Medizinische Studien

Tausche Pille gegen Kaffeemaschine

Tausende Patienten nahmen in Österreich an medizinischen Studien teil – ohne ihr Wissen. Eine gängige Praxis, auch in Deutschland. Laut Kritikern dienen die Studien auch der Absatzsteigerung.

Medikamente schlucken für die Wissenschaft – oder für den Absatz? Bild: ap

BERLIN taz | Manche Medikamente haben Nebenwirkungen, von denen kaum jemand etwas ahnt. Eine neue Kaffeemaschine zum Beispiel, oder eine kleine Aufwandssentschädigung. Diese angenehmen Nebenwirkungen sind die Entlohnung für sogenannte „Anwendungsbeobachtungen“.

Damit sind Studien gemeint, für die Doktoren ihre Erfahrungen mit bestimmten Arzneimitteln dokumentieren und diese Ergebnisse dann an Pharmafirmen weitergeben. Eine durchaus gängige Praxis in Deutschland und Österreich, die für neu zugelassene Medikamente teilweise sogar gesetzlich vorgeschrieben ist, schließlich lässt sich so über einen langen Zeitraum kontrollieren, wie ein Medikament wirkt und ob es richtig verordnet wird.

Trotzdem hat sich nun vor allem in österreichischen Medien eine Diskussion über diese Studien entsponnen: Tausende Patienten seien zu Versuchskaninchen gemacht worden, ohne davon zu wissen, schreibt der Standard. Von „alarmierenden Meldungen aus dem Gesundheitswesen“ berichtet die kleine Zeitung. Der Grund: Zum einen werden die Patienten nicht darüber informiert, wenn ein Arzt für so eine Anwendungsbeobachtung Daten an Pharmaunternehmen weitergibt, weder in Deutschland noch in Österreich. Zum anderen stehen die Studien schon seit langem im Verdacht, weniger der Wissenschaft zu dienen als vielmehr dem Absatz und der Marktpositionierung von neuen Arzneimitteln.

Bernhard Rupp von Transparency International Österreich erklärt, dass viele der untersuchten Medikamente schon seit Jahren auf dem Markt sind. „Einen wissenschaftlichen Nutzen können wir bei diesen Anwendungsbeobachtungen nicht erkennen“. Auf der anderen Seite sind ein Teil der untersuchten Arzneien Generika, erklärt Rupp, so heißen neue Tabletten, Pasten oder Tropfen, deren Wirkstoff identisch mit dem eines älteren Präparats ist. Neuer Name, gleiches Produkt also, und auch hier ist fraglich, wozu die Anwendungsbeobachtungen denn eigentlich dienen sollen, schließlich braucht niemand zehn Studien über zehn wirkstoffgleiche Medikamente.

Kritiker vermuten deshalb schon seit langem, dass die Aufwandsentschädigungen und Prämien vor allem dazu dienen, den Ärzten bestimmte Medikamente schmackhaft zu machen, schließlich gibt es für jede Anwendungsbeobachtung Geld. Laut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung KBV sind das in Deutschland im Schnitt 190 Euro, in Österreich sprechen Experten von 10 bis 1000 Euro pro Studie.

Österreichische Verbände und Politiker fordern nun Bestimmungen, die den Missbrauch der Anwendungsbeobachtungen eindämmen: Jede Studie solle registriert werden und die Prämien für die Ärzte in einer Gebührenordnung festgelegt werden. In Deutschland gibt es diese Regelungen schon länger, die großen Pharmaunternehmen haben einen Verhaltenskodex für die Anwendungsbeobachtungen aufgestellt und auf der Seite des Verbandes lässt sich nachprüfen, ob Studien überhaupt eine wissenschaftliche Fragestellung zugrunde liegt.

Doch trotz aller Bemühungen gibt es immer noch Kritik an den Studien. So werden laut der KBV in Deutschland jedes Jahr mehrere hundert Studien durchgeführt. Die Ergebnisse werden aber nur im Idealfall transparent veröffentlicht, erklärt Roland Stahl, Pressesprecher der KBV. „Das ist aber nicht bei allen Anwendungsbeobachtungen der Fall. Bei manchen scheint eher der Absatzgedanke im Vordergrund zu stehen“.

Zudem kritisiert der Verband, dass die meisten Patienten immer noch nicht wissen, dass ihr Arzt mit ihnen eine Anwendungsbeobachtung durchführt. „Hierbei geht es nicht darum, dass wir unterstellen, Patienten seien eine Art 'Versuchskaninchen'", sagt Stahl, „sondern eher um das Gebot der Transparenz“. Bei Aufwandsentschädigungen und Kaffeemaschinen fragen Sie also bitte Ihren Arzt oder Apotheker.

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