Boom an Öko-Nahrung hält an: Bio wächst etwas langsamer

Der Umsatz mit Öko-Lebensmitteln ist 2008 um zehn Prozent gewachsen - weniger als im Vorjahr. Die Bauern können die dennoch Nachfrage kaum bedienen.

Öko-Lebensmittel kommen das fünfte Jahr in Folge auf zweistellige Zuwachsraten. Bild: dpa

Deutschlands Bio-Branche wächst trotz Wirtschaftskrise weiter - aber langsamer als bisher. Zwar wurden 2008 rund 10 Prozent mehr Öko-Lebensmittel verkauft als im Vorjahr. Aber 2007 hatte der Umsatz noch um 15 Prozent zugelegt. Das zeigen Zahlen, die der Bundesverband Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) am Mittwoch in Berlin vorgestellt hat.

BÖLW-Chef Felix Prinz zu Löwenstein gab sich trotz des gebremsten Wachstums optimistisch. "Wir sind zufrieden damit, wie sich der Markt entwickelt", sagte er bei einer Pressekonferenz vor der Agrarmesse "Grüne Woche". Nicht ohne Grund: Während Öko das fünfte Jahr in Folge auf zweistellige Zuwachsraten kommt, wächst der gesamte Lebensmittelmarkt deutlich langsamer.. Bio hat an ihm nur einen Anteil von etwa vier Prozent, was 5,8 Milliarden Euro entspricht.

Treiber des Öko-Wachstums sind vor allem konventionelle Läden, die auch Bio-Produkte verkaufen. Diese Geschäfte machten elf Prozent mehr Umsatz als im Vorjahr. Aber besonders stark legten auch die auf Bio spezialisierten Supermärkte zu, die ein besonderes Sortiment haben. Die Zahl solcher Läden mit mehr als 300 Quadratmetern Verkaufsfläche nahm um 50 Märkte zu.

Das geht allerdings zu Lasten der kleineren Händler: Unter dem Strich sind 54 vom Markt verschwunden. Der Trend zur Konzentration läuft also weiter. "Die kleinen Geschäfte geraten unter Druck", warnte BÖLW-Geschäftsführer Alexander Gerber.

Der Konjunktureinbruch macht den Branchenvertretern aber offenbar keine Sorgen. Managerin Manon Haccius von Deutschlands größter Biosupermarktkette Alnatura zum Beispiel: "Wir beobachten kein Abflachen des Einkaufs in den Biogeschäften in den vergangenen vier, fünf Monaten, die die Wirtschafts- und Finanzkrise jetzt ja wohl schon dauert", sagte sie. Die Kunden würden nicht an der Qualität ihrer Lebensmittel sparen.

Die Verlangsamung des Wachstums begründet der BÖLW statt dessen vor allem damit, dass die Branche gar nicht genügend liefern könne, um die Nachfrage zu befriedigen. So fehlten zeitweise Produkte wie Möhren, Kartoffeln und Dinkel. Wäre das Angebot größer gewesen, erklärte Agrarökonom Ulrich Hamm von der Universität Kassel-Witzenhausen, wären die Wachstumsraten noch höher ausgefallen.

Das ist eine riesiege Chance für Bauern. Dennoch stellen bisher nur wenige auf Bio um. Die Zahl der Öko-Höfe wächst immer noch viel langsamer als der Markt für Bio-Produkte. Ende 2008 wirtschafteten ungefähr 10.400 Betriebe nach den Regeln der Öko-Anbauverbände. Das sind 4,8 Prozent mehr als vor einem Jahr. Immerhin verdoppelte sich die Zuwachsrate im Vergleich zum Vorjahr.

Trotzdem bleibt Bio damit auf dem Land eine absolute Nische: Öko-Bauern bearbeiten nun insgesamt lediglich 5,6 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in Deutschland: cirka 910.000 Hektar. Das ist eine leichte Steigerung gegenüber 2007, als das Plus noch bei 4,9 Prozent gelegen hatte.

Die Folge der weit geöffneten Schere zwischen dem Angebot in Deutschland und der Nachfrage ist, dass die Bio-Händler viel importieren müssen. Schätzungsweise 30 bis 50 Prozent der hier verkauften Ware kommen aus dem Ausland.

Und ein Ende ist nicht abzusehen. Die Nachfrage werde in absehbarer Zukunft größer als das Angebot sein, prognostizierte Experte Hamm. Für die Bauern kann das langfristig gravierende Nachteile bedeuten: "Die deutsche Landwirtschaft wird weitere Anteile im Öko-Markt verlieren", sagte Experte Hamm. "Einmal verlorene Marktanteile sind aber schwierig zurückzuerobern, solange der Handel mit den Lieferanten zufrieden ist."

Deshalb fordern die Öko-Lobbyisten mehr Hilfe vom Staat. Zwar bekommen die Bauern, die auf Bio umstellen, schon mehr Geld aus öffentlichen Kassen als bisher. "Aber die Umstellungsförderung ist offensichtlich immer noch nicht genug", sagte BÖLW-Vorsitzender Löwenstein. Die Zahlungen sollen den Landwirten helfen, weil sie in der mehrere Jahre dauernden Übergangszeit zwar bio produzieren müssen, aber nur zu den niedrigeren konventionellen Preisen verkaufen dürfen.

Löwensteins Meinung nach liegt es im Interesse der Gesellschaft, mehr Landwirte von Bio zu überzeugen. Schließlich sei Öko umweltfreundlicher: Es gelangen keine chemisch-synthetischen Pestizide ins Grundwasser, und die Bauern verzichten auf energieintensive Mineraldünger. "Der Ökolandbau bietet auch Lösungen für die großen Herausforderungen Klimaschutz und Sicherung der Welternährung", argumentiert der Branchenverband. Die Politik müsse daher die Umstellungsförderung weiter erhöhen. Außerdem solle der Staat Forschung und Züchtung für den Sektor Biolandbau mindestens genauso stark fördern wie für den konventionellen Landbau.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de