Kommentar Bundestagszeremonie: Ritualisiertes Gedenken an Auschwitz

Die diesjährige Gedenkfeier des Deutschen Bundestags zur Befreiung des KZ Auschwitz hinterließ einen zwiespältigen Eindruck. Das lag an den deutschen Veranstaltern.

Es lag nicht an den eingeladenen Rednern, wenn die diesjährige Gedenkfeier des Deutschen Bundestags zur Befreiung des KZ Auschwitz einen zwiespältigen Eindruck hinterließ.

Schimon Peres, der israelische Präsident, und Feliks Tych, der jüdisch-polnische Historiker, sind zwei Menschen mit ganz unterschiedlichen politischen Auffassungen und Lebenswegen. Sie berichteten gestern beide vor dem deutschen Parlament als Zeitgenossen authentisch und sehr bewegend darüber, wie ihre Familien der nazistischen Mordmaschine zum Opfer fielen, wie sie sich retten konnten und welche Konsequenzen sie aus der Schoah gezogen haben.

Das Unbehagen an dieser Gedenkfeier richtet sich nicht gegen sie, sondern gegen die deutschen Veranstalter.

Jede Feier zum Gedenken an Auschwitz und den Mord an den europäischen Juden müsste sich nach wie vor der quälenden Frage stellen, in welchem Umfang die deutsche Bevölkerung um die Vernichtung der Juden wusste oder zumindest wissen konnte.

In den jüngsten Arbeiten deutscher Historiker wird vom Mord an den Juden als einem "offenen Geheimnis" gesprochen. Was veranlasste die große Mehrheit der Deutschen, es lieber nicht so genau wissen zu wollen, wegzuschauen oder sich sogar an den Hinterlassenschaften der Juden zu bereichern? Sind wir heute auf einem gesicherten moralischen Weg, der Wegsehen angesichts offenbaren Unrechts nicht mehr zulässt?

Es liegt auf der Hand, dass solche Fragen, wenn sie angesichts einer Gedenkfeier auf der politischen Tribüne des Bundestags verhandelt würden, Gegenstand einer deutschen Introspektion sein müssten. Werden aber jüdische Überlebende, insbesondere solche aus dem Ausland geladen, so läuft ein immergleiches Ritual ab. Die deutsche Seite versichert, dass die Erinnerung an den Holocaust zur deutschen Identität gehört, beschwört die Verantwortung der Deutschen für die Juden und für Israel und verweist auch auf die Anstrengungen beim Wiederaufbau der jüdischen Gemeinden in Deutschland.

Was aber sollen die Gastredner darauf antworten? Soll Schimon Peres bei einer solchen Gelegenheit den Pfad diplomatischer Höflichkeit verlassen und auf die reale Verantwortlichkeit der Deutschen eingehen, zum Beispiel auf das Elend der überlebenden Holocaust-Opfer in Israel? Das verbietet die Inszenierung.

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