US-Aktivist über AKW-Pläne: "Obama tritt Wählern ins Gesicht"

US-Präsident Obama will den Bau von Kernkraftwerken mit 54 Milliarden Dollar fördern - und so konservative Stimmen gewinnen, kritisiert Anti-Atom-Aktivist Michael Mariotte.

Hier ereignete sich der schwerste nukleare Zwischenfall in der Geschichte der USA: AKW Three Mile Island. Bild: dpa

taz: Herr Mariotte, ist Obamas Ankündigung, 54 Milliarden Dollar in die Atomindustrie zu stecken, der Beginn einer Renaissance der Atomindustrie?

Michael Mariotte: Wir reden von 54 Millionen Dollar staatliche Garantien. Das ist enorm. Aber es kann nicht mehr als maximal acht Atomkraftwerke finanzieren. Das ist noch keine Renaissance. Die Idee, dass eine Handvoll AKWs bei der Klimaverbesserung helfen, ist absurd. Und die Idee, dass die Banken deswegen in Atomenergie investieren wollten, ist ebenfalls absurd. Der einzige Weg, auf dem neue AKWs gebaut werden, ist, dass die Steuerzahler garantieren, dass die Anleihen zurückgezahlt werden.

ist Direktor des Nuclear Information & Resource Service (NIRS), einem Netzwerk für Aktivisten, das zum Thema Kernkraft und radioaktiven Abfall informiert.

Woher sollen die neuen AKWs kommen?

Der französische EPR-Reaktor ist etwa im Gespräch für Maryland und drei andere Standorte. Bei den meisten der Projekte werden die Steuergelder nur bis zu maximal 80 Prozent der Kosten decken. Die übrigen 20 Prozent sind immer noch zwischen 1,5 und 3 Milliarden Dollar.

Wie erklären Sie Obamas Atomvorhaben?

Er versucht, konservative Stimmen für das Gesetz zum Klimawandel zu gewinnen.

Wie werden Obamas eigene Wähler reagieren?

Ihnen tritt Obama ins Gesicht. Das ist ein Fehler. Denn jene Leute, die für Obama gestimmt haben und keine Atomenergie wollen, sind jetzt verärgert. Und für jene, die für Obama gestimmt haben und für Atomenergie sind, ist die Frage mehrheitlich kein Wahlthema.

Obama versteht AKWs als Beitrag gegen den Klimawandel.

Gegen den Klimawandel brauchen wir Technologien, die schnell und kosteneffizient sind. Wie Sonne und Wind. Wenn wir jetzt zig Milliarden für Atomenergie ausgeben, wird es in den nächsten zehn Jahren trotzdem noch keine neuen AKWs in diesem Land geben. Es entfernt uns von unserem Ziel des Abbaus der CO2-Abgaben, statt uns ihm anzunähern. Wenn dieses Geld in andere Technologien ginge, könnte es einen Klimawandel bewirken.

Zugleich geht es Obama darum, neue Jobs zu schaffen.

Als Arbeitsbeschaffungsprogramm ist die Atomenergie komplett gescheitert. Nehmen Sie den Atomreaktor, der in Maryland geplant ist. Dort wird jeder neu geschaffene Job 2 Millionen Dollars kosten - für meist befristete Jobs. Hingegen ist das Konjunkturpaket im vergangenen Jahr dafür kritisiert worden, dass darin eine Viertelmillion Dollars pro Job vorgesehen sind. In der Atomenergie sind Arbeitsplätze deutlich teurer als bei fast jeder anderen Technologie

Wie hat sich die öffentliche Meinung in den USA zu Atomenergie in den letzten Jahren verändert?

In den letzten drei bis vier Jahren ist Atomenergie in den USA populärer geworden. Das liegt vermutlich daran, dass die Atomindustrie zig Millionen Dollars pro Jahr dafür ausgegeben hat, um die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass Atomenergie eine gute Sache ist. Die aussagekräftigen Umfragen sind für mich jene, wo die Leute nach ihren bevorzugten Energiequellen gefragt werden. Da stehen Wind und Sonne immer ganz oben.

Ist der Unfall von 1979, in Three Miles Island, in den USA in Vergessenheit geraten?

Vor Three Miles Island war Atomenergie in der Öffentlichkeit populär. Nach dem Unfall haben sich die Leute dagegen gewandt. Der Höhepunkt in der Ablehnung von Atomenergie war nach dem Unfall in Tschernobyl. Da waren fast 80 Prozent der Öffentlichkeit gegen Atomreaktoren. Seit Tschernobyl ist dieser Prozentsatz wieder gesunken. Die Leute haben den Unfall vergessen. Das - zusammen mit den Public Relations und Werbekampagnen der Atomindustrie - hat dazu geführt, dass wir jetzt eine Fifty-fifty-Situation - mit vielleicht einem kleinen Vorsprung für die pronukleare Seite - haben.

Wird Obamas Atomprojekt den Kongress passieren?

Der US-Kongress war immer pro-nuklear. Aber es ist ein Unterschied, ob man Atomenergie akzeptiert oder ob man sie begünstigt und dafür viel Steuergelder ausgibt. Die Tatsache, dass es im Budget von Präsident Obama steht, bedeutet nicht unbedingt, dass die Sache durch den Kongress geht. Es wird sicher Versuche geben, zumindest die Geldmenge zu senken. Die Auseinandersetzung über das Budget wird Monate dauern.

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