Blaues Licht: Dunkelheit macht schlaflos

Blaues Licht ist die Grundlage unseres Zeitgefühls. Weil Brigitte Hoffmann es nicht sehen kann, ist ihr Biorhythmus völlig durcheinander.

Die Farbe Blau: Manch eine/r wird nie erfahren, wie schön sie sein kann. Bild: GeorgMoik / photocase.com

Wie fühlt sich die Nacht an? Und wie die Morgendämmerung? Für Brigitte Hoffmann gibt es diese Gefühle nur noch in der Erinnerung. Als kleines Kind konnte sie sie spüren, bevor ihre Wahrnehmung von Licht verschwand. Hoffmann hat Glaukom - ihre Sehnerven wurden nie richtig mit Blut versorgt, sie nahmen mehr und mehr Schaden, bis sie zerstört waren.

Heute ist sie vollblind: Keiner der Rezeptoren auf ihrer Netzhaut gibt Signale weiter. Ihre Augen nehmen keine Farben, Formen und Umrisse mehr wahr. Und sie registrieren auch kein blaues Licht, das die Grundlage unserer Zeitgefühls ist.

Brigitte Hoffmann läuft sicheren Schritts durch ihre Wohnung, berührt zur Orientierung hin und wieder ein Schränkchen, eine Wand. Ganz leicht nur, im Vorbeigehen. Sie ist klein, ihre roten Haare sind kurz geschnitten. Die Böden sind mit Teppich belegt, in den Vitrinen stehen Glaspüppchen und riesige Bücher - geschrieben in Blindenschrift. Die Türen sind mit dunklen Lederpolstern bespannt. Ihr Ehemann macht Marzipankaffee in der kleinen Küche, doch sie trinkt lieber den kalten Kaffee vom Vormittag. Den mag sie besonders gern, sagt sie.

Wenn Hoffmann einen Brief bekommt, legt sie ihn auf ihren Scanner. Der schleust die Buchstaben in ein Computerprogramm und übersetzt sie in Blindenschrift. Über die Braillezeile an ihrer Tastatur kann sie den Text dann mit ihren Fingern lesen. Den Bildschirm schaltet sie nie an. Wozu auch?

Begeistert führt Hoffmann weitere Geräte vor, die ihr das Leben ein bisschen leichter machen. Eines sieht aus wie eine kleine Fernbedienung. Wenn sie es an eine Lampe hält, klackern hintereinander kurze Töne. So kann sie Lichtquellen erkennen, herausfinden, wo in einem Raum Fenster sind. Eine andere Fernbedienung hält sie morgens an ihre Klamotten. "Helles Beige", tönt aus dem Lautsprecher. "Ich freue mich, dass das alles so klappt", sagt sie. Sie spricht langsam, ihre Stimme ist ruhig und hell, sie lacht viel.

Hoffmann kommt gut zurecht im Leben, ohne zu sehen. Nur eines kann sie nicht: regelmäßig schlafen.

Als sie noch gearbeitet hat, sagt sie, war das eine große Belastung. Hoffmann ist gelernte Stenotypistin und arbeitete jahrelang in einem Ingenieurbüro: "Ich konnte nicht einschlafen oder wachte nachts auf und war dann hellwach", erzählt sie und fährt mit ihren zierlichen Fingern über ihren engen, halblangen Rock. Morgens aufstehen war eine Qual, sie litt oft an Schlafentzug. "Das war eine ganz dumme Zeit. Ich war ja auf mein Gehirn angewiesen, aber irgendwie fühlte ich mich tagsüber immer wie im Nebel." Sie sitzt bequem in der großen dunklen Couch, lehnt sich mit einer Seite an die Rückenlehne. Sie ist nun siebzig Jahre alt und in Rente. "Jetzt ist es nicht mehr so schlimm", sagt sie. Sie kann sich hinlegen, wann sie will.

Hoffmann wird nicht müde, wenn die Sonne untergeht, und nicht wach, wenn sie aufgeht. Ihre innere Uhr ist aus dem Takt. Über die Ursache weiß man heute ein wenig mehr: Vor einigen Jahren entdeckten Forscher neben Stäbchen und Zapfen, die Formen und Farben erkennen, einen dritten Rezeptortyp in der Netzhaut unseres Auges. Dieser Rezeptor reagiert vor allem auf Lichtwellen mit 480 Nanometer Länge - auf blaues Licht also. Trifft das blaue Licht auf diese Sinneszellen, geben sie die Information darüber an einen winzigen Bereich in unserem Gehirn weiter: den Suprachiasmatischen Nucleus. Dort, nur wenige Zentimeter hinter den Augen, sitzt die innere Uhr.

