Hüter des Gesetzes

Besuch bei der Leiterin einer Mordkommission

von GABRIELE GOETTLE

Mord und Totschlag, Ermittlung und Autopsie gehören zur lieb gewordenen Abendunterhaltung des deutschen Fernsehpublikums. Seit den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts spielen zunehmend weibliche Darsteller die zentrale Rolle in Krimiserien. Aktuell agieren bis zu 40 TV-Kommissarinnen. Der klassische Kommissar rückte im Laufe der Zeit derart in den Hintergrund, dass prominente Darsteller wie Götz George die „Überstrapazierung“ der weiblichen Ermittler öffentlich kritisierten. Darüber aber, wie es tatsächlich im gehobenen Dienstalltag unserer Polizei aussieht, erfährt das Fernsehpublikum so gut wie nichts.

Doro Christmann, Kommissarin, Leiterin einer Mordkommission in Köln, empfängt mich zu Hause. Sie wohnt zwischen Köln und Bonn in einem modernen Einfamilienhaus, direkt am Ufer des Rheins. Hier lebt sie zusammen mit ihrem Mann, der ebenfalls Kriminalbeamter ist. Vom Wohnzimmer blickt man auf einen schmalen Garten mit Trauerweide und Teepavillon. Ab und zu gleiten schwere Lastkähne vorbei. Die rheinaufwärts fahrenden bringen durch ihre stark arbeitenden Schiffsschrauben das ganze Haus zum Vibrieren. Frau Christmann sitzt im Schneidersitz neben mir auf der Couch. Sie ist Mitte 40, schlank, hat eine Katzenallergie und sammelt Elche aller Art. Mehr an Persönlichem ist hier nicht vonnöten. Es überrascht sie, dass ich nicht nach ihren spektakulärsten Fällen frage, sondern nach dem normalen Alltag. Sie trinkt einen Schluck Kaffee und erzählt:

„Ein ganz normaler Arbeitstag … Also sagen wir mal, die Polizei hat eigentlich einen Werbespruch, ‚Kein Tag ist wie der andere‘. Das stimmt tatsächlich. Unser Kommissariat macht Tötungsdelikte, wir machen aber auch Todesermittlung, das heißt, wir werden verständigt, wenn eine unklare Todesursache vorliegt. Das heißt eben auch, wir haben täglich unter Umständen damit zu tun, dass wir an Leichenfundorte fahren, uns die Leichen eben auch ansehen, sie ausziehen und genau untersuchen, um festzustellen, woran könnte er gestorben sein, oder auch, wer ist das denn überhaupt, der da auf der Straße oder sonst wo gefunden wurde. Das ist dann natürlich zum Teil nicht sehr angenehm, vor allem dann, wenn sie schon etwas länger tot sind oder wenn man Suizide mit der Eisenbahn hat, wo man dann auf den Gleisen nach vielen Einzelstücken suchen muss. Das ist ja zum Glück nicht unser Alltag, aber es gehört zu unserer Arbeit. Und die beginnt morgens um halb acht. Da ist Dienstbeginn für die Beamten. Um 16 Uhr 12 ist offiziell Dienstende, um auf die 41 Stunden bei fünf Tagen zu kommen, wir haben aber mittlerweile die Errungenschaft der gleitenden Arbeitszeit eingeführt. Normalerweise wird bis 19 Uhr gezählt. Und wenn wir Bereitschaft haben und in der Nacht passiert was, dann sind wir natürlich auch nachts da. Das ist normaler Alltag. Und natürlich sind wir dann auch am nächsten Tag im Dienst, ganz egal, ob wir geschlafen haben oder nicht.

Manchmal ist es ganz ruhig, manchmal nicht. Wir hatten mal ein ganz schlimmes Wochenende. Also am Freitagmorgen fingen wir an. Es war wie an einem ganz normalen Tag, halb acht Dienstbeginn, zwanzig vor acht ist Dienstbesprechung jeden Tag. Da sitzt das gesamte Kommissariat zusammen, es werden die aktuellen Fälle der vergangenen Nacht oder die, die noch in der Ermittlung sind, vorgestellt und besprochen, dazu die sonstigen Probleme. Nach der Dienstbesprechung geht der normale Alltag eigentlich richtig los, das heißt, der stellvertretende Kommissariatsleiter verteilt die Arbeit, in der Regel sind das Ad-hoc-Sachen insofern, als die Kriminalwache in der Nacht oder am vorigen Abend ‚Leichensachen‘ gefahren ist, wie man das so schön sagt bei uns. Es ist also einer gefunden worden, und der Notarzt konnte die Todesursache nicht feststellen. Wenn der Notarzt sagt ‚ungeklärt‘ oder: ‚Da ist ein Fremdverschulden dran‘, beziehungsweise es ist eine ‚unnatürliche Todesursache‘ – das gilt auch für einen Suizid –, dann muss die Kriminalpolizei die Ermittlungen tätigen und einen Bericht machen, denn die Staatsanwaltschaft muss ja die Freigabe dieses Leichnams verfügen, sonst könnte der nie beerdigt werden.

