Aktions-Gala auf dem taz-Kongress: "Kann man die mieten?"

Eine Sähguerilla, Nazi-Parodisten, eine kletternde Castorgegnerin und viele mehr: Auf der Gala der politischen Aktionen hat die "Polizei" jede Menge zu tun.

Zeit überzogen: Die Bergpartei wird von der Bühne geräumt. Bild: tobias zollenkopf

"Es wird ein nicht ganz kurzer Abend“ kündigt Moderator und Ressortleiter der taz Berlin-Redaktion Gereon Asmuth die „Große Gala der politischen Aktionen" an. Elf Aktivistengruppen stehen auf dem Programm, in einem Kontest sollen sie zeigen, welche Aktionsform die beste ist.

Fünf Minuten Zeit hat jede Gruppe, eine Jury aus Anti-Atomkraft-Aktivist Jochen Stay, taz-Redakteurin Gina Bucher, Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit und Künstlerin Uli Ertl darf kommentieren. Zum Aufwärmen hat Clown und Autor Klaus Werner-Lobo Luftschlangen mitgebracht, das Publikum soll Jubeln üben. Der erste Durchgang klappt, dann wird es ernst.

Der erste Auftritt: "das Eichhörnchen", Cecile Lecomte, hat Fotos mitgebracht. Von Urantransporten, von Baumbesetzungen und auch von ihr als Kind – beim Klettern an einer Felswand. Die ehemalige französische Meisterin im Bergklettern hat schon alleine Transporte über mehrere Stunden aufgehalten – und im Anschluss in Handschellen ein Fernsehinterview gegeben. Klettern ist für sie eine "schöne Aktionsform, die auch ausdrücklich gewaltfrei ist". Sie eignen sich nicht nur gegen Atomtransporte, sondern auch bei Nazi-Demos, Versuchsfeldern für gentechnisch veränderten Mais und gegen Flughafenausbauten. "Ich habe dich selten so lange auf dem Erdboden gesehen wie hier die fünf Minuten", meint Jochen Stay.

Zweiter Auftritt: die Bergpartei. Jan Theiler und Co haben eine Fotoshow und eine Selbstdarstellung mitgebracht, die Theiler in atemberaubender Geschwindigkeit vorliest. Die fünf Minuten halten auch sie nicht ein, rufen aber gleich auch noch zur Demonstration gegen die Verlängerung der A 100 am Sonntag auf und gehen auf Unterschriftenjagd, um bei der Bundestagswahl in Berlin auf den Wahlzettel zu kommen. Die Kritik ist durchwachsen und als der Auftritt am Ende von zwei Vertretern des Bildungsstreiks gekapert wird und die Beamten untätig daneben stehen, mischt sich Moderator Asmuth ein: "Die Berliner Polizei hat auch schon mal härter durchgegriffen."

Campact dürfen als nächstes auf die Bühne. Sie haben neben überdimensionalen Karikaturen-Masken von Politikern wie Agrarministerin Ilse Aigner, Ex-Bahnchef Mehdorn und Kanzlerin Angela Merkel einen Film mitgebracht. Gewohnte Kameraschwenks, schnelle Schnitte. Spätestens jetzt ist klar: Ohne Multimedialität geht es bei Aktivisten von heute nicht mehr. Auch sie überziehen die vorgegebenen fünf Minuten, lassen sich aber im Gegensatz zu den vorhergehenden Aktivisten ohne Protest abführen.

Padeluun vom Foebud ist da. Mit Anzug und kleinen Merkzetteln. Auf seiner schwarzen Krawatte steht in kleinen Buchstaben Security. Der Verein kämpft seit 1987 für den Datenschutz "heute nennen wir das Menschenschutz", ergänzt Padeluun. "Mittlerweile sind Konzernchefs über das Thema Datenschutz gestolpert", freut er sich. Im Hintergrund laufen Fotos von Demos und Kampagnen. Er schafft es als Erster, sich auf fünf Minuten zu beschränken. Von der Jury gibt es Lob für die Aktionen: "Hypermodern", sagt Cohn-Bendit, "eine klasse Leistung", findet Stay.

