Eröffnungsfilm der Berlinale: Länder, die wie Wodkamarken klingen

Wes Andersons Tragikomödie „Grand Budapest Hotel“ karikiert den untergegangenen Glanz des alten Europa. Und punktet mit skurrilen Charakteren.

Im Fahrstuhl der Skurrilitäten: Paul Schlase, Tony Revolori, Tilda Swinton, Ralph Fiennes (v. l.). Bild: Berlinale/2013 Twentieth Century Fox

Es ist schön und vielleicht, wer weiß, ja auch ein gutes Omen, wenn einem zum Eröffnungsfilm einer Berlinale sofort das Wort „Glanz“ einfällt. Bei Wes Andersons „Grand Budapest Hotel“, mit dem nun die 64. Berliner Filmfestspiele feierlich eröffnet wurden, ist das gleich doppelt der Fall.

Zum einen erzählt der in einem fiktiven osteuropäischen Staat namens Zubrovka kurz vor dem Zweiten Weltkrieg angesiedelte Film vom untergegangenen Glanz des Alten Europa; solche Namenswitze wie diese Anspielung auf eine Wodkamarke beim Ländernamen gibt es übrigens unendlich viele. Zum anderen ist diese erzähltechnisch ausgefuchste Tragikomödie auch selbst glanzvoll: liebevolle Lakonik, puppenstubenartige Künstlichkeit, Schauwerte und ein schönes Spiel mit ernsten Gefühlen – alles, was man bei diesem Regisseur sucht, findet man hier.

Zunächst allerdings kommt die Erzählmaschine nur langsam in Gang. Gleich drei Rahmenhandlungen hat Wes Anderson um das Geschehen herumgebaut. Es gibt einen jungen Schauspieler, der sich die Geschichte des Concierge Gustave H. (Ralph Fiennes), der ein berühmtes Gemälde zunächst auf nicht ganz astreine Art erbt und dann selbst darum betrogen wird, erzählen lässt. Es gibt denselben Schriftsteller 20 Jahre älter, der wiederum von den Umständen dieser Erzählung erzählt. Und dann gibt es noch eine junge Leserin, die in der Gegenwart das Buch liest, das der Schriftsteller daraus gemacht hat.

Die Umständlichkeit menschlicher Umgangsformen und die Schwierigkeiten, in ihnen echte Gefühle auszudrücken, ist bei Anderson ja oft Thema. Was in seinem neuen Film in der Umständlichkeit der Exposition gedoppelt wird und dem Zuschauer wiederum Zeit lässt, zunächst all die skurrilen Details und Figuren wiederzuerkennen, die sich Anderson mit seinen früheren Filmen, wie „The Royal Tenenbaums“, „Die Tiefseetaucher“ und „Munrise Kingdom“, erarbeitet hat.

Kulinarik fürs Auge

Tilda Swinton spielt die 84-jährige Herzogin von Schloss Lutz, die von Concierge Gustave auch sexuell beglückt wird. Edward Norton, Willem Dafoe, Harvey Keitel, natürlich Bill Murray, Jude Law und noch viel mehr Stars treten in Nebenrollen auf. Und es versteht sich von selbst, dass die Zuckerbäckerschönheit eines solchen Vorkriegshotels nicht nur lustvoll karikiert, sondern auch akribisch rekonstruiert ist. Pagenuniformen, Abendgarderoben, alte Fahrstühle – dem Auge wird viel Kulinarik geboten.

Dann wird die alte Herzogin ermordet. Es gibt tolle Ausbrüche aus dem Gefängnis, Seilbahnfahrten und Verfolgungsjagden auf Skiern. Bei alledem hat Anderson mal wieder die halbe Filmgeschichte geplündert, viel „James Bond“ diesmal. Zusammengehalten wird alles, wie so oft bei Anderson, durch eine Vater-Sohn-Geschichte.

„Grand Budapest Hotel“ (Wes Anderson):

Freitag, 7. Februar, Friedrichstadtpalast, 12 und 18 Uhr;

Haus der Berliner Festspiele, 19 Uhr;

8. 2., Eva Lichtspiele, 21.30 Uhr

Gustave hat nämlich einen Schüler, den Pagen Zero (keine Erfahrung, keine Ausbildung, keine Eltern), gespielt von Tony Revolori. Als eine Art Pat und Patachon, aber eben auch wie Vater und Sohn bestehen sie alle Abenteuer zusammen, bis der Page zum Mann geworden ist: Am Schluss hat er nicht nur eine Frau gefunden, sondern auch tatsächlich das Menjou-Bärtchen, das er sich bis dahin nur aufgemalt hatte.

Parfüm und Vertreibung

In einer sehr zu Herzen gehenden Szene beschimpft Gustave ihn zuerst, weil er sein geliebtes Parfüm vergessen habe, dann erzählt Zero, dass er zu Fuß aus dem Krieg um den fiktiven Staat Aq-Salim-al-Jabat geflohen sei. Parfüm und Vertreibung, strenger Formwille und Chaos, Comic und Ernst – das knallt in diesem Film immer wieder aufeinander.

Die tragikomische Höhe des Films ergibt sich auch daraus, dass sowieso der Krieg die ganze Erzählwelt zum Untergang verurteilen wird. Allerdings: eben nicht ganz zum Untergang. Am Schluss hängt das Gemälde „Jüngling mit Apfel“, dessentwegen gekämpft, betrogen und gemordet wurde, achtlos hinter dem Conciergetresen des Grand Budapest Hotel. Niemand weiß mehr, was es bedeutet hat; nur wer den Film gesehen hat, der weiß es eben doch.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben