Adventskalender: Die Abschaffung des Christkinds

Vor über 100 Jahren von einem Pfarrerssohn erfunden, spiegeln die Adventskalender die deutsche Geschichte wieder. Das zeigt eine Ausstellung im Volkskundemuseum Schleswig.

Ursula Ortlieb, ohne Titel, Bremen, um 1955. Bild: Ute Franz-Scarciglia, Museum Europäischer Kulturen

Klapptürchen mit Schokolade dahinter, so sehen inzwischen fast alle Adventskalender aus. Doch das war nicht immer so, wie eine Ausstellung im Volkskundemuseum Schleswig zeigt. Unter dem schönen Titel "Vom Himmel hoch da komm ich her" sind dort Adventskalender aus über 100 Jahren versammelt - eine Leihgabe des Museums Europäischer Kulturen in Berlin.

Die ersten Adventskalender bestanden aus Abreißbildchen, die ausgeschnitten und auf eine Vorlage geklebt werden mussten. Es gab Kalender mit einer Scheibe hinter einem Bild. An dieser drehten die Kinder und ein Bild für jeden Tag tauchte auf. Erst in den 1920er Jahren erlebten die typischen Türchenkalender ihren Durchbruch.

Der allererste gedruckte Adventskalender kommt aus Hamburg. Hier wurde 1902 in einer evangelischen Buchhandlung die "Weihnachtsuhr für Kinder" veröffentlicht. Als eigentlicher Erfinder gilt aber immer noch Gerhard Lange, ein Pfarrerssohn, auch wenn dessen erster Kalender "Im Lande des Christkinds" erst 1903 erschien. Bis 1938 brachte Lange in München über dreißig verschiedene Kalender heraus, illustriert von damals berühmten Künstlern wie Dora Baum oder Felix Elssner.

Bevor die ersten Kalender kamen, hatte man im protestantischen Umfeld Zettelchen an den Baum gehängt oder Striche an die Wand gemalt. Wer jeden Tag einen Zettel aufhängt oder einen Strich wegwischt, der kann leicht zählen, wie lange es noch dauert, bis das Christkind kommt.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Druck der Adventskalender eingestellt. Nur das auf Kriegsweihnachten ausgerichtete Kalenderheft "Vorweihnachten" durfte noch im NSDAP-Verlag erscheinen, es diente Propagandazwecken. Wo vorher unschuldige Engelchen um eine weihnachtlich geschmückte Kirche flogen, standen nun Soldaten vor dem Weihnachtsbaum oder kleine Jungen in Uniform grüßten ihren Führer. Die Religion war verbannt und damit auch die Anmutung der Unschuld, die die Kalender einst ausstrahlten. Stattdessen wurden Kriegsgedichte gedruckt oder Soldatengräber illustriert.

Später hinterließ die deutsche Teilung ihre Spuren in den Adventskalendern. In der offiziell atheistischen DDR durften die christlichen Motive nur wenige Jahre unbehelligt in den Kinderzimmern hängen. Schnell wurde eine Genehmigungspflicht eingeführt, religiöse Motive wurden abgelehnt. Es gab keine Krippe, keine Engel, kein Jesuskind mehr. Stattdessen wurden schneebedeckte Landschaften oder weihnachtlich verschneite Eisbahnen gezeigt. Adventskalenderexpertin Tina Peschel, die die Ausstellung in Schleswig konzipiert hat, vermutet allerdings, dass oft das hintere Bild der Kalender wesentlich weihnachtlichere Motive zeigte als erwünscht. Denn genehmigt werden musste nur das Deckblatt. Was dahinter war, zeigte sich erst, als alle Türchen geöffnet und das Deckblatt entfernt war.

Währenddessen glänzten die Adventskalender im Westen mit aufgeklebtem Glimmer. Die Kalender waren bunt und ausgefallen und erfreuten sich auch außerhalb Deutschlands großer Beliebtheit. So sollen zum Beispiel viele amerikanischen Soldaten die Stuttgarter Adventskalender nach Hause geschickt und so dafür gesorgt haben, dass die deutschen Adventskalender einen Siegeszug in Amerika erlebten.

Auch die westeuropäischen Nachbarn sind um 1950 auf den Adventskalenderzug aufgesprungen. Hier wurden oft sehr landschaftstypische Illustrationen genutzt. In Osteuropa dauerte es noch viele Jahre, bis sich die Kalender verbreiteten. Dafür waren sie allerdings von Anfang an mit Schokolade gefüllt.

Die süße Füllung setzte sich auf breiter Front zwischen den 1950ern und 1970er Jahren durch. Heute gibt es kaum noch Kalender ohne. Sollte keine Schokolade als Füllung im Kalender sein, dann sind es Spielzeuge oder andere kleine Geschenke. Nur wenige Kalender arbeiten noch ausschließlich mit Bildern. Die Bibelstellen sind nahezu ausgestorben und auch das Christkind muss immer öfter dem Weihnachtsmann mit seinen Rentieren weichen. Der Trend geht in Richtung einer "Globalisierung" der Adventskalender, erzählt Tina Peschel. Als Beispiel zeigt sie den amerikanischen Walt-Disney-Adventskalender oder den der japanischen Kinderserie Digimon.

Auch Adventskalender für Erwachsene sind mittlerweile auf dem Markt. Seit 1994 wirbt die Brauerei Turborg mit dem "anständigen Adventskalender", der mit 24 Bierdosen gefüllt ist. Natürlich gibt es auch Advents-Kalender mit nackten Menschen. Da fragt man sich, was aus der schönen Tradition geworden ist. Aber unsere Gesellschaft entwickelt sich nun mal weiter.

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