Bildungs-Demos im Norden

Streiken für die eigene Bildung

Bis zu 50.000 SchülerInnen und Studierende sind am Mittwoch in Norddeutschland auf die Straße gegangen. Sie kritisierten den Leistungsdruck, große Klassen, das Turbo-Abitur und die Bachelor-Master-Struktur.

"Reiche Eltern für alle" und "Bildung umsonst", das forderten mehrere tausend SchülerInnen in Norddeutschland. Hier die Bildungsstreikenden in Hamburg. Bild: dpa

Viele Tausend SchülerInnen und Studierende im Norden sind Mittwoch früh dem Aufruf zum Bildungsstreik gefolgt. In Hamburg zogen über 13.000 vom Uni-Campus zum Rathausmarkt. In Bremen waren es 3.000, in Rostock 1.500, in Flensburg und Heide 2.000 und in zahlreichen niedersächsischen Städten wie Braunschweig, Hannover und Göttingen gingen nach Polizeiangaben insgesamt etwa 30.000 Schüler für bessere Bildung auf die Straße. Der Landesschülerrat sprach gar von 53.000 DemonstrantInnen.

Am heutigen Donnerstag findet im Rahmen des Bildungsstreiks der "Tag des zivilen Ungehorsams" statt:

Hamburg: "Krachparade" gegen Gewalt, Krieg, Kapitalismus, Tierversuche, Gentechnik, Umweltverschmutzung und mehr, 12 Uhr, S-Bahn Dammtor

Kiel: Vortrag: "10 Jahre Bologna-Reform" von 12 bis 14 Uhr, Christian-Albrechts-Platz

Oldenburg: Leseflashmob, 16 Uhr, Landesbibliothek

Hamburg: "Umsonstfahraktion", 16 Uhr, S-Bahn Landungsbrücken bei der Fußgängerbrücke

Hamburg: Streiksommerfest, 18 Uhr, Geomatikum

Hamburg: Campusfest, Freitag 10 Uhr, Hochschule für Angewandte Wissenschaften

Hannover: Streikvollversammlung, Freitag, 11 Uhr, Streikraum am Schneiderberg 50

Hannover: Abschlussparty, Freitag, 20 Uhr, Uni

Die Proteste in Hamburg richteten sich gegen die Hochschulreformen der jüngsten Zeit und gegen die Uni-Präsidentin Monika Auweter-Kurtz. Schon am Vorabend hatten Studierende eine Live-Talkshow gestürmt, weil sie dort ausgeladen worden waren.

Die Aktionen auf dem Campus, auf dem nach und nach die SchülerInnen aus der ganzen Stadt eintrafen, begannen dann auch mit "Hupen gegen Moni". Später stürmte sogar eine Demo-Abordnung mit den Rufen "schmeißt die Präsidentin raus" durch das Uni-Hauptgebäude.

In Niedersachsen richteten sich die Proteste vor allem gegen das neue Schulgesetz, das die Gesamtschulen zum Turbo-Abitur zwingt. Das war auch in Hamburg ein Thema. Schüler und Studierende sehen sich als Opfer der gleichen Politik. Das verkürzte Abitur, G8 genannt, und die Bachelor-Reform führe zu "Bulimie Lernen" stand auf einigen Transparenten. Hinzu kommt, dass viele Länder mit der "Profiloberstufe" die Wahlfreiheit einschränken. "Das Abitur in zwölf Jahren ist Druck genug", sagte die 15-jährige Antonia vom St. Angar Gymnasium. "Jetzt müssen wir Fächer im Paket wählen."

"Wir haben an einem Tag sogar Schule bis 18 Uhr", ergänzt Gymnasiastin Charlotte (16), die als eine der ersten in Hamburg das schnelle Abitur durchmacht. Das sei "Stress pur", der an der Hochschule mit dem Bachelor-Master-System "wohl nicht weniger" werde. Das können zwei Ökotrophologie-Studentinnen der Fachhochschule nur bestätigen. "Wir haben keinen Freiraum, uns zu entfalten, und müssen immer nur für Klausuren lernen", sagt Studentin Uli. Pro Semester gebe es bis zu zehn Klausuren. "Ich muss für eine einzige davon mehr lernen als für meine drei Prüfungen im Abitur." Sie seien auch nur zu zweit gekommen - weil die anderen gerade lernen.

"Die Hochschulen werden heute von einer Generation von gestressten und gehetzten und verängstigten Studis bevölkert", sagte Florian Wilde von der Hochschulgruppe Die Linke-SDS. "Sie haben kaum noch Zeit, nach links und rechts zu schauen, so erschlagen sind sie von überfüllten Seminaren, Anwesenheitspflicht und Leistungsdruck." Da sei die Demo ein Erfolg.

Zu den Forderungen gehört auch kostenlose Bildung. Sehr viele am Streik beteiligte SchülerInnen bemängeln aber zuerst, dass ihre Klassen zu laut und zu voll sind. "Ich bin für die Schule für alle. Und für nur 15 Kinder in der Klasse mit zwei Lehrern", sagt der elfjährige Alex. Natalia (14) geht gegen "Lehrer, die ungerecht benoten" auf die Straße. In Bremen zogen SchülerInnen mit Transparenten wie "Wir haben diese Schule satt" und "Wir sind mehr wert als Opel" auf die Straße.

Die SchülerInnen hätten durchweg positiv auf den Streikaufruf reagiert, sagte Simon Heller vom Bremer Bündnis SchülerInnenstreik. Dennoch nahmen deutlich weniger teil als bei der letzten Schüler-Demo im Herbst, zu der gut 8.000 gekommen waren.

Einige hätten Angst, "dass das Ganze nichts bewirkt". Zudem beteiligten sich viele wegen des Lernstresses angesichts der anstehenden Klausuren kurz vor Zeugnisvergabe nicht. "Aber genau dieser Stress", sagt Heller, "ist eines der Probleme, die wir am Schulsystem kritisieren."

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben