Britischer Pop-Kongress: Narzissten und Machos

Seit es die Cultural Studies und die Blogosphäre gibt, schwindet die Deutungshoheit von Musikmagazinen. Deren britische Schreiber debattieren ihr Selbstverständnis.

Haben Musikkritiker noch was zu melden? Bild: nadine platzek/photocase.com

WHISTABLE taz | Das Gras ist anderswo auch nicht grüner. Auch im malerischen Küstenstädtchen Whitstable, eine gute Stunde von London entfernt, kämpft der Musikmagazinjournalismus ums Überleben. Die Frage, die sich Anne Hilde Neset, die stellvertretende Chefredakteurin der britischen Zeitschrift The Wire am Ende des Festivals "Off The Page" stellte - warum es so lange gedauert habe, eine dreitägige Veranstaltung auf die Beine zu stellen -, lässt sich einfach beantworten: mangelnde Einsicht in die Notwendigkeit.

Erst seitdem die Cultural Studies an den Universitäten und vor allem die Blogosphäre den Siegellordbewahrern der egozentrierten Musikkritik das Leben schwermachen, ist das Selbstverständnis von britischen Traditionsmagazinen wie The Wire so erschüttert wie das etwa von Spex. Die Deutungshoheit schwindet.

So wenig man es Wire-Chefredakteur Tony Herrington abnimmt, dass er die Konkurrenz durch die Blogosphäre super findet, so sehr freut man sich über das von Neset - zwar verzagt, aber doch mit deutlicher Stimme - vorgetragene Bekenntnis, dass ihr, ehrlich gesagt, das narzisstische Baden im Text des US-Popautors Lester Bangs zu viel des Guten gewesen sei.

Sein Machogetue habe der "Sache an sich" zu wenig Raum gegeben. Was die Sache an sich sei, darüber ist man sich im Vestibül des "Playhouse", eines putzigen kleinen Theaters, nicht sicher. Ist es wirklich noch die Musik? Oder hat sich das Reden über Musik längst verselbstständigt?

"People pay to see others believe in themselves": Kim Gordons 1983 im Artforum veröffentlichte Einschätzung der sozialen Einrichtung "Club", kann man im Playhouse auf keinen Fall wiederfinden. Hier zahlen Leute eher dafür, dass andere ihre Intellektualität darbieten. So gesehen war der Auftritt von Kodwo Eshun ein Höhepunkt. Er war es auch, der in "Ten paragraphs of music criticism" der Sonic-Youth-Sängerin Gordon zu neuen Ehren verhalf.

Dabei hatte Eshun Kim Gordons Talent als Kritikerin nicht durch die Lektüre ihrer Texte schätzen gelernt, sondern durch den US-Kulturkritiker Greil Marcus, der Gordon seinerseits bereits entdeckt hatte - Koshun löste das Problem elegant, indem er den Text von Marcus gleich mit in seine persönliche Hall of Fame der Musikkritik integrierte.

Eshun sprach dann den gerne totgeschwiegenen Willen zur Macht an, den viele Musikkritiker besitzen. Subjekttheoretisch bewandert und mit einem ausgeprägten Bewusstsein für Hipness, stellte sich Eshun selbst in den Mittelpunkt seiner Theorie und machte aus seiner "Oxbridge"-Sozialisation keinen Hehl. Unbescheiden schätzte er den Beginn seiner Karriere als Freelancer bei Musikmagazinen ein: "People who should run the country were running into self-poverty."

Wer in der Lage ist, die Ästhetik der Zukunft in Worte zu fassen (in seinem persönlichen Fall Clubmusik wie Drum 'n' Bass und Grime), erschaffe Wahrnehmungsmuster und arbeite damit am diskursiven Wirklichkeitsbegriff. Die Zukunft, so Eshun, sei ein Pop-Materialismus, der in der Geste die "physische Idee" erkennen würde.

Den genau umgekehrten Weg schlug der New Yorker Dave Tompkins ein. Nicht die Idee soll physisch werden, sondern die Physis zur Idee. Mit der Geschichte des Vocoders in seinem Buchdebüt "How To Wreck A Nice Beach" erzählt Tompkins faszinierend unakademisch, wie sich die menschliche Stimme vom Körper entfernen konnte.

Der HipHop-Fan der ersten Stunde erzählt die unter Verschluss gehaltene Geschichte des Vocoders als eine Geschichte sowohl von Affirmation als auch von Dissidenz: Von seinen Anfängen, als J. F. Kennedy während der Kubakrise in eine Comicfigur verwandelt wurde - "the KY-9 made the president sound like Donald Duck" - bis zur heutigen Zeit und ihrer beliebten Gesangssoftware "Autotune" hat Tompkins dem schillernden Wesen der Popkultur als Joker der Macht hinterher gespürt.

Seine Performance begeisterte Fans und Kritiker gleichermaßen: Denn der bescheidener Zauberer Tompkins stellt seine zehnjährige Forschungsarbeit ganz in den Dienst seiner Liebe zum seltsamen, den Kopf wegblasenden Sound und abgedrehter Science-Fiction.

Nomen non est omen: Nina Power, die Autorin von "One Dimensional Woman", eines inzwischen auch auf Deutsch vorliegenden Pamphlets wider die gesellschaftliche Beflissenheit britischer Frauen ("Cup of tea, love?"), zeigte wenig Ambitionen, den Auftritt weiblicher Kritik etwas kraftvoller zu gestalten.

Von Pop als Pose schien die Philosophiedozentin noch nie etwas gehört zu haben. Statt dessen würde sie sich stets fragen, ob sie überhaupt über Musik schreiben dürfe, wenn sie nicht 4.000 Platten im Schrank stehen habe.

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