Filmfestival in Nordkorea

Picknick in Pjöngjang

Zwölf deutsche Filme sind auf dem 11. Internationalen Filmfestival in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang vertreten. Sie werden mit großer Begeisterung vom Publikum aufgenommen.

Das alle zwei Jahre im September ausgetragene Filmfest in Pjöngjang ermöglicht Fachbesuchern aus dem Ausland raren Zugang in eine Welt voller Wunder und Wundersamkeiten - die allerdings niemand allein erleben darf. Denn wie Satelliten verfolgen zugeordnete Übersetzer sämtliche Schritte der Besucher Nordkoreas.

"Unabhängigkeit, Freundschaft, Frieden" - so lautet das offizielle Festivalmotto. Bezeichnender ist aber die Standardantwort der Übersetzer, angesprochen auf Möglichkeiten zur individuellen Besichtigung der Stadt: "Maybe its impossible." Stattdessen findet für die etwa 30 ausländischen Gäste ein geschlossenes Gruppenprogramm zu Denkmälern und Museen des Landes statt, die ausnahmslos den Großen Führer Kim Il Sung und den Geliebten Führer Kim Jong Il glorifizieren.

Höhepunkt bildet aber ein unideologisches Picknick im Grünen mit lustigen Spielen - Luftballonwettlaufen und Bildermalen mit verbundenen Augen -, bei denen die Mannschaften "Solidarität" und "Freundschaft" gegeneinander kämpfen müssen. So bleibt bei all dem nur wenig Zeit, um tatsächlich Filme zu sehen.

Fünf nordkoreanische Filme sind im offiziellen Programm zu sehen. Es bietet damit einen kleinen Streifzug durch das nordkoreanische Filmschaffen der letzten Jahrzehnte. "Flower Girl" (1972) ist die Adaption eines Revolutionsromans der 1930er-Jahre und erhielt seinerzeit einen Spezialpreis auf dem Filmfest im tschechischen Karlovy Vary (Karlsbad).

Aus dem Jahr 1987 stammt "Hong Kil Dong", ein leichtfüßiger, unterhaltender Martial-Arts-Film mit spannenden Wendungen, der größere internationale Aufmerksamkeit verdient hat und an dem nicht nur Quentin Tarantino seine helle Freude hätte.

Ebenfalls Mitte der 1980er Jahre entstand "A Broad Bellflower", ein Film, der die Entwicklung ländlicher Regionen anhand seiner weiblichen Hauptfigur propagiert und als ein repräsentatives Beispiel für die "revolutionäre" Filmproduktion Nordkoreas stehen mag. Denn obwohl ihre große Liebe das gemeinsame Dorf verlässt, um in die Hauptstadt Pjöngjang zu gehen, ist die infrastrukturelle Entwicklung der Heimat für Hauptfigur Song Rim so prioritär, dass sie ihren Mann allein ziehen lässt. Ihre wahre Liebe gilt ohnehin dem Großen Führer Kim Il Sung. Song Rim kann ihre grenzenlose Opferbereitschaft schließlich unter Beweis stellen, als sie nach einem Erdrutsch ein schwangeres Schaf retten will, handelt es sich doch um eine spezielle Zucht Kim Il Sungs. Sie verunglückt dabei tödlich im Schlamm und erhält posthum den Ehrentitel "Heldin der Arbeit".

Im Jahr 2005 entstand die Coming-of-Age-Produktion "A School Girls Diary". Im Zentrum stehen vier Frauen aus drei Generationen einer Familie auf dem Land, erzählt wird aus der Sicht der Teenagerin Su Ryon. Motivparallelen lassen sich zu "A Broad Bellflower" herstellen, denn auch Su Ryon darf erkennen, dass die Abberufung ihres Vaters nach Pjöngjang - für sie zunächst schmerzhaft - einen gesellschaftspolitischen Sinn hat. Parallel entwickelt sie ein Bewusstsein für das wahre Glück, das sich nämlich in der bedingungslosen Gefolgschaft zu Kim Jong Il manifestiert.

Auch zwölf deutsche Filme sind in den Sektionen des Festivals vertreten und werden mit großer Begeisterung vom nordkoreanischen Publikum aufgenommen, unter ihnen "Schwere Jungs" von Marcus H. Rosenmüller, Christian Petzolds "Yella", Robert Thalheims "Am Ende kommen Touristen" und "Die Fälscher" von Stefan Ruzowitzky, der den "Special Screening Award" der Großen Jury erhielt.

Wenn man berücksichtigt, dass "Film" und "Wahrheit" in Nordkorea eine Gleichung ergeben, dann stellt das Festival für die lokale Bevölkerung einen Höhepunkt im öffentlich-sozialen Leben dar, dünn ist ansonsten das kulturelle Angebot der Stadt. Zudem sind Zeitungen, Fernsehen aus dem Ausland sowie Internet streng verboten. Das Filmfest ist ein kleines Fenster zur Welt. Daher sind viele Vorführungen restlos ausverkauft, Menschen stehen an den Saaltüren, um noch einen letzten Stehplatz zu ergattern.

Das Festival in Pjöngjang vereint bewegte Bilder und bewegende Momente zu Ereignissen. Es schafft an diesem Ort, sozial zu sein, ein bisschen Farbe und Abwechslung in den beschwerlichen Alltag der Menschen zu transportieren. Das Goethe-Institut, das die meisten deutschen Filme vermittelt, hat mit dem vor acht Jahren begonnenen kulturellen Austausch zwischen Deutschland, Seoul und Pjöngjang einen Meilenstein getan. Auf Initiative der deutschen Botschaft folgt zudem im Oktober die erste Kunstausstellung im öffentlichen Raum Pjöngjangs: für drei Wochen kommen die Berliner "Buddy Bears". Ein Projekt, für das Pjöngjang prädestiniert ist. Denn trotz seiner angeschlagenen Bausubstanz beeindruckt Pjöngjang durch eine faszinierende Oberfläche aus öffentlichen Plätzen, endlosen Blickachsen, durch pastellfarbene Gebäude mit sozialistischem Antlitz, durch zahlreiche Grünanlagen und Bäume, die, wenn man sie anfasst, sogar den Beweis liefern, tatsächlich echt zu sein - und nicht simuliert, wie sonst das meiste, das den ausländischen Gästen präsentiert wird. Aber schließlich finden doch noch individuelle Ausflüge ins Stadtzentrum statt. Es sind Momente der Freiheit in einem Käfig aus Simulationen von perfekter Realität, in der doch nach offiziellen Angaben alles perfekt funktioniert. Am Anfang kommen nur Filmtouristen, aber irgendwann vielleicht auch ein Wunder. Maybe it is possible.

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