„G I R L“ von Pharrell Williams: Konzeptalbum an das Feminine

Pharrell Williams steht wieder allein im Rampenlicht – endlich. Auf dem neuen Album „G I R L“ wird jedes Date zur Party.

Umringt von Frauen – äh, Girls: Musikgenie Pharrell Williams. Bild: ap

Sade, Jay-Z, Miley Cyrus, Madonna, Ol’ Dirty Bastard: eine etwas willkürlich anmutende Gästeliste. Fände die Party allerdings im Universum von Pharrell Williams statt, ergäbe sie durchaus Sinn. Der US-Produzent und Sänger aus Virginia Beach war schon mit jedem von ihnen im Studio. Nicht nur schenkte er ihnen unvergessliche Lieder, bei ihm wuchsen sie auch als Vokalisten alle über sich hinaus.

Gemeinsam mit Highschool-Freund Chad Hugo hat Williams als Produzentenduo The Neptunes den R&B- und HipHop-Sound der Nuller Jahre revolutioniert. Er gab den Frontmann der HipHop-Rock-Band N.E.R.D, verhalf Justin Timberlake nach dessen Boygroup-Ausstieg zu neuer Coolness und entdeckte die Harlemer Futuristin Kelis. Bei so viel Kollaboration hinkt die Solokarriere natürlich hinterher. So mussten nach Williams’ einzigem Soloalbum „In My Mind“ acht Jahre vergehen, bis er sich endlich wieder allein ins Rampenlicht traute.

Das Timing ist perfekt: Spätestens seit den Daft-Punk-Hits „Get Lucky“ und „Lose Yourself to Dance“, die vor allem durch Williams’ samtweiche Stimme glänzten, dürfte sein Name jedem ein Begriff sein. Hinzu kam die Single „Happy“, zu der er das weltweit erste 24-Stunden-Video drehen ließ – dessen lebensfreudige Botschaft war so infektiös, dass das Video derzeit überall auf der Welt flashmobartig kopiert und auf YouTube gepostet wird.

Pharrell Williams: „G I R L“ (Columbia/Sony), 3. März 2014

Auf dem //itunes.apple.com/de/album/g-i-r-l/id823593445:neuen Album „G I R L“ geht die Party weiter. Und was gibt es zu feiern? Girls, natürlich. Aus der Feder eines 40-Jährigen mag dieser Begriff wie eine redundante Verniedlichung von women oder gar infantil anmuten. Letzteres zumindest hat im Jargon von Pharrell Williams seine Berechtigung. Das Teeniehafte haftet Williams nicht nur wegen des ewig jugendlichen Erscheinungsbilds an – seit jeher wohnt es auch seinen Songs inne, ob es nun um die Unbeholfenheiten des Verliebtseins geht, um die Naivität des Optimisten oder die Einsamkeit des Außenseiters.

Keine Absage an Genderkonstruktionen

Nein, Williams erteilt keine Absage an Genderkonstruktionen. Er glaubt an das Feminine, beschwört es geradezu und widmet ihm ein gesamtes Konzeptalbum.

Doch dass ein Exzentriker wie er mit „G I R L“ keineswegs auf vorgefertigte Ideale zurückgreift, macht schon der großartige Opener „Marilyn Monroe“ klar. Nach einer halbminütigen epischen Einleitung von Filmkomponist Hans Zimmer, inklusive 30 Streichern, setzt ein leichtfüßiges Tanzstück ein, das an Michael Jacksons „Off the Wall“-Phase Ende der Siebziger erinnert. Schleichend folgt der Wandel ins heute, mit einem minimalistischen Percussionbeat. Nicht die Bombshell Monroe, nicht Kleopatra und auch nicht Johanna von Orleans – für Williams muss es einfach ein different girl sein, eines für das man neue Adjektive erfindet.

Augenfarbe, Haarfarbe, Risiko für Brustkrebs. Was sollten Eltern über ihr ungeborenes Baby erfahren? Wie eine Frau mit dem Wissen um das Schicksal ihres Kindes umgeht, lesen Sie in der taz.am wochenende vom 1./2. März 2014 . Außerdem: Der Nachbar, die Gefahr. Ein Appenzeller Bauerndrama von Erwin Koch. Und: Vier junge Menschen aus allen Teilen der Ukraine erzählen von ihrem Land im Umbruch. Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

Feierlich geht es weiter, und die Jacko-Assoziationen spitzen sich weiter zu. „Brand New“ setzt auf viel Claps, superfunky Gitarrenriffs und ein Dutzend Vocal-Samples. Der Song erzählt vom Gefühl, durch eine Liebesbeziehung zu einer neuen Person zu werden. Passend zu diesem Metamorphosengedanken verschmelzen die Kopfstimmen von Williams und Feature-Gast Justin Timberlake derart miteinander, dass man kaum noch unterscheiden kann, wer da gerade trällert. Veredelt wird das ganze von glamourösen Bläsern im Refrain. Der Sound ist hochglanzpoliert und doch nie seelenlos – großes Kino.

Filmisch geht es auch in „Hunter“ zu, wenn Pharrell Williams erotische Bedürfnisse aus der weiblichen Perspektive schildert. Oder wenn die panoramaartigen Synthesizer in dem Disco-Popsong „Gust Of Wind“ an einem vorbeiziehen. Diese neue Zusammenarbeit mit den Robotern von Daft Punk reiht sich nahtlos zu den Glücksfällen von „Random Access Memories“ – meisterhaftes Arrangement und catchy Melodien: „When I open the window I wanna hug you / cause you remind me of the air / yeah!“ Auf dem reggealastigen „I Know Who You Are“ indessen überlässt er Souldiva Alicia Keys die Führung mit einem überstrahlenden Einsatz.

Jeder Song hat Potenzial zum großen Hit

Die große Kunst von Williams’ Songs liegt in der Bewältigung der Ideenmasse. Unzählige Soundschichten stapeln sich, und doch wirkt es nie überladen. Jeder einzelne Song hat das Potenzial zum nächsten großen Hit. Textlich besticht Williams gerade dadurch, dass er sich auf alltägliche Freuden beschränkt. Das Leben ist eine aufregende Angelegenheit, wenn jedes Zusammentreffen zum Date, jedes Date zur großen Party wird.

Wo all die Energie herkommt, verrät ein verstecktes Interlude zwischen zwei Songs, das an die alten Neptunes-Produktionen erinnert. Meeresrauschen geht in einen experimentellen Beat und indische Sitarklänge über. „You gotta go inward“, singt Williams, „to experience the outer space.“ Ein Abstecher zu Sci-Fi-R&B und Psychedelic. Phänomenal.

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