John Foxx and The Maths: Die Rückkehr der Avantgarde

Synthiepop-Pionier John Foxx besinnt sich auf die Anfänge. Das Credo seines neuen Albums: Synthesizer müssen nach Synthesizern klingen.

John Foxx an seinem Synthesizer. Bild: screenshot youtube

Plötzlich sind sie wieder da: Human League, OMD, Blancmange, Duran Duran, die guten alten Stars der New-Wave-Zeit, die einst ihre Gitarren gegen Synthesizer getauscht hatten, um neue Klänge zu erproben. Sie alle haben sich zusammengerauft, um es 20 Jahre später noch einmal zu versuchen und neue Alben abzuliefern. Nach einem Jahrzehnt des Achtziger-Synthiepop-Revivals beleben sich die Vorbilder jetzt selbst. Das ist so erstaunlich wie konsequent, ist es aber auch musikalisch überzeugend?

Nimmt man die neue Platte von John Foxx, lautet die Antwort eindeutig: Ja. In den späten Siebzigern der erste Sänger der Band Ultravox, legte er 1980 sein Solodebüt "Metamatic" vor, mit dem er zum Prototyp des elektronischen Pop wurde.

So metallisch kalt und futuristisch klangen sonst nur Kraftwerk. John Foxx jedoch wirkte noch spartanischer, härter und schnörkelloser. Songs wie "Underpass" oder "No-One Driving" lieferten Blaupausen für ein Genre wie Electro, das Hörern heute weit vertrauter ist als vor dreißig Jahren.

Nostalgisch-futuristisch

"Interplay" heißt das neue Album, mit dem er an den puristischen Stil seines frühen Klassikers anschließt. Der 1947 als Dennis Leigh geborene Brite bekam dabei Unterstützung vom zwanzig Jahre jüngeren Musiker Ben Edwards alias Benge, der vor drei Jahren ein Album mit dem Titel "20 Systems" veröffentlichte, auf dem er zwanzig verschiedene historische Synthesizer präsentierte.

Als Foxx diese abstrakt-experimentellen Skizzen hörte, war er so begeistert, dass er unbedingt mit dem Synthesizersammler zusammenarbeiten wollte: "Mir gefiel das richtig gut, denn bei ihm dürfen die Synthesizer nach Synthesizern klingen, und genau darum bemühe ich mich auch schon seit Langem. Ich habe es immer gehasst, wenn früher jemand versuchte, Synthesizer wie Orchester klingen zu lassen, das fand ich sehr kitschig. Mein Ziel beim Arbeiten mit Synthesizern waren Klänge, die man vorher noch nie gehört hatte und die nur von Synthesizern gemacht werden können." Foxx meldete sich bei Edwards, und man einigte sich, zusammenzuarbeiten. Synthesizerpop war von Foxx zunächst nicht geplant. "Ich dachte, es würde eine abstrakte Instrumentalgeschichte, doch dann wurden es Songs. Das war purer Zufall."

Obwohl "Interplay" weitgehend an Foxx frühen Stil anknüpft und ausschließlich mit analogen Geräten eingespielt wurde, klingt es keinesfalls wie ein Abklatsch oder der Versuch, an frühere Erfolge anzuknüpfen. Man hört vielmehr eine echte Freude am Musikmachen, durchaus nostalgisch-futuristisch, allerdings in vollendeter Form, ein unerwarteter Höhepunkt im Schaffen des Elektronikveteranen.

Foxx, der sich in den Achtzigern zunächst in eine romantischere New-Wave-Richtung weiter bewegt hatte, kehrte 1985 der Musikszene erst einmal vollständig den Rücken und begann sich auf seinen gelernten Beruf als Künstler und Grafiker zu konzentrieren.

Mit der Acid-House-Bewegung Ende der Achtziger bekam er allmählich wieder Interesse an elektronischer Musik, seitdem hat er in unregelmäßigen Abständen Alben veröffentlicht und mal die eine, mal die andere elektronische Richtung probiert, auch Ambientexperimente und Multimediaarbeiten waren darunter. Sein Geld verdient er als Hochschuldozent für Multimediadesign.

Dass alte Synthesizer, seine große Leidenschaft, seit einiger Zeit verstärkt unter jüngeren nordamerikanischen Musikern ein Comeback feiern, empfindet er als musikgeschichtliche Ironie.

Immerhin hatte er sich bei seiner Entscheidung für die Elektronik einst von der nordamerikanischen Popmusik absetzen wollen: "Ich wollte Musik machen, so als hätte es Amerika nie gegeben. Einfach um herauszufinden, wie Europa klingt, denn die amerikanischen Einflüsse waren so stark, die Musik war so gut, dass sie das Geschehen in Europa für eine Weile beinahe lahmlegte. Seltsamerweise wird heute die Musik, die wir in den Siebzigern und Achtzigern gemacht haben - und gerade auch die Musik aus Deutschland, von der wir beeinflusst waren -, wieder von einer jungen Generation amerikanischer Musiker gehört. Es gibt eine Reihe junger elektronischer Avantgardemusiker, die ihre Synthesizer wie wir damals auf primitive Weise nutzen."

Foxx sieht hier eine popkulturelle Kontinuität der wechselseitigen Aneignung am Werk: "Es ist ganz ähnlich wie in den Sechzigern, als die Rolling Stones und die Beatles amerikanische Musik hörten und daraus etwas Neues machten, was sie dann nach Amerika zurückverkauften.

Das Gleiche passiert jetzt in umgekehrter Richtung, die Amerikaner hören europäische Musik, die sie vorher nie richtig gehört hatten. Sie haben das aufgegriffen und angefangen, Musik zu machen, die wieder für uns spannend ist. Es ist sehr interessant, wie diese Dinge kulturell miteinander verkoppelt sind."

In diesem Bewusstsein der regelkreisartigen Beeinflussung über Generationen hinweg ist Foxx auch in den musikalischen Dialog mit seinem Kollegen Benge getreten. Foxx hat so eine neue Version seines früheren Selbst geschaffen - mit dem gebührenden historischen Abstand, versteht sich.

John Foxx and the Maths: "Interplay" (Metamatic Records/Cargo)

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de