US-Comiczeichner Adrian Tomine

Vignettenmaler der Slacker-Kids

Adrian Tomine ist ein gefragter Zeichner in den USA. Nun ist sein Comic "Halbe Wahrheiten" auf Deutsch erschienen. Er erzählt über das Leben junger Urbanauten in Berkeley und New York.

Zeichnung von Tomine: In den suburbanen Schlafzimmern ambitionierter Teenage-Musiker. Bild: drawn & quarterly

Überall, wo er auftrete, sagte Adrian Tomine, gäbe es "this one guy": diesen einen Typen, der nur auf Buchvorstellungen gehe, um irgendwann aufzustehen, einen Monolog über sich selbst zu halten und diesen mit einer dümmlich-provokativen Frage an den Autor abzuschließen. Und das alles nur, um die Mädchen zu beeindrucken, was natürlich nicht funktioniere.

Ben Tanaka, der Protagonist in Tomines Graphic Novel "Halbe Wahrheiten", würde sich auf einer Lesung wahrscheinlich so verhalten. Der Chef eines maroden Programmkinos in Berkeley ist ein sozial und emotional gehandicapter, besserwisserischer Miesepeter, der drei Tage braucht, um alle seine Allergien aufzuzählen. Ben ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um zu bemerken, dass seine Freundin Miko ihm entgleitet - und nicht nur wegen des Praktikums beim Asian American Independent Film Institute nach New York geht.

Tomines Figuren bewegen sich zwischen Low- bis Kein-Budget-Filmfestivals, beknackten Performances, die mit Ehrfurcht rezipiert werden, und ewigwährenden Doktorarbeiten am Gender-Studies-Institut. Weil er diesen Slacker-Akademiker-Kosmos regelmäßig als Setting seiner grafischen Kurzgeschichten nutzt und mit den reduzierten, monochromen Zeichnungen so entlarvend genau trifft, wird der 34-jährige Tomine in den USA als eine Art Vignettenmaler seiner Generation gehandelt.

Tatsächlich wirken die Charaktere in "Halbe Wahrheiten" auf den ersten Blick typenhaft, die Dialoge manchmal allzu pointiert. Allerdings variiert er das Gespann Nerd & Lesbische-mollige-beste-Freundin hier mit dem des Fernsehseriennarrativs von zerstreuter Frau &4Schwu-lem Kumpel.

Gezeichnete Erzählungen frieren gewissermaßen Szenen einer Geschichte für einen Moment ein. Die Leser können zwischen den einzelnen Momentaufnahmen vor- und zurückspringen. In "Halbe Wahrheiten" setzt der Künstler aus Brooklyn immer wieder das Filmische ein: Er zeichnet Filmszenen nach oder lässt den Leser, der Perspektive einer Überwachungskamera gleich, mit leeren Räumen oder Flughafenparkplätzen allein; Schauplätze, die die Figuren längst verlassen haben.

Tomines Graphic Novel ist nicht nur eine Geschichte über das Verlassenwerden und das Weggehen (die Abwanderung von Berkeley nach New York ist etwa mit einem Umzug von Freiburg nach Berlin vergleichbar); vor allem verhandelt sie die interessante Frage, an welchem Punkt die Aufmerksamkeit gegenüber der eigenen Herkunft und die Vorliebe für bestimmte "Typen" in eine Art von Rassismus umschlagen.

Miko und Ben, beide Asiaten, reiben sich unaufhörlich am Thema Blondinen, seit Miko ihre hautfarbenspezifische Eifersucht in Form von Porno-DVDs, die sie bei Ben findet, bestätigt glaubt. Als Miko ihn später ihrerseits mit einem Weißen betrügt, nennt Ben diesen einen "Exotenstecher". Ben findet es "gruselig, wenn große weiße Kerle auf zierliche Asiatinnen abfahren" - während seine Affäre mit einer sommersprossigen Kalifornierin weiterhin okay sein soll.

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