Kolumne Wir retten die Welt

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Der Lkw-Einsatz bei den Fahrten des Autoreisezugs passt perfekt ins Konzept der Deutschen Bahn: Sie macht sich zunehmend selbst Konkurrenz.

Mit Lastwagen wollen die Gäste des Autoreisezugs eigentlich nicht transportiert werden. Bild: ap

Viele haben es nicht geglaubt. Die Bahn transportiert die Autos beim Autoreisezug auf einigen Strecken per Lastwagen. „Das kann doch nicht sein, das ist doch vollkommen absurd!“ Man muss es erlebt haben.

Berlin-Wannsee, Autoverladestelle. Breitbeinig steht der Verlademeister an der Rampe und verlangt mit ausgestreckter Hand: „Ihren Autoschlüssel!“ Wo man früher im Schritttempo auf einen der Stellplätze im Spezialgüterwaggon jonglierte, steht jetzt ein dicker Lastwagen mit doppelstöckigem Aufbau. Die steile Auffahrt besorgt ein Bahnangestellter, „das ist sonst zu gefährlich“. Die Dame mit dem Kleinwagen blickt auf den Laster wie auf eine große Stechmücke. „Ich dachte, Güter gehören auf die Bahn“, vertraut sie dem sonnigen Abendhimmel an und blickt hilfesuchend um sich.

Vom Verlademeister darf sie kein Nicken erwarten, obwohl der zugeben muss, dass Akzeptanz und Reisezahlen seit dem Umstieg auf die Lkws „stark zurückgegangen“ sind.

Eine andere Dame will ihre Rückfahrt sofort stornieren – und wird elegant auf die Buchung im Internet verwiesen. „Wir sind hier nur die Verladestelle.“ Am Ende stehen ganze fünf Autos auf dem Lastwagen. Obwohl dort noch reichlich Platz gewesen wäre, hat die Buchungsstelle meinen Smart, der als 2,20 Meter kurzer Mini eigentlich einen besonders niedrigen Spezialtarif bekommt, abgelehnt. „Wir haben nur noch für größere Normalwagen Platz“, sagte die Dame in der Buchungsstelle. Noch mal zum Mitschreiben: Für einen fünf Meter langen Audi ist noch Platz, während der kleine Smart die Kapazitäten sprengt? Also erst eine Stretchlimousine anschaffen, um auf dem Autoreisezug mitfahren zu dürfen? „Tut mir sehr leid“, sagte die Buchungsdame.

Die Bahn fällt ins Zeitalter vor der Weimarer Republik zurück

Bis 2017 will die Bahn den Autoreisezug „ganz auslaufen lassen“, teilt ein Bahnsprecher mit. Autoreisezüge seien heutzutage „wirtschaftlich nicht zu betreiben“. Die Zahl der Fahrgäste würde zudem nicht einmal ein Prozent der Bahnreisenden ausmachen. Ja dann. Damit fällt die Bahn ins Zeitalter vor der Weimarer Republik zurück. Am 1. April 1930 wurden „die Autos der Kraftfahrer“ von der Reichsbahn erstmals „als Reisegepäck zum Zielort befördert“, bequem und sicher, wie es damals hieß. Die Fahrt von Hamburg nach Basel dauerte indes 33 Stunden. Das geht heute flotter, sofern der Lkw nicht in einen Autobahnstau gerät. Dann muss der Bahnreisende ein wenig Geduld mitbringen.

Der Lkw-Einsatz passt perfekt ins Konzept der Bahn, die sich zunehmend selbst Konkurrenz macht. Für den Güterverkehr auf der Schiene fehlt es an Kapazitäten und Logistik – eine Hinterlassenschaft von Exchef Hartmut Mehdorn. Längst zählt die Bahn mit ihrer Laster-Tochter Schenker zu den großen Spediteuren der Straße. Dass sie jetzt auch noch mit Fernbussen im boomenden Busgeschäft mitmischen will, komplettiert den Irrsinn.

Übrigens: Mitglieder des ADAC – als Autolobby der natürliche Feind der Bundesbahn – erhalten bei der Fahrt mit dem Autoreisezug 10 Euro Rabatt. Mitglieder des ökologisch orientierten VCD, der unermüdlich für Bahnreisen wirbt, bekommen den Händedruck des Verlademeisters. Sänk ju 4 treffeling wiss Bundesbahnlastwagen.

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