Kongress "Zero n One": Die Musik, die aus der Lochkarte kam

Bis in die Achtzigerjahre waren Elektronik-Komponisten Nerds, die in ihren Studios tüftelten. Die Kultur elektronischer Musik wird jetzt beim Kongress "Zero n One" diskutiert.

Billige PCs und Breitbandinternet haben längst die Realität der Pioniere überholt. Bild: alphasix – Lizenz: CC-BY-SA

Digitale Daten können ausschließlich in Nullen und Einsen dargestellt werden. Die Eins steht für den Stromimpuls. Null heißt Aus. "Zero n One", der Titel eines Kongresses an der Berliner Akademie der Künste, der sich mit den Folgen des digital turns in der Musik beschäftigt, klingt herrlich unsexy, ist aber folgerichtig gewählt. Zumal akustische Musik ein Vorreiter der Digitalisierung gewesen sei, wie Erhard Grosskopf, Leiter der Sektion Musik der Akademie, in seiner Begrüßungsrede den Wiener Computerpionier Heinz Zemanek zitiert. Als Beleg führte dieser etwa an, dass die Lautstärke von Musik seit jeher quantisiert notiert wird.

Bis zum Samstag setzen sich Wissenschaftler und Musiker in Vorträgen, Konzerten und Diskussionen mit dem Zustand der Komposition im digitalen Zeitalter auseinander. Darunter sind auch Protagonisten der elektronischen Tanzmusik, wie etwa der Berliner Produzent und Softwareentwickler Robert Henke alias Monolake.

Bis weit in die Achtzigerjahre waren Elektronikkomponisten Außenseiter, die in ihren Studios, abseits des öffentlichen Interesses, tüftelten. "Ich wollte ungehörte Klänge erfinden und nicht Instrumente nachahmen", sieht man den Komponisten Josef Anton Riedl bei einem im Foyer der Akademie in Dauerschleife laufenden Dokumentarfilm sagen. In den Fünfzigern arbeitete Riedl an einem Analogsynthesizer-Ungetüm, dessen Musik mittels Lochkartensystem aufgezeichnet wurde.

Wie sperrig dieser Futurismus von einst wirkt, lässt sich beim Eröffnungsvortrag von Johannes Goebel am Mittwochabend beobachten. Mit Hörbeispielen ("Stimmen der Vergangenheit"), die er von seinem Laptop abfahren lässt, und einer Powerpoint-Präsentation, fasst der Komponist 60 Jahre Computermusik zusammen. Goebel, der im kalifornischen Stanford und in Karlsruhe Musik und Technologie lehrte, erklärte mit naturwissenschaftlichem Understatement den Stand der Dinge.

Alle Bausteine fürs Musikmachen, so führte der 61-Jährige aus, stehen in akustischer und kompositorischer Hinsicht am Computer zur Verfügung. Es gebe seit der Digitalisierung keine technischen Herausforderungen konzeptioneller Art mehr. Und über Musik am Computer würde genauso geredet wie über analoge Musik. Technologie würde eingesetzt wie jedes beliebige Instrument.

Billige PCs und Breitbandinternet haben dabei längst die Realität der Pioniere überholt. Was sich heute mit einem Update beheben lässt, die Auseinandersetzung mit dem Computer als künstlerischem Produktionsmittel, war einmal ein Kampf gegen Windmühlen. Beim Eröffnungskonzert bot sich das umgekehrte Bild: Ein Trio um den Schlagzeuger Michael Wertmüller spielte mit zwei Robotern. Die Maschinengeschöpfe sahen gegen den grobmotorischen Krach, den die Musiker entfesselten, ganz schön alt aus.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de