Kommentar US-Präsident: Verknallt in Obama - aber richtig

Deutsche sind gut darin, sich soziale Bewegungen schlecht zu reden, weil sie nicht alle Ideale verwirklicht bekommen. Das gleiche droht nach dem Obama-Wahlsieg.

Bewegungsdenken hat eine Neigung zum Manisch-Depressiven. Wir Deutschen sind ganz gut darin. Erst feiert man, dass es eine neue soziale Bewegung gibt. Dann verbittert man darüber, dass sich nicht alle Ideale verwirklichen ließen. 68 verlief so, das rot-grüne Projekt teilweise auch. Inzwischen wird die Gefahr erkennbar, dass man von Deutschland aus genau dieses Denken auf Obamas Wahlsieg projiziert. Damit würden aber die falschen Lehren aus der grassierenden Verknalltheit in den gewählten US-Präsidenten gezogen.

Denn es ist eine uramerikanische Erzählung, die sich in den USA durchsetzte. Sie lautet: Jeder kann zum großen amerikanischen "Wir" dazugehören - jeder, der nur will, jenseits von Hautfarbe, Religion, Herkunft. Das ist die integrative Erzählung vom amerikanischen Traum, die Barack Obama verkörpert und die nach acht frustrierenden Bush-Jahren so viele Menschen mobilisierte. Diese Erzählung ist so amerikanisch wie McDonalds - nur dass sie sich leider nicht ebenso einfach und erfolgreich auf uns übertragen lassen wird. Denn in Deutschland wird immer noch eher auf Abgrenzung gesetzt - auch in linksliberalen Kreisen.

Drei Beispiele: Wenn hierzulande an Halloween deutsche und türkische Kids fröhlich gemeinsam durch die Straßen toben, hört man auch liberale christliche Stimmen, die das als beliebige Konsumkultur verteufeln - als ob man nicht froh sein sollte, dass ein paar Euro reichen, um Jugendliche verschiedener religiöser Prägungen zusammenzubringen. Bei Debatten um 68 geht es alten Kämpen immer noch darum, wie das damals "wirklich" war - anstatt sich zu freuen, dass inzwischen jede neue Generation die Bilder von 68 gebraucht, um ihren eigenen Willen zu einem selbstbestimmten Leben zu illustrieren: so wie Amerikaner das mit dem Erbe ihrer Bürgerrechtsbewegung tun. Und wenn gut ausgebildete Mittelstandspaare wieder in ehemals heruntergekommenen Bezirken unserer Innenstädte leben wollen, wittern die Soziologen gerne Gentrification - als ob Verschönerung der Lebenswelt kostenfrei zu haben wäre.

Die Lehre aus Obamas Wahlsieg wäre, auch in Deutschland nach integrativen Erzählungen zu suchen. Wie soll unser "Wir" aussehen, zu dem Minderheiten und Mittelschichten, Benachteiligte und Bürgerkinder Ja sagen können? Gelebte Multikulturalität, gute Traditionen, lebenswerte Innenstädte gehören dazu. Wer Obama bejubelt und zugleich wichtige Voraussetzungen seines Wahlsiegs - wie einen positiven Bezug zu Konsum und eine große Leistungsbereitschaft - nicht wahrhaben will, der wird demnächst tatsächlich depressiv werden.

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Dirk Knipphals, Jahrgang 1963, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in Kiel und Hamburg. Seit 1991 Arbeit als Journalist, seit 1999 Literaturredakteur der taz. Autor des Sachbuchs "Kunst der Bruchlandung. Warum Lebenskrisen unverzichtbar sind" und des Romans "Der Wellenreiter" (beide Rowohlt.Berlin).

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