Jugendtheater nach Dietmar Dath: Hier ein Baum, dort ein Schwarm

Ein abgefahrener Text, viele Verwandlungen: Das Berliner Theater an der Parkaue inszeniert Dietmar Daths „Die Abschaffung der Arten“".

Die Gente sind eine Spezies, die zwar aussehen können wie Menschen, dies aber nicht müssen: Szene aus „Die Abschaffung der Arten“. Bild: Christian Brachwitz

Es ist ein Fest fürs Auge. Bonbonfarbene, flittrige Wunderwesen paradieren auf der Studiobühne des Theaters an der Parkaue, einem Staatstheater für Kinder und Jugendliche in Berlin. Gewandet in goldene Glitzerfummel, rosafarbene Anzüge und metallicglänzende Strumpfhosen setzen sie bei Bedarf Tierköpfe auf oder tragen Masken vor den ansonsten ganz menschlich aussehenden Gesichtern. Doch das täuscht.

Nicht homines sapientes sind es, die sich hier in permanenter Verwandlung üben, sondern Gente. Die Gente sind eine Spezies, die zwar aussehen können wie Menschen, dies aber nicht müssen, da sie jede erdenkliche genetische Identität annehmen können. Dietmar Dath hat sie für "Die Abschaffung der Arten" erfunden, einen wortgewaltigen Science-fiction-Roman, der die zukünftigen Konsequenzen der Evolution schon mal zu Ende denkt und dabei noch jede Menge Spaß mit den mannigfaltigen Möglichkeiten der Literatur hat.

Nächste Vorstellungen: Mi 4.6. und Do 5.6., je 19 Uhr. Zielgruppe: ab 16

So ähnlich ist es hier in diesem Theater nun auch, in dem man es gewagt hat, Daths ziemlich abgefahrenen Text mit einer Dramatisierung zu Leibe zu rücken. Klar, dass die Bühnenfassung ihre ganz eigene Version von Abgefahrenheit dazu finden muss. Das, immerhin, ist auf jeden Fall geglückt.

Claudia Bauers karnevaleske Interpretation der literarischen Vorlage hat viel Witz und Phantasie, und das überwiegend sehr junge Ensemble ist mit spürbarer Spielfreude bei der Arbeit. Wenn man allerdings seinen Dath nicht gelesen hat, so weiß man hinterher auch nicht wirklich, was drinsteht. Hätte man ihn gelesen, so würde man sicher nicht ganz so müde werden vom Verstehenwollen des Textes.

Verstehen? Erst mal freuen

Der ist nämlich, obwohl sehr gut gesprochen und abwechslungsreich inszeniert, durchaus immer noch so komplex, dass die Aufmerksamkeit auch des intellektuell gutwilligsten Zuschauers schon mal driftet.

Aber schließlich gibt es im Theater auch noch andere Dinge, auf die es ankommt. Wenn etwa im Reich der Keramiker, einer noch neuartigeren Spezies, die noch weiter entwickelt ist als die der Gente, ein rosa Riesenbaby die Macht übernimmt und mit Schaumstoff-(soll sein: Keramik-)klumpen nur so um sich schmeißt, sind die martialischen Soundeffekte so entzückend, dass es fast nebensächlich ist, was tatsächlich gesprochen wird.

Aus dem Mund des Riesenbabys, das synchronisiert wird von einer Kollegin mit Mikrofon am Bühnenrand, scheint eine elektronisch verfremdete, hohl dröhnende Bass-Stimme zu kommen, in die der gottgleiche Allmachtsanspruch bereits eingeschrieben ist. Im weiteren Verlauf des Abends wird das Riesenbaby unter anderem einen Schwanenhals fressen . Es wird sich vor eine Weltkarte setzen, herumzeigen und erklären, da wolle es überall große Haufen setzen, und anschließend alles mit einem abstrakten Gewusel von Schnörkeln zuzumalen.

Zwei Gliederpuppen mit Gefühlen

Der Rest des Ensembles, nicht faul, ist schwer damit beschäftigt, sich hier in einen Baum, dort in einen Schwarm, außerdem in Fuchs, Dachs, Wolf undsoweiter zu verwandeln und dabei datheske Texte zu sprechen.

Und ganz zum Schluss - ist das jetzt wieder eine ganz neue Spezies? Oder etwa der alte Mensch? - tauchen zwei kleine Gliederpuppen auf, die so primitiv entwickelt zu sein scheinen, dass all ihre Bewegungen von den Genten erst geformt werden müssen. Doch immerhin können diese simpel gebauten Gliederwesen etwas, das den höher entwickelten Spezies, wie wir sie den ganzen Abend auf der Bühne beobachten konnten, abging: romantische Gefühle füreinander empfinden.

Ob man jetzt alles so ganz und gar korrekt verstanden hat, ist natürlich noch die Frage. Aber wenn es darum ging, Spaß im Theater zu haben, dann hat man alles richtig gemacht.

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