Nachtleben auf den Kapverden: Die swingenden Inseln

Vor der Insel São Vincente gammeln die Tanker. Aber nachts kehrt Leben ein in Clubs und Restaurants: Bands spielen die Morna oder die schnellere Coladeira.

Die „Batukaderas Delta Cultura“ Bild: Jennifer Jane Smith/cc-by-sa

Barfuß. Natürlich ist die Königin barfuß. So wie sie die Bühnen der Welt betritt und mit ihren Füßen küsst, thront sie auf einem niedrigen, zweisitzigen Sofa. In Mindelo steht das neue weiße Haus Cesaria Evoras. Die Grande Dame der kapverdischen Musik, hält Hof. Um sie herum tanzt eine devote Entourage aus Bediensteten, Journalisten und einheimischen Bittstellern. Goldberingt fingert sie nach einer Marlboroschachtel, die in ihrer Leopardenschürze steckt, zieht eine Zigarette heraus und raucht. Gelegentlich lächelt sie, aber ihre Augen lächeln nicht mit. Sie sitzt breitbeinig und leicht gebeugt. Mit ihrem bunt bedruckten weiten Kleid und ihrem Kopftuch wirkt sie wie eine Eingeweihte, die Priesterin irgendeines kreolischen Kults.

Schließlich geleitet sie ihre Gäste in ihre gute Stube, einen Evora-Souvenirshop, dessen Wände mit gerahmten goldenen Schallplatten gepflastert sind. Ihre Agentin übersetzt Evoras Kreolisch. An der Wand tickt eine Elvis-Uhr. Evora holt eine Kristallkaraffe und serviert eigenhändig einen Grogue, landestypischen bräunlichen Zuckerrohrschnaps. Evora selbst rührt ihn nicht an. Früher, heißt es, war in jedem Plattenvertrag der Whisky inklusive. Heute raucht sie nur noch wie ein Schlot, doch das tut ihrer seelenvollen Stimme mit dem schwingenden, dunklen Timbre keinen Abbruch. Im Gegenteil. Evora singt die Morna, wie keine andere, vermischt die aus dem portugiesischen Fado stammenden Elemente mit brasilianischen, kubanischen oder westafrikanischen Klängen.

„Die Morna“, sagt sie, „ist unsere Religion und unsere Therapie, sie erlöst unsere Traurigkeit.“ Evora hatte kein leichtes Leben. Sie, ihren Blues und ihre Würde entdeckte die Welt erst, als ein französischer Musikproduzent der damals 47-jährigen Barsängerin zum internationalen Durchbruch verhalf. Bis dahin blieb die Diva, die heute, mit fast siebzig Jahren, reisebereit inmitten ihrer Koffer schläft, im kapverdischen Mindelo.

Evoras Stadt schmiegt sich umgeben von kargen Bergen in einen Talkessel und klettert allmählich die Hänge hinauf. Die koloniale Architektur, die großzügig angelegten Avenues und der selbstbewusste, modelhafte Gang der Kreolinnen erzählen von ihrer alten Blüte. Früher war der natürliche Hafen der Insel São Vincente ein idealer Zwischenstopp für Dampfschiffe, heute gammeln hier neben einer Yachtflotte die Tanker. Doch der Geist der Seeleute, die hier auf ihrem Weg zwischen Europa und Amerika Grogue, Gesang und kreolische Giselles fanden, hat die Insel nicht ganz verlassen. Heute noch pocht das Nachtleben im Rhythmus einer anderen Zeit. In traditionellen Clubs und in kleinen Restaurants spielen Bands die Morna oder ihre schnellere Variante, die heitere, vom karibischen Zouk und dem brasilianischen Samba gefärbte Coladeira.

Wo in Mindelo gerade Musikveranstaltungen stattfinden, findet man am besten vor Ort heraus. In Pensionen und Hotels liegen Mitteilungen aus, auch bei der Touristeninformation kann man sich erkundigen: Informação Turistica, Lucete Fortes, Av. Amilcar Cabral, www.bela-vista.net

Clubs, Bars und Restaurants mit Live-Musik:

Archote, Rua Irmas Amor Deus. Samstags Folklore, dienstags Live-Musik

Casa Café Mindelo, Rua Governador Calheiros 6/Av. da Republica.

