Kolumne Laufen Lernen: Da war doch mal was

Ein "Spiegel"- Redakteur will in einem Artikel über den Kolumnisten das Wort "Doping" nicht erwähnen. Der Kolumnist selbst stellt sich da nicht so an.

Vor einigen Wochen erreichte mich eine Anfrage per Mail von einem Spiegel-Reporter. Er wolle eine Geschichte über mich schreiben. Um was soll es genau gehen? Dies könne er mir nur in einem persönlichen Gespräch mitteilen. Oha, ein konspiratives Treffen, ein echter Spiegel also. Misstrauisch geworden ging ich im Geiste alle meine Fehltritte der vergangenen Jahre durch: Führerschein? Noch in der Tasche. Nummernkonto in Liechtenstein? Aufgelöst. Also nichts. Gleichzeitig fragte er, ob es noch Karten für meinen Kabarettabend in Köln gebe. Das wolle er gerne anschauen. Ich ließ Karten hinterlegen, doch der Spiegel-Reporter war nicht gekommen.

Zwei Tage später erhielt ich eine zweite Mail. Auf dem Weg nach Köln wurde er zurückbeordert. Das ist ja wie im Krimi. Geheime Verabredungen, geplatzte Treffen. Er schrieb etwas von privaten Gründen. Das glaubte ich natürlich nicht. Wahrscheinlich wurde er von der Spiegel-Zentrale zurückbeordert. Neue Erkenntnisse, die beraten werden mussten. Der Spiegel-Reporter hatte damit mein Interesse geweckt, ein Grund also, ihn einmal genauer zu betrachten. Ich lud ihn zu einer Lesung im tazcafé (ein idealer Treffpunkt mit einem Spiegel-Reporter) und einem Kabarett am folgenden Abend in Berlin ein. Er sagte zu.

Kurz vor Beginn der Lesung stand er vor mir. Groß, schlank und einen dicken Schal um den Hals. Dazu dunkle Augenhöhlen. Der Mann ist doch krank, dachte ich. Einen Dauerlauf konnte ich ihm auf keinen Fall empfehlen. Also Lesung. Es waren nicht viele Leute gekommen, was die Sache vereinfachte, den Spiegel-Reporter vom Podium aus im Auge zu behalten. Zweitletzte Reihe. Wie ein Häuflein Elend saß er da. Zusammengesunken, Schal um den Hals, Taschentücher in den Händen, laufende Nase. An diesem Abend herrschte eine heitere Stimmung und es wurde viel gelacht. (Ja! - im tazcafé). Nach der Lesung wollte der arme Kerl nur noch eine Adresse für das morgige Treffen.

Am nächsten Tag sah er viel besser aus. Im Sport macht man sich mit einer schnellen Genesung und plötzlicher Leistungssteigerung sofort verdächtig. War es die heilende Wirkung der Lesung oder sogar Doping? Wahrscheinlich eine Glaubensfrage.

Vor dem Kabarettabend gingen wir bei wunderschönem Herbstwetter über einen Flohmarkt. Dort fand ich nicht nur einen Bierkrug aus vergangene Zeiten, sondern auch einen Crêpes-Stand. Doch er ließ sich nicht einladen (unbestechlich). Im Gegenteil: Ich aß ein Crêpe auf Kosten des Spiegels. Es hat köstlich geschmeckt. Es ist wahrlich kein einfaches Arbeiten beim Spiegel. Dort sammeln Journalisten Kisch-Preise wie Athleten Medaillen. Alexander Osang nannte er und sprach den Namen aus wie wir Läufer Haile Gebrselassie. Die süßen Früchte hängen hoch und die Geschichten müssen top sein, müssen den kritischen Augen der Kollegen standhalten. Der Erfolgsdruck in einer Redaktion, in der Journalistenpreise Normalität bedeuten, muss wahrscheinlich sehr groß sein. So groß, dass ein Treffen mit mir mit allen Mitteln stattfinden musste, denn es ging um den 10. Jahrestag meiner positiven Probe.

Um uns herum herrschte Trödelstimmung, wir saßen in der Sonne und unterhielten uns. Die Stimmung war entspannt, ich fand ihn sympathisch. Das Wort Doping wolle er in der ganzen Geschichte nicht schreiben, sagte er. Ein Artikel ohne Doping? Im Spiegel? Geht doch gar nicht. Beim Kabarett am Abend sah ich ihn nicht, doch wusste ich, dass er da war. Im Gegensatz zu ihm wollte ich bei meiner Kolumne auf das Wort Doping nicht verzichten.

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