Minus der Biobranche: Fair-Label soll Umsatz retten

Da der Markt für Bio-Lebensmittel nicht mehr wächst, setzt die Branche auf Marketing. Sie will ihre Produkte nicht mehr nur als Bio, sondern auch als fair verkaufen.

Bio, aber auch fair? Paprika. Bild: dpa

Sven Kästner reicht das Label bio nicht. Der Journalist kauft zwar überwiegend Ökoprodukte. Aber wenn er im Bioladen vor den Tee- und Kaffee-Regalen steht, greift er meist zu Packungen mit einem Fair-Trade-Siegel. "Das Kilo Kaffee kostet vielleicht 1,50 Euro mehr, aber wenn dann die Produzenten fair entlohnt werden, ist das okay", sagt der Berliner.

Die Biobranche will stärker als bisher auf Menschen wie Kästner setzen. Auf Kunden, die nicht nur bio wollen, sondern auch fair, regional oder klimafreundlich. Deshalb hat die Ökomesse BioFach, die am Mittwoch in Nürnberg beginnt, "Organic + Fair" zum Schwerpunktthema erklärt und eine Sonderschau mit etwa 50 Firmen organisiert. Besonders der Fachhandel sieht darin eine Chance im schärfer gewordenen Verteilungskampf. Doch von fairen Arbeitsbedingungen sind auch die Biogeschäfte noch weit entfernt.

Bio nach EU-Ökoverordnung: Die EU gibt Mindeststandards für Lebensmittel vor, die als "bio" beworben werden dürfen. Die Bauern müssen zum Beispiel auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel oder Kunstdünger verzeichten. Dass sich die Landwirte an die Vorschriften halten, überprüfen in Deutschland private Kontrollstellen. Wenn sie ihr Okay geben, können die Hersteller ihre Produkte mit dem sechseckigen Bio-Siegel versehen. Bis zu 5 Prozent können konventionell erzeugte Bestandteile enthalten.

Verbandsbio: In Anbauverbänden wie Naturland haben sich Öko-Landwirte zusammengeschlossen. Die Organisationen haben strengere Regeln als die EU-Verordnung und vermarkten ihre Produkte mit eigenen Logos. Sie verlangen von ihren Mitgliedern, dass sie ihre Höfe komplett auf Bio umstellen. Das erschwert Betrug, etwa konventionelle Waren in Bio-Betriebe zu verschieben.

Hintergrund der Fair-Offensive ist, dass der Bioanteil nach Jahren zweistelliger Zuwachsraten 2009 erstmals geschrumpft ist: Die Deutschen gaben ein Prozent weniger für Biolebensmittel und -getränke aus als noch 2008, wie das Marktforschungsunternehmen GfK Panel Services am Dienstag bekanntgab. Zwar wuchs die verkaufte Menge um 2 Prozent, aber das konnte die Preisrückgänge nicht ausgleichen. Der Bioanteil an allen Lebensmitteln und Getränken verharrte bei lediglich 3,2 Prozent, was einem Umsatz von 5,8 Milliarden Euro entspricht. Und die BioFach hat dieses Jahr mit 2.500 Ausstellern rund 9 Prozent weniger Stände.

Verantwortlich für das Umsatzminus sind vor allem Unternehmen, von denen viele nicht gerade für faire Beziehungen zu ihren Lieferanten oder Mitarbeitern bekannt sind: Konventionelle Lebensmittelhändler und speziell die Discounter, die zusammen 58 Prozent des Bioumsatzes machen, verloren überdurchschnittlich: jeweils 3 Prozent ihres Ökogeschäfts. Sie hatten die Preise kräftig gesenkt, aber dennoch nicht genug Kunden gewonnen. Die Billigmärkte bieten überwiegend Lebensmittel an, die nach den Mindeststandards der EU-Ökoverordnung hergestellt werden, nicht nach den strengeren Regeln von Anbauverbänden wie Bioland oder Demeter. Wie sich der Umsatz mit diesen teureren Produkten entwickelt hat, ist allerdings nicht bekannt. "Wer in den Discounter geht, will Geld sparen", erklärt Trendforscher Eike Wenzel von der Denkfabrik Zukunftsinstitut. "Wenn diese Leute merken, dass in den nächsten zwei Jahren Wirtschaftskrise angesagt ist, dann greifen sie auch dort zu billigeren Produkten."

Weiterhin erfolgreich sind dagegen Geschäfte, die nur Bio verkaufen. Der Fachhandel nahm laut GfK im vergangenen Jahr gegen den Trend 2,2 Prozent mehr ein. Für Fachhandelsberater wie Klaus Braun steht damit fest: "Der Naturkosthandel muss seine Stärken betonen." Faire Bedingungen etwa.

