Kolumne Logbuch

Die letzte Etappe

Das Peace Boat nähert sich wieder Japan. Noch einmal überqueren wir den Äquator. Zur Begrüßung empfängt uns ein Sturm, der uns so richtig durcheinander wirbelt.

Das Peace Boat war über drei Monate „Heimstätte“ auf der Tour einmal um die Welt. Bild: Christina Felschen

Gerade haben wir zum letzten mal den Äquator überquert, da ballt sich am Horizont eine Cumulus Nimbus an die nächste. Der Nordpazifik grüßt uns mit den Zeichen des Sturms.

Abends hören wir die Seeungeheuer heulen. Sie zerren an unserem Koloss, als wollten sie ihn in Einzelteile zerlegen. Das Schiff ächzt wie ein Tier, das im Sterben liegt. Wasser tropft von der Decke, Bücher kippen aus den Regalen und in der Bar zerschellen Flaschen. Niemand schert sich darum.

Dem Barkeeper ist schon vor Stunden schlecht geworden, die Flure sind wie ausgestorben. Nur ein paar japanische Teenager torkeln im Zickzack über die Gänge. Sie sind ja allerhand gewohnt aus ihrem Erdbebenland.

Wir alle müssten es mittlerweile gewohnt sein. Die ersten Tage auf See verbrachten wir zwischen Bett und Kloschüssel, doch inzwischen wiegen uns die Wellen in den Schlaf, schleudern uns über die Tanzfläche und kippen uns höchstens mal aus einem Capoeira-Kopfstand.

In den Häfen dagegen können wir nicht mehr geradeaus laufen. Gegen die Landkrankheit ist die Seekrankheit ein Witz! Doch jetzt ist es wieder da, das flaue Gefühl im Magen. Ich warte eine günstige Welle ab und schwinge mich aufs Hochbett.

Der Schwindel macht mich schläfrig und lässt mich doch nicht schlafen. Ich fliege und falle, fliege und falle. Dreht sich die Koje? Wo bin ich? Und wie bin ich hier hingekommen?

Die bisher erschienen Logbuch-Kolumnen vom Bord des „Peace Boats“ sind:

21.01.2013: „Gambare! Gib dein Bestes“

02.02.2013: Ein Ring fürs Dach der Welt

16.02.2013: Japanisch für Anfänger

26.02.2013: Verbotene Wege

09.03.2013: Freilaufende Hormone

14.03.2013: Tomohiros Schweigen

23.03.2013: Der Nabel der Welt

Jemand hat unsere Luke verschlossen, doch ich höre, wie die Wellen dagegen schlagen – vier, fünf Meter hoch müssen sie jetzt sein.

„Yuderu“ heißt das sonst in den Lautsprecherdurchsagen, schlingern und stampfen. Doch heute gibt es keine Durchsagen mehr, wir brauchen keine Erinnerung an den Sturm, er hat uns alle längst betäubt.

Irgendwann wache ich auf, es ist finster in der Kajüte und ich habe jedes Zeitgefühl verloren. Hin und wieder zuckt das Schiff zusammen, als wäre es mit einem Meeresriesen kollidiert.

Mir fällt das Video ein, das mir ein Passagier auf seinem Handy gezeigt hat. Er ist 2005 auf dem Nordatlantik in einen heftigen Sturm geraten. Die Halterungen der Rettungsboote waren durchgebrochen, alle vier Motoren ausgefallen und das Schiff konnte erst nach einer Woche in Hawaii an Land gebracht werden.

Darin rutschen Passagiere in Rettungswesten durch einen Schiffsrumpf, einige quietschend vor Begeisterung, andere kreischend vor Angst.

Es war kein Traum

Am nächsten Morgen ist das Meer glatt wie eine Badewanne. Nur die übernächtigten Mienen der Passagiere verraten mir, dass ich den Sturm nicht geträumt habe.

Auf dem Frontmast sitzen fünf Möwen, das Handynetz funktioniert wieder und wir essen Kartoffeln mit Süßkartoffeln – Reste.

Wir Freiwilligen tauschen unsere Kanga-Tücher und Muschelketten widerwillig gegen Anzüge und Armbanduhren ein. Bald, ja bald sind wir zurück in Yokohama. Und mit Sicherheit landkrank.

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