Kommentar Bombodrom

Verteidigungsminister auf verlorenem Posten

Die Bundeswehr half: Sie machte falsch, was sie nur falsch machen konnte.

Am Ende blieb Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) gar keine andere Wahl. Er musste auf den Übungsplatz für Bundeswehrflieger verzichten. Andernfalls hätte er als der letzte Sturkopf dagestanden, der trotz jahrelanger Proteste am Traum vom freien Schussfeld für das Militär festhält. Gut zwei Monate vor einer Bundestagswahl kann es sich kein Politiker leisten, auf verlorenem Posten zu stehen.

Jung ist schlichtweg der Überzahl seiner Gegner unterlegen. Denn das waren keinesfalls nur ein paar versprengte Bewohner einer verlassen Pampa im Osten der Republik, die ihre Ruhe haben wollten. Sie haben es im Laufe ihres 17-jährigen Widerstands geschafft, nach und nach Grüne, Linke, SPD, zum Schluss selbst Teile der CDU, den Bundesrechnungshof und vor allem die Gerichte auf ihre Seite zu ziehen.

Die Bürgerinitiative Freie Heide hat aber nicht nur das Bombodrom gestoppt. Sie hat gezeigt, dass Widerstand gegen politisch gewollte Großprojekte Erfolg haben kann - zumindest unter bestimmten Bedingungen. Die Wichtigste ist der lobenswert lange Atem der Bürgerinitiative. Doch selbst die anhaltendste Protestwanderung wäre im märkischen Sand verlaufen, wenn nicht die Bundeswehr alles falsch gemacht hätte, was sie nur falsch machen konnte.

Das begann schon 1992 mit der Wahl des Orts. Zwar lag es aus Armeesicht auf der Hand, ein bereits ausdauernd bombardiertes Gelände in einer dünn besiedelten Gegend zu nutzen. Dass dafür aber ein von der Sowjetarmee annektiertes Areal auserkoren wurde, spricht nicht gerade für Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Bewohnern der damals gerade entschwundenen DDR. Später wurde dann das Planungsrecht so sehr missachtet, dass selbst gutwillige Richter der Bundeswehr Einhalt gebieten mussten.

Nicht zuletzt zeigt der Erfolg der Bürgerinitiative, dass die Bundeswehr trotz aller Meinungsumschwünge nach wie vor ein Akzeptanzproblem im eigenen Land hat. Militäreinsätze - und seien sie nur zu Übung - stoßen auf Widerstand, je näher, je sichtbarer, je fühlbarer sie für die heimische Bevölkerung sind. Für Pazifisten, die mit dem Bombodrom auch das Militär infrage stellen wollten, ist der Rückzug des Verteidigungsministers gerade deshalb aber allenfalls ein Etappensieg. Denn die Bundeswehr wird weiter bomben. Dort wo kein deutscher Nachbar hinterm Zaun sich gestört fühlt.

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Themenchef und Seite-1-Redakteur. Leitet seit 2012 zusammen mit Klaus Hillenbrand die taz.eins-Redaktion, die die ersten fünf Seiten der taz produziert. Seit 1995 bei der taz, 2005 bis 2011 Leiter der Berlin-Redaktion. Kommentiert gern themenübergreifend, moderierte von 2009 bis 2014 die Verleihung des taz-Panter-Preises. Von 2013 bis 2016 Komoderator des Polittalks "Brinkmann & Asmuth" auf tv.berlin. Mehr unter gereonasmuth.de.

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