US-Schriftsteller über Wahlergebnis: "Wir sind wieder Teil dieser Welt"

Die kulturelle Bedeutung von Obama als schwarzer US-Präsident ist enorm, meint der Schriftsteller Daniel Alarcón. Doch politisch wird er nicht durch Radikalität glänzen.

Die ganze Welt erwartet Großes von Obama - zum Beispiel die Philippinen. Bild: ap

taz: Herr Alarcón, Sie haben für Obama gestimmt. Was sagt Ihnen sein Slogan "Yes, we can"?

Daniel Alarcòn: Wenn es um Politik geht, neige ich zum Zynismus. Insofern bin ich nicht der Richtige, um an Slogans zu glauben.

Sein Appell an die Selbstermächtigung des Einzelnen - Sie glauben, da liegt ein Missverständnis vor?

Natürlich nicht. Obama hat die Idee "Was ist ein Amerikaner?" entscheidend geöffnet.

Inwiefern?

Viele, deren Eltern aus einem anderen Land kommen oder die zweisprachig aufgewachsen sind, haben sich bislang nicht als vollwertige Amerikaner gesehen. Sie hatten ein gespaltenes Selbstverständnis. Ab jetzt aber gehören sie offiziell dazu. Das geht weit über die "Rassen"-Frage hinaus.

Nach der Wahl titelte die New York Times, nun würden die Rassenschranken fallen. Teilen Sie diese Haltung?

Ja. Es ist überhaupt nicht hoch genug zu bewerten, dass der berühmteste schwarze Mann in den USA und in der Welt nicht ein Sportler, Sänger oder Rapper ist, sondern ein Präsident. Also supererfolgreich und hochgebildet. All die Klischees, was ein Schwarzer ist oder sein soll, fallen angesichts von Barack Obama in sich zusammen.

Wie haben Sie den Auftritt der Obama-Familie in Chicago nach dem Wahlsieg erlebt?

Ich bin im Süden aufgewachsen, habe Verwandte in Südamerika. Für mich war das unglaublich aufwühlend, eine schwarze Familie als "First Family" zu sehen. Ich kann das nicht beschreiben. Es macht mich wirklich sprachlos - vor Stolz.

Weil Sie sich endlich repräsentiert sehen - und zwar auf der ganz großen Bühne?

Ja, genau. All diese historischen Vergleiche, die jetzt überall bemüht werden - sie stimmen einfach. Hier wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen. Schon bevor Obama gewonnen hatte war klar, dass man von einer Zeit vor und einer Zeit nach Obama sprechen wird. Und nun hat er gewonnen. Für die nächsten vier Jahre wird Michelle Obama die First Lady sein. Eine Frau aus Südchicago, eine starke schwarze Frau. Das ist einfach Wahnsinn.

Jahrhundertealte Klischees werden dadurch überwunden?

Ja und nein. Natürlich muss man immer wieder unterstreichen, dass es einer bislang unvorstellbaren wirtschaftlichen Krise bedurfte, bevor sich die Amerikaner für diesen Kandidaten entschieden haben. Trotzdem glaube ich, dass jetzt etwas Neues beginnt. Wenn es irgendetwas Radikales an einem Präsidenten Obama geben wird, dann ist es der kulturelle Einfluss, der von ihm als schwarzer Präsident ausgehen wird. Und der wird dramatisch sein. Politisch gesehen wird Obama nicht durch Radikalität glänzen; das kann er gar nicht. Radikale Präsidenten gibt es nicht. All die Verrückten, die glauben, Obama wäre ein Sozialist, Kommunist oder so etwas Ähnliches, werden schnell merken, dass sie total falsch liegen.

Obama hat die Amerikaner während seiner letzten Rede auf einen neuen Patriotismus eingeschworen. Konnte er Sie damit gewinnen?

Ich liebe mein Land. Und diese Liebe überwiegt gelegentlich meinen Hang zum Zynismus. Es ist ja unmöglich, die Macht der Inspiration zu messen. Aber Obama ist so erfolgreich, weil er die verschiedensten Leute an einen Tisch und zum Reden bringt. Und weil er so voller Hoffnung von der Zukunft spricht. Wie er diese Hoffnung in politisches Handeln übersetzen wird, ist mir nicht klar. Aber das möchte ich sehen.