Gegenüber dem konventionellen Handel, der von Ketten wie Aldi oder Rewe dominiert wird, haben die Biogeschäfte da einen Imagevorteil. Im Vergleich zu konventionellen Riesen wie Lidl sind die Fachgeschäft zumeist kleine Firmen, die viel geringeren Preisdruck auf ihre Lieferanten ausüben können. Selbst dass Lidl 2006 seine eigene Fair-Trade-Marke entwickelt hat, konnte nicht viel am Image des Discounters ändern. "Die Preissenkungen der Discounter auch bei Bio sind doch unanständig", kritisiert Horst Hartmann, der ebenfalls Fachhändler berät. "Da kommt eine Landwirtschaft heraus, von der hier keiner mehr leben kann."

"Bio Plus" oder "Bio Premium" sind deshalb die Schlagworte, die die Branche auf der BioFach besonders lebhaft diskutieren wird. Diese Marketingbegriffe sollen signalisieren: Die Lebensmittel sind nicht nur nach den Regeln den EU-Ökoverordnung hergestellt, sondern schmecken auch besonders gut, kommen aus der Region - oder erfüllen die Fair-Trade-Standards. "Es reicht eben nicht mehr, einfach nur Bio in die Regale zu stellen", sagt Marktexperte Braun.

Am bekanntesten ist das blau-grüne Siegel der Organisation TransFair. Sie vergibt das Zeichen nur für Produkte aus Entwicklungsländern. Bedingung ist, dass die Hersteller über einen festen längeren Zeitraum einen garantierten Mindestpreis und eine Fair-Trade-Prämie bekommen. Fabriken beispielsweise müssen ihren Arbeitern erlauben, sich in einer Gewerkschaft zu organisieren. Zudem überprüfen die Fair-Trade-Kontrolleure etwa, ob in den Firmen Kinder illegal arbeiten.

Die GfK schätzt allerdings, dass zum Beispiel nur 30 Prozent des Ökokaffees fair gehandelt ist. Die konventionelle Konkurrenz verkauft nur circa ein Prozent ihres Kaffees mit dem Fair-Trade-Siegel.

Trotz dieser Schwierigkeiten wollen manche Ökounternehmen den Fair-Trade-Gedanken auch für Produzenten in Deutschland anwenden. "Was für Bauern in Afrika gilt, muss auch für uns gelten", findet des hessische Landwirt Josef Jacobi. Deshalb gründete er mit anderen Landwirten die Upländer Bauernmolkerei. Sie zahlt ihren Bauern selbst für Biostandards überdurchschnittliche Preise für die Milch.

Andere Unternehmen haben ebenfalls inländische Fairhandelsinitiativen gestartet: In der FairRegioCharta Berlin-Brandenburg haben sich 23 Bauern, Bäcker und Händler dazu verpflichtet, ihre Preise verbindlich festzulegen. In der Charta heißt es dazu recht vage, es werde "angestrebt", den Bauern "einen Preis zu zahlen, der im oberen Drittel des marktüblichen Durchschnittspreises liegt". Ähnlich flexibel sind Formulierungen in den Regeln der Initiativen "Bestes Bio - Fair für alle" und "Regional & Fair".

In vielen dieser Chartas verlieren die Unternehmen kein Wort über die Arbeitsbedingungen ihrer Mitarbeiter. Der Bioanbauverband Naturland, der auf der BioFach die erste Zertifizierung für öko, sozial und fair auch für deutsche Unternehmen vorstellen will, fordert nur den gesetzlichen Mindeststandard - zum Beispiel das Recht darauf, sich in Gewerkschaften zu organisieren.

Erika Ritter, Handelsexpertin bei der Gewerkschaft Ver.di, weiß, warum die Biobranche da so wenig ehrgeizig ist: "Die Konditionen sind erheblich schlechter als im konventionellen Lebensmitteleinzelhandel." Ritter nennt Beispiele aus ihrem Bezirk Berlin-Brandenburg: "Die Löhne sind im sittenwidrigen Bereich", sagt sie. Im Schnitt erhalte ein Verkäufer 7 bis 8 Euro pro Stunde, während der Tarifvertrag rund 13 Euro vorschreibe. 70 bis 80 Prozent der konventionellen Läden, aber kein einziges Biounternehmen zahle das. Und eine Woche weniger Urlaub gebe es im Ökoreich auch.

"Die Branche organisiert sich mehr und mehr in Ketten wie traditionelle Unternehmen. Da gibt es keinen Grund mehr, auf Betriebsräte zu verzichten", meint die Gewerkschafterin und setzt noch einen drauf: "Wenn man mit einem ethischen Anspruch nach draußen geht, gehört dazu auch, dass das Personal anständig bezahlt wird. Sonst leidet die Glaubwürdigkeit."

An dieses Thema wollen die Bios nicht so recht ran. Der Branchenverband BNN Einzelhandel will sich zu den Vorwürfen nicht äußern. "Die Situation ist von Kette zu Kette und von Region zu Region unterschiedlich. Es gibt kein einheitliches Bild", sagt Vorstandsmitglied Harald Wurm. Die größte Biomarktkette Alnatura antwortet, sie zahle nicht nach Tarifvertrag, weil dieser zu unflexibel sei.

Trendforscher Wenzel sagt: "Wenn die Arbeitsbedingungen schlechter sind als bei den Lidls, dann könnte das ein Problem werden."

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de