Streit der Woche: Tafeln nur "Ort der Abspeisung"

Die Tafeln nutzen vor allem Politikern und schaden Bedürftigen, sagt Politik-Professor Peter Grottian. Der Mitbegründerin der Tafelbewegung Sabine Werth hängen diese Argumente zum Hals heraus.

Fördern Tafeln die Armut? Peter Grottian meint ja - und fordert deren Schließung. Bild: ap

Politikwissenschaftler Peter Grottian fordert die Schließung der Lebensmittel-Tafeln. Das sagte er der sonntaz im Streit der Woche. Die Tafeln sollten sich nicht mehr als „sozialpolitische Instrumente, (die) den verfallenden Sozialstaat beblümen“ missbrauchen lassen. Denn sie nützten vor allem den PolitikerInnen, die „mit der einen Hand Sanktionen gegen Hartz-IV-EpfängerInnen verhängen und gleichzeitig die Arbeit der Tafeln bejubeln“. Auf diese Weise würden die Tafeln den Armen schaden und das Recht des Einzelnen auf eine menschenwürdige Grundsicherung untergraben.

Nach US-amerikanischen Vorbild haben Ehrenamtliche 1993 die erste deutsche Tafel gegründet. Und wie in den USA wurde daraus binnen weniger Jahre ein flächendeckendes System der Hilfe für Bedürftige. Inzwischen versorgen fast 900 Tafeln bundesweit rund eine Million „Gäste“. Die verteilten Lebensmittel können in der Regel nicht mehr im Laden verkauft werden und werden deshalb von Supermärkten, Discountern und Bäckereien in großen Mengen gespendet. Zahlreiche PolitikerInnen engagieren sich für die Tafeln, die Schirmherrschaft hat Familienministerin Kristina Schröder und vor ihr Ursula von der Leyen übernommen.

Die Sozialpädagogin Sabine Werth hat vor siebzehn Jahren die erste deutsche Tafel in Berlin mitbegründet. In der sonntaz wehrt sie sich gegen die Vorwürfe, die Tafeln ließen sich instrumentalisieren und würden Armut befördern. Sie erinnert daran, „dass es zuerst um den Einsatz gegen die Verschwendung von Lebensmitteln ging“. Am Anfang hätten die Tafeln vor allem Obdachlose versorgt, erst später seien "die Armen" dazugekommen. Gerd Häuser, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel e. V. betont, dass die Aktiven der Tafeln immer wieder auch die Politik an ihre Verantwortlichkeit erinnern würden. Sie seien keine „willfährigen Helfer des Sozialabbaus, sondern das schlechte Gewissen der Gesellschaft“.

Der Soziologie-Professor und Buchautor Stefan Selke begleitet die Tafelbewegung seit mehreren Jahren kritisch. In der sonntaz beschreibt er die ambivalente Wirkung der Tafeln. Sie würden zwar Armut sichtbar machen, aber gleichzeitig eine Parallelwelt schaffen. Es könne sich "am Ort der Abspeisung niemand mehr als gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft fühlen“. Die Tafeln seien nicht mehr als ein Pannendienst, ihre Hilfe nicht nachhaltig.

Im Streit der Woche äußern sich außerdem taz.de-Leser Michael Dietz und Martin Brüning, Leiter der Unternehmenskommunikation beim größten Lebensmittelspender der Tafeln, der Rewe-Group.

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