Star-Parade in Düsseldorf: Der Erfolglose hat selbst Schuld

Bill Clinton, Henry Maske, Atze Schröder: Der Eintritt zu Deutschlands größtem Erfolgskongress in Düsseldorf kostete 99 Euro, die 10.500 Besucher waren restlos begeistert.

"Erfolg ist, so auszusehen wie ich und trotzdem zu Wetten dass..? eingeladen zu werden", meint Atze Schröder. Bild: ap

"Scheitern", so der US-amerikanische Soziologe Richard Sennett, sei "das große moderne Tabu". Wie aktuell diese These ist, konnte man am Wochenende im ISS Dome in Düsseldorf erleben. Denn dort tagte am Samstag "Deutschlands größter Erfolgskongress", der trotz 99 Euro Eintrittsgeld mit 10.500 Besuchern restlos ausverkauft war.

Bereits frühmorgens stauten sich die Edelkarossen auf der dreispurigen Zufahrtsstraße. Und drinnen, in der riesigen Arena, sah es die Schar der Erfolgsjünger den Veranstaltern (Focus Money und dem Finanzdienstleister AWD) dann erstaunlich großmütig nach, dass die auf der Bühne alles andere als besonders exklusive oder originelle Tipps auftischten.

Eine achtköpfige Riege aus so unterschiedlichen Siegertypen wie Ex-US-Präsident Bill Clinton, dem Boxer Henry Maske, RTL-Comedian Atze Schröder oder auch dem Opern singenden Handyverkäufer Paul Potts trat hier als Referenten auf, um über das "Geheimnis" ihres Erfolgs zu sprechen.

Eine etwas willkürlich anmutende Auswahl, die schon auf den ersten Blick zeigte, dass eine Berufslaufbahn heute weniger denn je irgendwelchen "Regeln" gehorchen muss. Moderiert wurde die Personality-Show von der bewährten Talkfrau Sabine Christiansen. Neben Haltungs- und Rhetoriktipps ging es auch um so disparate Themen wie US-Wahl, Finanzkrise, Rente, erneuerbare Energien oder die überalternde Gesellschaft.

Am liebsten aber sprachen die Stars über sich selbst und ihre ganz persönlichen Triumphmomente. Der Schweizer Weltumsegler Bertrand Piccard empfahl, sich ruhig mal von seiner Neugier treiben zu lassen wie ein Heißluftballon vom Wind. ("Werfen Sie Ballast über Bord!") Und dazu spielte er dann über drei Minuten lang den Beatles Song "Let it be" in voller Lautstärke ein: zumindest vom Titel her eine eher zweifelhafte Karrieristenhymne.

Atze Schröder machte dagegen schon bei der Begrüßung deutlich, dass er nicht wusste, warum man ihn als "Nummer 1"-Experten ausgewählt hatte. "Erfolg", mutmaßte er witzelnd, "ist, so auszusehen wie ich und trotzdem zu Wetten dass..? eingeladen zu werden." Danach beschränkte sich sein Vortrag (Presseankündigung: "Wie begeistere ich mit Humor?") darauf, Ausschnitte aus dem aktuellen Soloprogramm Mutterschutz runterzuspielen. Denn schließlich, so Atze: "Muttersein is ja Erfolg an sich!"

Henry Maske riet zu frühem Aufstehen und hartem Lauftraining, das habe ihm beim Comeback gegen Virgil Hill "unbändige Kraft gegeben". Der Wirtschaftsweise Professor Bert Rürup wiederum mahnte, frühzeitig für die Rente zu sparen. Und Hauptredner Bill Clinton schließlich meinte, Erfolg bedeute für ihn, immer noch regelmäßig seine alten Schulfreunde zu treffen. "Meine Freunde von damals würden mich genauso mögen, wenn ich nur Tankwart geworden wäre!", behauptete der ehemalige US-Präsident und fügte brav hinzu, dass "Geld nicht das Maß aller Dinge" sei. Wenn man 250.000 Euro für einen Auftritt bekommt, sagt sich so was natürlich besonders leicht.

Doch selbst die floskelhaftesten Bemerkungen wurden vom Publikum noch stürmisch beklatscht, als würde mit ihnen ein tiefes Geheimnis gelüftet. Schließlich ist die Rede vom Erfolg die pseudoreligiöse Erweckungspredigt des modernen Menschen. Da geht es mehr um den gesalbten Sound als um neue Botschaften, die bei etwas genauerem Hinhören eigentlich auch schon die eigene Großmutter parat hatte. Nur, dass die Großmutter simple Ratschläge wie "Bauch rein, Brust raus!" oder "Lächle mal wieder!" zugegebenermaßen nie so trendig formuliert hätte wie etwa "Deutschlands Rhetorikpapst" Dr. Rolf Ruhleder. Der sagte in Düsseldorf Sätze wie: "Man kann einem Menschen am besten die Zähne zeigen, indem man ihn anlächelt!"

Körpertrainerin Monika Matschnig sprach davon, "dass jeder Mensch eine Strategie entwickeln muss, um sofort in eine gute Stimmung zu kommen". Und spätestens, als sie dafür auch noch Haltungsvorschläge machte ("Brustbein heben!"), war man endgültig beim pseudoreligiösen Credo jener Selbstoptimierungs-Ideologie angelangt, der sich nach dem Soziologen Max Weber auch schon die protestantischen Arbeitsethiker verpflichtet fühlten.

Der Erfolglose ist demnach der Ungläubige. Und damit derjenige, der letztlich immer selbst schuld an der eigenen Misere ist. Denn er lächelt zu wenig. Er steht zu krumm. Er spricht zu leise. Und ist vor allem: einfach viel zu wenig "positiv" eingestellt.

Doch die beunruhige Soziologenerkenntnis, wonach heute wahrscheinlich mehr denn je die Möglichkeit eines unverschuldeten Versagens besteht, klammerten die Erfolgsgurus auch im ISS Dome lieber aus.

Oder, wie Kongressveranstalter und AWD-Chef Carsten Maschmeyer so schön formulierte: "Selbst in der Bibel steht, dass man an sich selber glauben soll. Und dass es schöner ist, optimistisch zu sein und sozial verträglich als irgendwie introvertiert und verbittert."

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de