Bayreuth nach Wolfgang Wagners Tod: Das Ende der großen Oper

Wolfgang Wagner, langjähriger Leiter und Intendant der Bayreuther Festspiele, ist gestorben. Geht mit seinem Tod eine Epoche deutscher Musikgeschichte unter?

Große Geste, große Oper: Wolfgang Wagner 1999. Bild: reuters

BERLIN taz | Wem Oper schon immer ein suspektes Genre war, der fand sich durch Wolfgang Wagner, über fünfzig Jahre lang Leiter der Wagner-Festspiele in Bayreuth mit einem deutlich wahrnehmbaren, patriarchalen Führungsstil, in allen Vorurteilen gegen die hochsubventionierte Hochkultur bestätigt. Oper ist teuer für den Zuschauer, inhaltlich ideologisch befrachtet, klandestin in ihren Produktionsstrukturen und exklusiv im Zugang.

Dass sich dieses engstirnige und sehr einseitige Bild so lange gehalten hat, ist eben auch ein Effekt der schauderhaften Selbstinszenierung und des starrsinnigen Festhaltens an der Macht, mit der Wolfgang Wagner, der jetzt mit 90 Jahren starb, seine Leistungen als Festivalchef überschattet hat.

Natürlich wird Wolfgang Wagner jetzt gelobt für sein großes Charisma, vor allem in Bayern. Mit "Charisma" umschreibt man in einer positiven Umbewertung gerne eine Autorität, die sich ähnlich wie der Papst nie zu Fehlern bekennen will. Bayreuths Oberbürgermeister Michael Hohl (CSU) weiß, dass seine Stadt den Wagner-Festspielen wirtschaftlich viel zu verdanken hat.

"Das Renommee Bayreuths als vitales und faszinierendes Zentrum der Auseinandersetzung mit Richard Wagners Opernwelt hängt untrennbar mit der Lebensleistung Wolfgang Wagners zusammen", erklärte Hohl in einem Nachruf auf den Ehrenbürger der Stadt. Und der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) würdigte Wagner: "Als dienstältester Intendant der Welt hat der Enkel Richard Wagners den Festspielen wie kein anderer seinen Stempel aufgedrückt. Mit dem Tod von Wolfgang Wagner ist die Theaterwelt um einen großen Künstler und Bayern um einen großen Franken ärmer geworden."

Auch Kulturstaatsminister Bernd Neumann (SPD) sah in Wolfgang Wagner einen "großen Erneuerer" des Musiklebens in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit - und rückt damit sein Verhältnis zur Kunst der Gegenwart etwas zurecht. "Obwohl er selbst eher als konservativer Regisseur galt, hat er epochale Neuinterpretationen, die von vielen auch als Provokation aufgefasst wurden, ermutigt und unterstützt", sagte Neumann.

Es ist schon lange vorbei

Doch dass mit seinem Tod eine ganze Epoche deutscher Kultur- und Musikgeschichte zu Ende gehe, wie jetzt leicht behauptet wird, stimmt dann doch nicht. Die Epoche, die er repräsentierte, ist schon länger zu Ende, auch in der Opernwelt. Die Musiktheater der Städte sind schon seit gut zwei Jahrzehnten und mehr darauf angewiesen, nicht allein auf ein kunstreligiöses Verständnis von Oper und den den Personenkult um einen Komponisten zu setzen, sondern nach vielen anderen Instrumenten des Zugangs zu seinem Werk zu suchen.

Es ist kein Zufall, dass sich seine Tochter Katharina Wagner in Bayreuth gleich für Basisarbeit eingesetzt hat, nämlich Oper für Kinder: Die Fähigkeiten zur Musikrezeption pflegt man anders, als es jahrzehntelang in Bayreuth geschah.

Auch wenn sich Wolfgang Wagner um Offenheit gegenüber Regisseuren und Dirigenten und um die großen Namen unter den Sängern bemüht hat - das Image von Bayreuth und die Herausforderungen an Oper heute weichen doch merklich voneinander ab. Vielleicht kann man sogar sagen, die Hartnäckigkeit, mit der die Festspiele Traditionspflege auf ihre Fahnen geschrieben haben, war für große Opernhäuser wie in Stuttgart, Basel, Hamburg oder Frankfurt schon immer ein Ansporn, gerade nicht Bayreuth zu sein. Insofern ist nicht anzunehmen, dass nach seinem Tod die Karten in der Welt der Oper noch einmal groß neu gemischt werden.

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