Kommentar VW und die Börse: Ein Casino ohne Spielregeln

So krass wie derzeit bei VW war das Missverhältnis zwischen Börsenwert und tatsächlichem Wert noch nie: Hier zeigt sich, wie manipulationsanfällig die Finanzmärkte sind.

Es ist schier unglaublich: Während weltweit wegen der Konjunkturschwäche die Zahl der verkauften Autos sinkt und die Politik über Hilfen für die Industrie debattiert, explodiert der Aktienwert von Volkswagen: Mit einem Kurs von über 1.000 Euro war das Unternehmen aus Wolfsburg am Dienstag zwischenzeitig mehr als achtmal so viel Wert wie zu Jahresbeginn - und damit mehr als alle seine europäischen und amerikanischen Konkurrenten zusammen.

Diese extrem gegensätzlichen Nachrichten zeigen, wie sehr die Börse bisweilen von der realen Wirtschaft entkoppelt ist. Dass der Wert der dort gehandelten Aktien mit dem tatsächlichen Wert des zugehörigen Unternehmens oft nichts zu tun hat, ist zwar - nicht erst seit der Internetblase - allgemein bekannt. Doch so ein krasses Missverhältnis wie bei VW gab es wohl noch nie.

Anders als bei früheren Spekulationsblasen, bei denen auch viele Kleinanleger ihr Geld im Börsen-Casino verspielten, trifft das Chaos beim VW-Kurs aber überwiegend professionelle Zocker: vor allem Hedgefonds, die mit Leerverkäufen auf fallende Kurse gewettet haben, dürften in den letzten Tagen viele Milliarden verloren haben. Mitleid scheint nicht angebracht.

Dennoch sind die VW-Kurssprünge mehr als eine Posse. Zum einen zeigt sich, wie intransparent bisher gehandelt werden darf: Porsche konnte sich seine VW-Optionen völlig im Verborgenen sichern und dann mit der Veröffentlichung den Kurs manipulieren. Zum anderen wird erneut deutlich, wie sich an den Finanzmärkten mit minimalem eigenem Einsatz großes Chaos stiften lässt. Die gleiche Hebelwirkung, bei der mit geliehenem Geld spekuliert wird, hat schon die Finanzkrise extrem verstärkt. Falls Hedgefonds pleitegehen sollten, gefährden sie auch die Banken, bei denen sie verschuldet sind.

Die Forderung nach restriktiveren Regeln für Hedgefonds, einem Verbot von spekulativen Leerverkäufen und mehr Transparenz auf den Finanzmärkten bekommt dadurch eine ganz neue Relevanz. Ohne solche Veränderungen bleiben die Börsen nicht nur ein Casino - sondern sogar eins, bei dem nicht für alle Spieler die gleichen Regeln gelten.

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Jahrgang 1971, ist Korrespondent für Wirtschaft und Umwelt im Parlamentsbüro der taz. Er hat in Göttingen und Berkeley Biologie, Politik und Englisch studiert, sich dabei umweltpolitisch und globalisierungskritisch engagiert und später bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen in Kassel volontiert.   Im April 2014 ist sein Buch "Das Strompreis-Komplott" erschienen, das Lügen und Vorurteile rund um die Energiewende widerlegt. Es ist für 7 Euro im Buchhandel und im taz-Shop erhältlich.

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