Ausstellung „Berlin.Status“: Der unbedingte Wille zur Form

„Berlin.Status“ im Kreuzberger Künstlerhaus Bethanien bietet dem politkonzeptuellen Mainstream Paroli. Ein Präsentierteller unbekannter Genies ist die Schau nicht.

Istallation von Andrew Gilbert. Bild: power gelerie Hamburg

Nach dem Status Berlins zu fragen, gleicht dem Versuch, Bakterienkulturen mit dem Geodreieck zu vermessen. Schon zu Mauerzeiten war der Status von Berlin heikel. Nur auf dem Rücken der drei Westmächte stand der Vorposten der Freiheit so ehern. Und wer sich in diese Statue hineinwagte, verlor sich in einem Kosmos aus Paralleluniversen.

Man fragt sich also, was Christoph Tannert und Sven Drühl geritten haben mag, mit der Schau „Berlin.Status“ im Kreuzberger Künstlerhaus Bethanien noch einmal zu beweisen, dass an der Spree eine „Kunststadt ohne Konsens“ steht. Bewies doch selbst die missglückte Ausstellung „based in Berlin“ im vergangenen Sommer, dass es keinen „Berliner“ Stil, sondern nur ästhetische Individualisten gibt.

Diese permanenten Bestandsaufnahmen in Sachen neue Kunst spiegeln ein aufschlussreiches Bedürfnis nach (Selbst)vergewisserung. Das vor Berlin nicht haltmacht. Mitte Mai wird die Republik ästhetisch geröntgt. Dann öffnet in Hannover die genauso konzipierte Ausstellung „Made in Germany Zwei“. Vor der Vielfalt der Postpostmoderne scheinen die Kuratoren zu kapitulieren: Man kann sie nur noch ausbreiten.

Von Klaus Wowereits gescheitertem Versuch, den Hype um die Weltkunststadt Berlin auf die Mühlen der Politik zu leiten, unterscheidet sich „Berlin.Status“. Denn es steht ein originär ästhetisches Interesse hinter dem Ausstellungsprojekt. Zwar ist auch diese Schau Arbeit am Berlinmythos. Zumindest die Kunstwerke reproduzieren ihn aber nicht.

Plastikabgüsse Brandenburger Sandhaufen

Die 53 Positionen, alle Künstler sind zwischen 1973 und 1980 geboren, stammen von „echten“ Berlinern und nicht von solchen mit Zweitwohnsitz in einer angesagten Kreativmetropole. Umso bemerkenswerter, wie wenig sie sich noch an diesem Mythos abarbeiten müssen. Die Plastikabgüsse Brandenburger Sandhaufen, die Philip Topolovac zu einer Raumskulptur zusammengeschraubt hat, sind so ziemlich der einzige Versuch, das Territorium eines permanenten Umbruchs zu fassen.

„Berlin.Status“ verweigert sich also beiden Zumutungen. Weder kündet sie vom Genius Loci Berlins als „Weltkunsthauptstadt“, noch bläst sie zur politischen Attacke auf den Neoliberalismus, wie es die 7. Berlin Biennale propagiert, die Ende nächster Woche beginnt. Überhaupt liest sich der sehenswerte Parcours wie ein Gegenentwurf zu deren absurder Idee, Kunst durch Politik zu ersetzen.

Denn wenn es ein Kredo von „Berlin.Status“ gibt, dann ist es der Wille zur Form. Der mitunter bewusst auf die Spitze getrieben wird. Etwa, wenn die Kanadierin Emmy Skensved in ihren Schwarz-Weiß-Überklebungen obsessiv der Liebe zum Ornament frönt. Oder Katinka Pilscheur für ihre „Chanel-Edition“ statt Ölfarbe verschiedene Nagellacke auf die Leinwand aufträgt – eine Art Farbfeldmalerei aus dem Geiste des Alltags.

Kein Präsentierteller unbekannter Genies

Mit rund 50 Positionen lässt sich natürlich kein Kunst„status“ Berlins beschreiben. Und ob die „neuen Bewirtungsformen“ in einem White Cube funktionieren, der weit weg von den unkonventionellen Präsentationsbedürfnisse ist, aus dem sich der Boom der Berliner „Projekträume“ speist, sei dahingestellt. Ein Präsentierteller unbekannter Genies ist die Schau auch nicht, Ralf Ziervogel, Michael Sailstorfer und Jorinde Voigt sind schließlich „durchgesetzte“ Künstler. Sie gewinnt vor allem durch zwei Kuratoren, die gegen den politkonzeptuellen Mainstream auf zwei Kernkompetenzen der Kunst beharren: Sinnlichkeit und Form.

Dahinter verbirgt sich kein konservativer Backlash. Wie man an dem schottischen Künstler Andrew Gilbert sehen kann, der in einer drastischen Mischung aus Expressionismus und Primitivismus den britischen Kolonialismus auseinandernimmt. Und das Elend der Welt deckt eine dialektisch operierende Dokumentarfotografie womöglich besser auf als eine realistische. In seiner Fotoserie „Dream Hotels“ hat Sven Johne einfach die Schlafräume von Luxusresorts auf Lampedusa abgelichtet. Wie die Flüchtlinge auf der italienischen Insel leben, die dort von Nordafrika landen, wird vor dieser Kontrastfolie von selbst deutlich.

Dass sich auch über die Form allein politisches Vermögen transportieren lässt, beweist Judith Schwinn, die Zeichnung und Objekt verbindet. Die filigranen Zauberwesen aus ihren Zeichnungen stehen plötzlich als winzige Skulpturen auf grazil geschwungenen Holzbahnen im Raum. Sieht auf den ersten Blick niedlich aus. Doch was könnte revolutionärer sein als die Fähigkeit, einfach in eine andere Dimension zu wechseln?

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