Die Woche: Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?

Warum die Amerikaner uns manchmal voraus sind und die Hells Angels eine Zuhältergewerkschaft ist.

taz: Herr Küppersbusch, was war schlecht vergangene Woche?

Friedrich Küppersbusch: In Washington demonstrieren 200.000 US-Bürger "für die Vernunft".

Was wird besser in dieser?

Die anderen 308 Millionen überlegen noch, viele durchaus ergebnisoffen.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier ist aus der Nierenspendeauszeit in die Politik zurückgekehrt. Folgt jetzt auch das Comeback seiner Partei?

Klar, in der gegnerischen "Welt" wurde er gleich zum besseren Kanzlerkandidaten hochgejuxt. Wenn die SPD drauf reinfällt, haben wir bald ne Organspendenaffäre. Vielleicht wird ihr Nachkriegschef Kurt Schumacher neues SPD-Logo; ihm fehlten Arm und Bein.

Die Arbeitslosenzahl sinkt auf unter drei Millionen. Sowohl die aktuelle als auch die vorige Regierung beansprucht den Erfolg für sich. Wer hat recht?

Es wäre schon cool, wenn die SPD jetzt Schröder, Clement und Steinbrück untergehakt vorschicken könnte. Ein Gazprom-Lobbyist, ein Besserwisser und ein Westerwelle-Jünger sind leider nur die Halloweenversion davon. So kann Merkel es als ihren Aufschwung reklamieren, und die Grünen sind eher froh, mit Hartz nie was zu tun gehabt zu haben.

In der Debatte über die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken hat die Opposition der Regierung vorgeworfen, gegen die Bürger zu "putschen", Schwarz-Gelb nennt die Opposition im Gegenzug "Blindgänger". Weht da etwa plötzlich ein Hauch des rhetorischen Kampfgeistes von Strauß und Wehner durch die deutsche Politik?

Die Nachrichtensender teilten ihre Bildschirme: Links sprach Trittin, rechts applaudierte die Grünen-Fraktion im schwarzen Mannschaftstrikot und oben prangte das Greenpeace-Trikot vom Adenauer-Haus. Das war zeitgemäßes Fernsehen. Gysi und Gabriel oben drauf, da musste Röttgen entgegen der Tagesordnung ran. Manche Zapper werden vermisst haben, dass zwischendurch Bohlen irgendwie sich am tollsten findet. Ja, ich fand, es hatte Chancen, verstanden zu werden.

Der frühere irakische Außenminister Tarik Asis ist zum Tode verurteilt worden. Hätte man ihn nicht einfach einsperren können?

Asis wird 96 sein, wenn er seine bisherigen Haftstrafen abgesessen hat. Die Wiederholungsgefahr ist dann ungefähr so wie bei einem Toten. Deshalb wäre hier Gnade vor Recht - wie es UN, EU, Vatikan und Russland erbitten - ein kluger Beitrag zur inneren Aussöhnung. Die Hinrichtung hingegen auch für Nichtiraker ein Beweis mehr, dass der Krieg null Humanismus ins Land gebracht hat.

Friedrich Küppersbusch ist Journalist und Fernsehproduzent. Jede Woche wird er von der taz zum Zustand der Welt befragt.

Ein Sieger der US-Kongresswahlen am Dienstag steht jetzt schon fest: der Comedian Jon Stewart, in dessen "Daily Show" Obama auftrat. Was kann das deutsche Fernsehen von Stewart lernen?

Machen! Seit der Bush/Kerry-Wahl 2004, in der Stewarts Stern aufging, kannten alle deutschen Macher dieses Wunder: Der Typ hat seit 99 im Nischensender Comedy Central ein paar hunderttausend Zuschauer - und bestimmt die nationale Debatte! Das wäre so, als könnte D-Max Merkel gefährden. Wir haben das Format 04 für ProSieben pilotiert. Sie fanden es geil, allerdings nicht für ihr Publikum. Zeitweise schwärmte jeder TV-Manager, er sehe Stewart jede Woche nachts bei MSNBC. Um dann noch mal Mario Damenbarth anzuheuern. Schließlich gelang dem ZDF ab 09 mit der "heute show" eine zündende Adaption. Ohne Stewarts riskante Interviews, die viel ausmachen - nun war grade Obama da. Vorgestern haben Stewart und sein früherer Sidekick Colbert 200.000 Leute zu einer "Demo zur Wiederherstellung der Vernunft" auf die Beine bekommen. Nachdem Politiker immer mehr "Politikerdarsteller im TV" sind, können TV-Darsteller ruhig politischer werden. Es ist ein schmutziger Job, aber einer muss es tun. In Deutschland haben kommerzielle Entscheider Angst, ein so "spitzes" Programm verkaufe keine Werbung. Bei Öffentlich-Rechtlichen wurden uns die Hälfte der Aktionen, die die "Daily Show" ausmachen, aus vorauseilendem Gehorsam vor "Gremien" wieder rausgeschnitten. Beides zusammen macht die 10 Jahre Vorsprung der Amis aus.

Die Hells Angels entdecken das Recht und verklagen in den USA Firmen, die ihr Totenkopflogo verwenden. Verkehrte Welt?

Wer seine Produkte mit dem Logo der Zuhältergewerkschaft schmückt, wird wissen, warum: etwa für diese Publicity.

Und was machen die Borussen?

Wenn Mainz Meister wird, bekommen wir das ZDF ("Ziemlich Dortmunder Fernsehen"). Steinbrecher hamwer ja schon.

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