Der Spastiker Gerhard Schmitz über die Behindertenquote: „Die Zeit ist auf unserer Seite“

Der Vorsitzende der SPD-Arbeitsgemeinschaft „Selbst aktiv“ in Schleswig-Holstein will jeden zehnten Gremiensitz für Leute mit Handicap.

Würde sich noch mehr Normalität wünschen: Gerhard Schmitz. Bild: Marcus Dewanger

taz: Herr Schmitz, behindert ist man nicht, behindert wird man. Stimmt das?

Gerhard Schmitz: Nicht die körperliche Beeinträchtigung ist das Problem, sondern dass die Gesellschaft es nicht schafft, Menschen mit Handicap so einzubeziehen, dass sie am normalen Leben teilnehmen können. Das geht schon in Schule und Kita los.

Sie selbst haben spastische Lähmungen und Sprachschwierigkeiten, eine Folge von Sauerstoffmangel bei Ihrer Geburt. Wie war das bei Ihnen mit der Schule?

Ein Arzt hat meine Schulreife festgestellt – aber gleichzeitig gesagt, dass ich keine normale Schule besuchen könne. Also kam im ersten halben Jahr zweimal die Woche eine Lehrerin ins Haus. 1967 wurde in Flensburg die erste Sonderklasse für Kinder mit Körper- und Mehrfachbehinderungen eingerichtet.

Was war das damals für ein Gefühl, als „Behinderter“ abgestempelt zu werden?

Ein ziemlich komisches. Ich hatte eine Lehrerin für mich ganz allein, aber dafür keine Schulkameraden. Freunde im engeren Sinne hatte ich kaum. Die Sonderklasse an der damaligen Sprachheilschule war der erste Schritt in Richtung Normalisierung. Der erste Jahrgang dieser Schule bestand aus vier Kindern, unter denen ich aufgrund meiner intellektuellen Fähigkeiten in einer besonderen Situation war. Im Grunde habe ich weiter Einzelunterricht erhalten.

53, erhielt bei seiner Geburt kurzzeitig zu wenig Sauerstoff - die Folge: spastische Lähmungen

besuchte, zunächst in seiner Heimatstadt Flensburg, verschiedene Sonderklassen und -schulen. Studium der Sozialpädagogik, später zusätzlich der Erziehungswissenschaften. Bis zur Frührenteim Jahr 2003 Arbeit als Sozialpädagoge

seit 2005 ehrenamtlicher stellvertretender Behindertenbeauftragter in Flensburg

seit November 2012 Vorsitzender der SPD-Landesarbeitsgemeinschaft "Selbst aktiv"

Und dann?

Ich denke, ich gehöre zu den wenigen Kindern aus dieser Zeit, die auf dem Weg über eine Sonderschule später einen Abschluss mit Hochschulreife erlangt haben. Obwohl ich es geschafft habe, halte ich die Aussonderung nach wie vor für den falschen Weg. Jedes Kind ist ein Individuum und sollte nach seinen Möglichkeiten gefördert werden. Und zwar gemeinsam in einer Schule.

Später haben Sie studiert.

Interessanterweise gibt es umso weniger Schwierigkeiten, je höher man kommt. Ich habe mehrfach die Schule gewechselt, zuletzt war ich an einer Einrichtung mit rund 1.000 Kindern mit verschiedensten Behinderungen, weil es nur dort möglich war, Ausnahmegenehmigungen für Prüfungen zu erhalten. Ich schreibe sehr langsam, also hätte ich für eine sechsstündige Klausur 24 Stunden haben müssen. An der Fachhochschule Mannheim konnte ich alle Klausuren als mündliche Prüfungen ablegen. Und für meine Diplomarbeit habe ich problemlos eine Fristverlängerung bekommen.

Sie haben sogar gleich zwei akademische Abschlüsse erworben, in Sozialpädagogik und in Erziehungswissenschaften. Hilft das dagegen, im Alltag als „Doofie“ behandelt zu werden?

Ich habe es immer wieder erlebt, dass die Leute auf der Straße sich nach mir umdrehen. Sie halten mich für besoffen oder geistig behindert. Und ganz oft sprechen sie über mich hinweg mit Freunden oder Bekannten, die mit mir zusammen unterwegs sind statt mit mir.

Was machen Sie in solchen Situationen?

Wenn ich mich jedes Mal ärgern würde, würde ich wahrscheinlich nicht mehr hier sitzen. In diesem Fall helfen mir meine Einschränkungen: Da ich nicht gut sehen und hören kann, erspare ich mir manche Unverschämtheiten, auf die ich reagieren müsste. Wenn ich etwas mitbekomme, kann ich ziemlich happig werden.

Ein Beispiel?

Ich habe mal in einem Fachgeschäft gefragt, wie ein Gasherd bedient wird – ich hatte zum ersten Mal einen. Und die Verkäuferin sagte, das sollte ich mal meinen Betreuer fragen. Da habe ich die Akademiker-Keule geschwungen und erwidert, als Sozialpädagoge sei ich zwar selbst Betreuer, aber eben kein Experte für Gasherde. Solche Geschichten zeigen mir, wie weit wir noch weg sind von der Inklusion.

