Kommentar Literaturnobelpreis: Wo bleibt die Öffnung für die Lyrik?

Lyrik ist beliebt - bekommt in der Öffentlichkeit aber kaum die nötige Aufmerksamkeit. Das wird sich auch mit dem Preis für Tomas Tranströmer nicht ändern.

Lyrik boomt derzeit in Deutschland. Doch, doch. Das Poesiefestival in Berlin, nur zum Beispiel, hat beeindruckende Zuschauerzahlen vorzuweisen - und mitten drin im Publikum all die jungen Leute, die man auf Kulturveranstaltungen so gerne sieht, weil man weiß, dass sie für die Zukunft stehen. Wie in anderen Großstädten auch gibt es eine junge, quirlige, kenntnisreiche Lyrikszene, die zudem über Lyrikzeitschriften sowie Internetforen gut vernetzt ist.

Was aber auch stimmt, ist, dass Lyrik hierzulande über Events und Insiderforen hinaus in der Öffentlichkeit kaum von Bedeutung ist. Und daran wird nun auch der Nobelpreis für Tomas Tranströmer wenig ändern. Sosehr man sich mit dem schwedischen Autor freut und mit seinen Landsleuten, die jetzt jubeln: Letztlich hat die Wahl doch etwas Strukturkonservatives.

Sagen wir es so: Jede Lyrikgeneration muss sich offenbar wieder aufs Neue darum bemühen, den Staub von dieser literarischen Gattung zu pusten und ihr diesen Hang zum Bildungsbürgerlichen auszutreiben, der ihr schnell anhängt, in Deutschland noch mehr als anderswo. Mit dem 80-jährigen schwedischen Autor hat die Akademie nun einen Vertreter der vorangegangenen Generation ausgezeichnet, die diese Aktualisierungsarbeit der lyrischen Traditionen auf ihre Weise geleistet hat.

ist Redakteur für Literatur bei der taz.

In Deutschland präsentierte sie sich lange Zeit als elitäres Unternehmen. Das kann man aber auf die aktuelle Lyrikszene nicht einfach hochrechnen. Ihr fehlt nicht nur diese Tendenz zum Bibliophilen, hier sind die Grenzen zu anderen kulturellen Disziplinen sehr viel offener, Einflüsse holt man sich aus der lyrische Tradition genauso wie aus der Szene der elektronischen Musik und, ja, auch das, aus der Werbesprache. Wahrscheinlich würde der Lyrik eine Öffnung des Literaturbegriffs seitens der schwedischen Akademie genauso gut tun wie der Literatur insgesamt.

Ein Preis für Bob Dylan, der schon seit einigen Jahren auf der Favoritenliste steht, hätte viel mehr für diese Öffnung gestanden. Nicht, dass man diesen Musiker noch als jung oder neu verkaufen könnte. Aber man hätte ihn halt gekannt und man hätte über seine Songtexte - also über Lyrik - im breiten Kreis diskutieren können. So etwas würde man sich wirklich einmal für Gedichte wünschen. Bei Tomas Tranströmer wird es bei den Fachkreisen bleiben. Eigentlich sehr schade.

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Dirk Knipphals, Jahrgang 1963, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in Kiel und Hamburg. Seit 1991 Arbeit als Journalist, seit 1999 Literaturredakteur der taz. Autor des Sachbuchs "Kunst der Bruchlandung. Warum Lebenskrisen unverzichtbar sind" und des Romans "Der Wellenreiter" (beide Rowohlt.Berlin).

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