Schlafhormone auf Rezept

Der Suprachiasmatische Nucleus lenkt Anstieg und Fall unserer Körpertemperatur, Stoffwechselprozesse und die Aktivität des Gehirns - er bestimmt unseren Tagesrhythmus. Außerdem hemmt das blaue Licht die Ausschüttung von Melatonin, dem Schlafhormon. Abends, wenn die Sonne untergeht und mit ihr das blaue Licht, produzieren wir mehr und mehr Melatonin und werden so müde. Der 24-Stunden-Rhythmus klappt nur mit blauem Licht.

Seit etwa zehn Jahren nimmt Brigitte Hoffmann nun Melatonintabletten vor dem Schlafengehen. Es macht sie müde. Für die Behandlung ihrer Krankheit ist das eigentlich gar nicht zugelassen. Ärzte verschreiben es zur kurzfristigen Behandlung von Insomnie, also Schlaflosigkeit. Viele Betroffene, deren Schlaf-Wach-Rhythmus ausgefallen ist, besorgen sich das Melatonin aber auf anderem Wege. Ein anderes Arzneimittel für Hoffmanns Problem existiert noch nicht. Zwar testet eine Pharmafirma gerade weltweit einen Stoff, der im Suprachiasmatischen Nucleus das bewirken soll, was sonst das blaue Licht auslöst. Es ist wie Blaulicht als Tablette. Bis zur Zulassung könnten jedoch noch Jahre vergehen.

Rund 150.000 Menschen in Deutschland sind erheblich sehbehindert, schätzt der Blindenverband, etwa 10 Prozent davon vollblind. Für sie ist der Verlust der inneren Uhr oft der belastendste Aspekt an der Blindheit.

"Wir müssen ständig konzentriert sein, um uns zu orientieren", sagt Hoffmann. Ein Sehender kann schließlich immer noch gucken, ob da ein Schrank im Weg steht. Wo sie wach sonst sicher durch ihre Wohnung geht, kriegt sie im müden Taumeln auch mal Beulen und blaue Flecken ab.

Nachts, wenn sie wach ist, liest sie ein Buch in Punktschrift oder hört Radio. "Ich kenne viele Blinde, denen es genauso geht", sagt Hoffmann. Sie erzählt von Blinden, die nachts bei Radiosendungen anrufen. Sie lacht dabei viel.

Hoffmanns Ehemann ist auch sehbehindert. Als Kleinkind raubte ihm eine bakterielle Enteritis, auch bekannt als Ruhr, das meiste Sehvermögen. Heute sieht er nur noch Umrisse - und Licht. Seine innere Uhr funktioniert. Das blaue Licht kommt auf seiner Netzhaut an, so wie es auch bei Sehenden durch die Augendeckel dringt und morgens die Schläfer aufweckt.

Brigitte Hoffmanns Erblindung jedoch war nicht zu stoppen - trotz vieler Operationen. "Als Kleinkind habe ich noch Bilderbücher angeguckt", erzählt sie. Lange konnte sie auch Umrisse sehen, von Menschen und Bäumen. An Farben kann sie sich erinnern. Ungefähr. Dann aber lief sie eines Tages einen dunklen Gang in ihrer Schule entlang. Sie war damals sechzehn Jahre alt. Ein Schüler kam ihr entgegen und rempelte sie ungeschickt an. Da platzte Hoffmanns rechtes Auge. Seither ist eines ihrer großen blauen Augen aus Glas. Auch der Sehnerv ihres linken Auges war bald so zerstört, dass sie nun mit beiden Augen nur noch eines sieht: schwarz.

Manchmal aber, im Sommer, wenn es zehn Uhr abends ist und draußen noch ein bisschen hell, dann erinnert sich Brigitte Hoffmann daran, wie sich das angefühlt hat. Sie versucht sich hineinzuversetzen in dieses Gefühl. Dann, sagt sie, kann sie es ein bisschen spüren, das Licht.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de