisten. "An den Füßen fühlt es sich an, als hätte Tanner offene Geschwüre, ein Druckschmerz, der hinaufzieht von der Ferse ins Bein, als würden Nadeln stechen." Am Brustkorb fühle es sich an, "als hättest du einen Riemen um den Leib, der dich zusammendrückt".

Wer das Buch liest, bekommt zumindest eine Ahnung vom Ausmaß der Qual, die jemand wie Tanner tagtäglich ertragen muss. Und von der Konsequenz, die sich daraus ergibt: Für den Kranken ist der Tod keine Bedrohung, sondern eine Erlösung. Als Tanner von Dignitas die Genehmigung für eine Sterbebegleitung bekommt, ist er zum ersten Mal seit langem glücklich, schreibt Prosinger. "Er war jetzt ganz und gar in einem Gefühl. das er noch nicht gekannt hatte. Noch nie. Es war ein Gefühl voller Verheißungen: dass endlich kein Schmerz mehr wäre."

Ein berührendes Buch, das Einblicke gibt in ein Dasein zwischen Leben und Tod. Prosingers Duktus passt zu diesem Ausnahmezustand: Der Ton des Buches ist literarisch. Es beruhe aber alles auf Tatsachen, beteuert der Autor im Nachwort. Die Abschnitte, die Tanner gewidmet sind, werden zum dokumentarischen Roman.

Zwischen die porträtierenden Schilderungen hat Prosinger regelmäßig Sach-Kapitel zur Debatte um Sterbehilfe eingeschoben. Er erläutert nicht nur die Rechtslage in Deutschland und der Schweiz, er gibt auch die üblicherweise von Ärzteverbänden, Kirchen und Juristen vertretenen Standpunkte wieder.

Das sind die anderen Perspektiven auf Sterbehilfe: Vor einem Dammbruch im Normensystem wird gewarnt, der Wert des Leidens als Bestandteil des menschlichen Lebens hervorgehoben. In den Ohren von Betroffenen wie Tanner müssen solche Sätze zynisch klingen.

Prosinger spart auch alternative Formen der Sterbebegleitung wie die Palliativmedizin oder die Arbeit in Hospizen nicht aus. "Tanner geht" informiert umfassend - und eignet sich hervorragend auch als Einführung in die Sterbehilfe-Thematik.

Der Autor sympathisiert dabei offensichtlich mit der Form der begleiteten Selbsttötung, wie sie in der Schweiz legal ist. Er wahrt jedoch journalistische Standards. Den umstrittenen Vorsitzenden von Dignitas, Ludwig Minelli, konfrontiert er mit den bekannten Vorwürfen: Der Verein wolle nur Geld verdienen, er umgehe die Ärzte etc. Minelli pariert die Kritik routiniert - und behält meist das letzte Wort.

Ganz neu ist der Gegenstand des Buches nicht. Schon mehrfach haben Journalisten und Fernsehteams todkranke Menschen, die Sterbehilfe in Anspruch nehmen wollten, begleitet. Warum erlebt das Thema eine solche Konjunktur? Prosinger hat dafür eine Erklärung gefunden: Die Generation, die nun in die Jahre kommt, ist selbstbestimmter aufgewachsen als die Generationen zuvor, ohne den Drill des Nationalsozialismus, ohne die Erfahrung von Krieg. "Es ist deshalb nicht unwahrscheinlich, dass diese Generation und all die folgenden Fremdbestimmung am Ende ihrer Tage so wenig dulden werden wie zeit ihres ganzen Lebens."

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