Chez Loutcha, Rua do Coco. Freitags Morna-Live-Musik

Clube Nautico, Rua Lisboa. Mehrfach die Woche Live-Musik

Le Café Musique, Rua Lisboa. Sonntags geschlossen. Meist Live-Musik ab 23 Uhr

Nella, Rua Lisboa (über dem Café Lisboa). Montags, freitags und samstags Live-Musik

Tradisson e Morabeza, Av. Republica (über der Tankstelle). Häufiger Musikveranstaltungen

Die drei größten Musikfestivals der Kapverden finden alljährlich an den Stränden der Inseln Sal, Santiago und Sao Vincente statt. Die Festivals unterscheiden sich im Musikstil

Sao Vincente, Festival Baia das Gatas. Das Festival findet am ersten Augustwochenende nach Vollmond statt. Kapverdische und internationale Bands.

Santiago, Festival Praia da Gamboa am gleichnamigen Strand. Findet alljährlich im Mai statt. Kapverdische, afrikanische und brasilianische Musik

Sal, Strandfestival von Santa Maria im September. Hier wird vor allem Zouk, zeitgenössische kapverdische Musik gespielt.

Die jungen Mindeloer sind portugiesischer als ihre Inselnachbarn, doch vor allem sind sie brasilianischer. Brasilien war schon immer näher als Europa. Heute laufen brasilianische Soaps auf allen TV-Kanälen. Die Kreolin, die im Café Lisboa bedient, trägt große Ohrringe und ein Shirt mit der Nationalflagge Brasiliens. Vielleicht ist sie auch später dabei, wenn die Mindeloer Teenies und Twens beim Sonnenuntergang auf einem der Praças geschmeidig zu brasilianischen Capoeiraklängen tanzen. Brasilien ist „in“ in Mindelo, es ist der große Bruder der kleinen Insel São Vincente.

Heute winden sich die Mindeloer, wenn es um ihre afrikanischen Ursprünge geht. Sie sind mehr Samba und Zouk als Sodade. „Batuko? Das ist schrecklich, das ist afrikanisch, das ist keine Musik!“, ruft José, der Mindeloer Touristenführer, und unterstreicht ganzkörperlich seine Abscheu vor der afrikanischsten der kapverdischen Musikformen. Der Batuko, der von der größeren Insel Santiago stammt, ist näher am Puls der afrikanischen Vergangenheit der Inseln, die einmal als Umschlagplatz des transatlantischen Sklavenhandels dienten.

Hier, zwischen Pranger und Kirche, war die schwarze Musik verboten, also trommelten die Frauen auf Tüchern, die sie zwischen ihre Schenkel klemmten. Für den Touristenführer mit der roten Baseballcap, der von seiner afrikanischen Herkunft nichts wissen will, ist die Nachbarinsel Santiago etwa so fern wie der Mond. Vielleicht auch, weil die Mindeloer den neuen Hauptstädtern die Firmenzuzüge und Arbeitsplätze neiden und weil sie das dort gesprochene Kreol, das Badio, kaum verstehen.

Doch die Kapverdianer feiern ihre Versöhnung. Ein paarmal im Jahr packen sie ihre Siebensachen und ziehen dahin, wo die Musik spielt, immer am Strand. Bei den großen Musikfestivals der Inseln kommt die Nation zusammen und feiert. Alle kommen: Alte und Mamas, Kiffer und Kiddies. Wer zusammenbricht, schläft am Strand. Aber wer bricht schon zusammen, wenn die Inseln swingen? Spätestens am Morgen, wenn die Sounds der Nacht verklungen sind, baden alle im Rhythmus des Meeres. Zwischen Brasilien, Europa und Afrika.

Für einen langen Moment wissen sie dann vielleicht, was ihre Inseln eigentlich zusammenhält. Der Premierminister der Kapverden jedenfalls muss es geahnt haben, als er der Königin des Morna einen Diplomatenpass verlieh. Cesaria Evora ist die wahre Botschafterin der Inselkette im Atlantik, denn die Botschaft der Inseln ist ihre Musik.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de