Inklusion heißt, alle Menschen mit ihren Schwächen als gleichrangig zu betrachten. Ist das nicht illusorisch?

Ich sehe das ganz anders! Jeder hat eine Sozialisation durchlaufen, die zeigt, dass es Nachteile bringt, anders zu sein. Die Individualität wird uns ausgetrieben. Man müsste in der Kindheit ansetzen.

Sie sind Sozialdemokrat. Wann sind Sie in die SPD eingetreten – und warum?

1977, mit 17, voller Ideale und Zuversicht. Von meiner Gedankenwelt bin ich ein 68er, Politik hat mich früh interessiert. Als ich zehn Jahre alt war, habe ich die Wahl von Willy Brandt zum Bundeskanzler bewusst erlebt. Mit zwölf bat ich meine Lehrerin, ob ich im Radio die Debatten über das Misstrauensvotum gegen ihn verfolgen könnte.

Was wurde aus der Zuversicht und der Parteikarriere?

Ich formuliere es mal so: Die lieben Genossen haben versucht, mich einzubeziehen, aber nicht den Mut gehabt, jemandem mit meiner Art von Behinderung Verantwortung zu übergeben. Aber das ist kein Problem der SPD, sondern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Ich will meinen Parteigenossen nichts vorwerfen, das die Gesellschaft insgesamt nicht leistet.

Heute sind Sie ehrenamtlicher stellvertretender Behindertenbeauftragter der Stadt Flensburg und Vorsitzender der SPD-Landesarbeitsgemeinschaft „Selbst Aktiv“, die mehr Rechte für Behinderte einfordert, unter anderem auch zehn Prozent der Sitze in Parteigremien und Fraktionen. Warum zehn?

„Selbst aktiv“ begann als Netzwerk, das 2002 in Hannover gegründet wurde. Inzwischen gibt es in mehreren Ländern und auf Bundesebene Arbeitsgemeinschaften. Die Quote von zehn Prozent entspricht dem Anteil von Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft. Inzwischen sind es übrigens schon zwölf Prozent. Ich habe unsere Forderung an den Vorsitzenden des Landesverbandes weitergegeben: Ralf Stegner.

Was sagt der dazu?

Er wird sie an die zuständigen Gremien und den Parteitag weiterleiten.

Nehmen wir mal kurz an, die Welt wäre nicht perfekt: Mit welchem Argument können Menschen mit Behinderungen die Mehrheitsgesellschaft überzeugen, sie zu beteiligen?

Wenn wir es allein versuchen, haben wir keine Chance. Wir werden uns von Fall zu Fall Mitstreiter suchen müssen. Es gibt inhaltlich große Schnittmengen mit älteren Menschen: Barrierefreiheit hilft nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern allen, die mit Rollator oder Kinderwagen unterwegs sind.

Das ist eine inhaltliche Forderung. Sie stellen aber die Machtfrage, indem Sie Positionen fordern. Nochmals: Wie wollen Sie andere überzeugen, Ihnen ein Stück vom Kuchen zu überlassen?

Das hört sich vielleicht blöd an, aber die Zeit ist auf unserer Seite. Durch den demographischen Wandel wird die Gesellschaft immer älter. Alter ist nicht automatisch mit Behinderung verbunden, aber je älter die Menschen werden, desto wahrscheinlicher erwerben sie eine Beeinträchtigung. Eine Gruppe von heute zwölf und in einigen Jahren noch mehr Prozenten hat eine wirtschaftliche Dimension. Wenn man diese Gruppe vom Konsum ausschließt, wird eine Möglichkeit zum Wachstum vertan. Behinderung und Pflege werden in der Regel unter dem Kostenaspekt gesehen, aber sie schaffen auch Arbeitsplätze.

Sind sie optimistisch?

Ich denke, wenn den Menschen klar wird, dass Behinderung jeden treffen kann, werden wir sie motivieren, sich um das Thema zu kümmern. Nach dem Motto: Wenn ihr wollt, dass man euch später anständig behandelt, dann gestaltet die Gesellschaft entsprechend.

In letzter Zeit gab es geradezu eine Welle von Filmen mit Behinderten in der Hauptrolle, zum Beispiel „Ziemlich beste Freunde“ oder „Vincent will Meer“ – ist das ein Zeichen für diesen Wandel?

Ich anerkenne die Intention dieser Filme, aber ich würde mir noch mehr Normalität wünschen: Zurzeit steht die Behinderung noch zu sehr im Mittelpunkt, anstatt dass ein Mensch dargestellt wird, der neben anderen Eigenschaften auch eine Behinderung hat.

Herr Schmitz, wann sitzen Sie selbst im Kieler Landtag?

Ich sehe es realistisch, für mich kommt es wohl zu spät. Aber ich hoffe, dass die nächste Generation völlig normal mit am Tisch und auch im Landtag sitzen wird.

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