Die Front Deutscher Äpfel inszeniert sich mit Volksmusik, in der umfangreich von Heimat die Rede ist, Fahnen mit schwarzem Apfel in weißem Kreis auf rotem Grund und dunklen Sonnenbrillen. Alles hochironisch natürlich - genau so, wie die Front Deutscher Äpfel auch auf Nazi-Gegendemos auftauchen. Gründer Alf Thum hat seine Hausaufgaben gemacht: Er hält seine Kampfrede frei und mit dem nötigen Pathos. Schönheitsfehler: Einer der Fahnenträger hat wohl seine schwarzen Stiefel nicht gefunden und steht in dunklen Turnschuhen auf der Bühne – bis zum Eingreifen der Polizei. "Überzeugendes Corporate Design", lobt Gina Bucher.

Nummer sechs: die Gartenpiraten. Ihre Filmbilder sind grobkörnig und wackelig, dafür verursacht der auf wissenschaftlich getrimmte Vortrag über Guerilla Gardening Lacher. Sympathien im Publikum schafft die Gruppe mit der Verteilung von Biomais-Samen zu Live-Musik. Praktischer Nebeneffekt: Die Polizei hat ein echtes Problem, die Aktivisten einzusammeln. "Kann man die mieten für die Castor-Strecke?", ist der erste Gedanke von Jochen Stay. Cohn-Bendit findet den Slogan "Eine andere Welt ist pflanzbar" toll.

Attac braucht erst gar keine Bühne. Ein Dutzend Aktivisten verteilen im Publikum einfach ihre Fake-Ausgabe der Wochenzeitung Zeit vom März. "Die Zeitung war fast durchgehend gut", bilanziert Cohn-Bendit. Vielleicht ist Attac einfach schon zu etabliert – der Applaus ist nicht ganz so laut.

Eine Dame in langem Kleid und ein Herr im Anzug betreten die Bühne. Sie erklären auf Englisch, dass sie gegen Nationen und Nationalismus kämpfen. Und da traditionelle Konzepte wie Latschdemons, Lesezirkel, Parteigründungen nicht funktioniert haben, präsentieren sie ein neues Konzept: Pink Rabbit, ein Werkzeug für alle Anwendungen. "Da es nicht spricht, entfallen alle Verständigungsprobleme", werben sie. Ein Geschenk an die taz gibt es vom Hasen himself: Ein grünes Kreuz in Plüsch.

Mit Gartenstuhl und Sonnenhut macht es sich die Aktivistin von Gegensaat auf der Bühne bequem, kommentiert die Diashow im Hintergrund. Ganz wie im echten Leben tragen auch hier die Polizisten die Aktivisten von der Bühne. Jochen Stay, der seine Tocher auf einem der Bilder wiedererkannt hat, freut sich. Gina Bucher lobt die "Übertragbarkeit".

Das Bündnis "Bahn für Alle" erklärt im Anschluss dem Publikum das Konzept eines Flashmobs – viele Leute machen an einem Ort gleichzeitig eine ungewöhnliche Aktion – was das Bündnis als Protestform gegen die Bahnprivatisierung angewandt hatte. "Es klang ganz gut, aber ich habe nicht ganz verstanden um was es geht", kommt etwas Kritik von Gina Bucher.

Zum Schluss dürfen die Aktivisten von "Mediaspree versenken" die Bühne stürmen. Die Aktivisten sind heute als "Spreeuferrettungsdienst" unterwegs, auf der Bühne stehen sie mit einem Transparent und gebastelten Hochhäusern. "Für alle war was dabei", lobt Ertl das Konzept.

Der abschließende Applaus stellt die Jury vor ein Problem: Keine der Gruppen zeichnet sich eindeutig als Gewinner ab. "Alle sind Nummer Eins", rufen schließlich ein paar Besucher. Daher gibt es am Ende Kapuzenpullover für alle und eine Menge Unterschriften für die Bergpartei. Die nächste Aktion steht auch schon fest: aufräumen. Der Saal sieht so aus, als hätten dort in den letzten Stunden gleich mehrere Demonstrationen stattgefunden – von sehr unterschiedlichen Aktivisten. Stimmt ja auch.

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