Obamas Kampagne hat vor allem die junge Generation elektrisiert. Wie fühlt man sich jetzt als dreißigjähriger Amerikaner, dessen Eltern ursprünglich aus Peru stammen?

Dienstagnacht war monumental und hat sich monumental angefühlt. Wenn ich daran denke, kriege ich immer noch feuchte Augen. Ich weiß nicht, ob man sich das vorstellen kann, wenn man kein Amerikaner ist, aber es bedeutet so viel: dass wir wieder ein Teil dieser Welt sein können.

Waren die letzten Jahre so schlimm?

Absolut. Nach acht Jahren Bush gehörten wir einfach nicht mehr dazu. Bush hat die fundamentalen Werte der USA zum Gespött gemacht. Jetzt müssen wir uns wieder zu ihnen bekennen. Und das geht nicht ohne Dramatik.

Vielleicht hatte es ja auch sein Gutes, dass diese Vorstellung, dass Amerika die ganze Welt heilen müsse, ein paar Schrammen abbekommen hat.

Die Alternative besteht ja nicht zwischen interventionistischem Messianismus oder radikaler Inkompetenz. Es gibt ja noch eine dritte Möglichkeit. Ich habe weder gemeint noch gesagt, dass die Welt einen amerikanischen Imperialismus braucht. Was ich meinte, war, dass George W. Bush den Respekt verspielt hat, den viele in der Welt vor den USA hatten. Und das war überhaupt keine gute Sache. Aber mir ist auch klar: Ohne Bush gäbe es keinen Obama. Man muss erst am Boden liegen, bevor man so eine dramatische Entscheidung treffen kann wie jene von Dienstagnacht.

Wann werden die Republikaner zurückschlagen?

Ich bin sicher, dass sie schon damit begonnen haben. Die Position, die Sarah Palin verkörpert, ist in den USA sehr mächtig. Unser Wahlsystem neigt ja immer zur Überzeichnung. Aber Bush hat das letzte Mal auch nur mit 51 Prozent gewonnen, Obama nun mit 52 Prozent. Natürlich sind die Republikaner noch sehr stark. Und welcher Parteiflügel sich nun durchsetzen wird, der von Palin oder der von McCain, das wird man sehen.

Während alle im Taumel über Obamas Sieg schwelgen, wurde in Kalifornien die gleichgeschlechtliche Ehe abgeschafft. Per Volksentscheid.

Das ist sehr enttäuschend. Ein Aktivist sagte: "Nun können Eltern zu ihren Kinder sagen: Ihr könnt alles werden - nur schwul geht nicht." Das war ein Angriff auf die Latino-Community, die zwar mehrheitlich für Obama gestimmt hat - aber eben auch dagegen, dass Schwule und Lesben heiraten dürfen.

Zeigen sich da die ersten Risse in der neuen Kultur der Solidarität, die Obama beschwört?

Von Solidarität hat Obama sicher nicht gesprochen. Das werden ihm seine Berater nicht erlaubt haben. In amerikanischen Ohren klingt "Solidarität" viel zu kommunistisch. Obama spricht von "weniger gespalten" oder von "mehr Gemeinschaft".

Gut - aber spricht der Ausgang des Referendums in Kalifornien nicht dafür, dass sich die Gemeinsamkeiten zwischen der überwiegend katholischen Gemeinschaft der Latinos und jener der Schwulen und Lesben in Grenzen halten?

Hier geht es gar nicht so sehr um katholisch, Latino, schwarz oder weiß. Sondern ums Alter. Die Jüngeren interessiert kaum noch, ob jemand schwul, lesbisch oder straight ist. Selbst bei den Republikanern ist das nicht mehr so wichtig, und nun hat sich selbst der Präsident für gleichgeschlechtliche Ehen ausgesprochen. Diese Abwehrhaltung gegen "queer" wird sich nicht mehr lange halten können. So niederschmetternd diese Entscheidung ist: Auf lange Sicht wird sich das Problem erledigen.

Warum? Weil die Älteren aussterben? Oder weil sie eines Besseren belehrt werden?

Ich will mich jetzt nicht auf die menschliche Sterblichkeit verlassen (lacht). Aber ich glaube: So, wie das Frauenwahlrecht einmal unvorstellbar war, wird auch das Verbot schwuler und lesbischer Ehen bald unvorstellbar sein.

INTERVIEW: INES KAPPERT

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de