Wie gesagt, es war ein ganz normaler Freitag, die Leichensachen wurden verteilt. Ich hatte auch eine zu bearbeiten, und wir sind hingefahren. Wir fahren also immer zu zweit raus, schon aus Eigenschutzgründen, man weiß ja nie, was einen vor Ort erwartet. Ja, wir fahren in Zivil, in einem zivilen Fahrzeug, und wir müssen natürlich selber fahren. Unsere Dienstwagen sind leider schon sehr alt. Wir haben uns dann alles genau angeschaut, hatten ja auch schon den Bericht gelesen, den die Kriminalwache geschrieben hat, die Bilder angeschaut, die gemacht wurden. In der Regel befragt man dann auch noch den Hausarzt zur vermutlichen Todesursache, man macht auch noch Vernehmungen, von den Angehörigen oder sonst irgendwem, um sich letztlich Klarheit zu verschaffen, was hier eigentlich vorliegt. Das wird dann zusammenfassend aufgeschrieben in einem ‚Vorgang‘, das sollte eigentlich am nächsten Tag beim Staatsanwalt sein. Wenn es, wie in diesem Fall, Freitag ist, dann läuft es erst am Montag auf.

Und so ging dieser Tag vor sich hin. Ich hatte MK-Rufbereitschaft, bin, glaube ich, ein bisschen länger geblieben, so um halb fünf waren wir noch da. Damals war ich stellvertretende MK-Leiterin. Da aber der MK-Leiter an eine Langzeitkommission gebunden war, war ich eigentlich in der Funktion eines vollen MK-Leiters. Also wir waren noch da und wurden angerufen, im Altenheim war was passiert, eine alte Frau war beim Füttern erstickt. Es könnte ein Unglücksfall sein oder auch nicht. Mit Vernehmung der Pfleger und so weiter hat das dann bis 23 Uhr gedauert. Wir haben eine Obduktion angeregt, die ersten Maßnahmen waren also getroffen, wir hätten jetzt eigentlich nach Hause gehen können. Seit halb acht morgens waren wir ja schon da. Aber dann ereilte uns das Schicksal. Der nächste Anruf kam, man habe eine erschossene Frau gefunden, auf der Straße. Dann wurde auch der Erkennungsdienst gerufen und der Fotograf, und es wurde auch das MK-Kader alarmiert in diesem Fall, das sind zwei Kollegen aus anderen Dienststellen, die unterstützend tätig sind in Bezug auf Ermittlung und Vernehmung. Dann wurde vor Ort auf der Straße der Tatort aufgenommen. Der Tatort ist ja sehr wichtig, weil wir durch die Spurensicherung einen Täter letztlich kriegen, überführen oder auch ausschließen können. Die Schutzpolizei machte gleich eine äußere Absperrung des Tatortes. Die tote Frau lag erschossen neben ihrem Auto, es war, wie sich später herausstellte, das berühmte Beziehungsdrama. Sie hatte sich getrennt, und er konnte es nicht ertragen. Die Presse war natürlich auch da. Wir haben immer das Problem, dass die Presse fast früher da ist als wir, oder sogar als die Schutzpolizei. Sie hören unseren Funk ab und sind vor Ort. Das ist furchtbar störend! Schon wegen der Bilder, man will natürlich nicht, dass Bilder von einem blutigen Leichnam in die Zeitung kommen. Das ist auch den Angehörigen gegenüber nicht so pietätvoll.

Also ich persönlich war sozusagen die Koordinierungsstelle. Ich gucke mir zuerst den Tatort an und sage dann zu den Kollegen, gut, ihr nehmt jetzt auf, und zum Kader sage ich, ihr vernehmt jetzt die Angehörigen und so weiter. Dann lässt man den Leichnam abtransportieren in die Rechtsmedizin. Das war also der ‚erste Angriff‘, und als alles letztlich stand, war’s 24 Uhr. Es ging relativ schnell, denn auf der Straße ist ja nicht so viel aufzunehmen wie in einer Wohnung, wo es oft Tage dauern kann, bis alle Spuren gesichert sind. Nachts gegen vier kamen dann die letzten Kollegen vom Tatort auf die Dienststelle zurück. Zwischenzeitlich wusste der Staatsanwalt Bescheid, wusste der Rechtsmediziner Bescheid, die haben alle Rufbereitschaft. Ganz wichtig ist auch, die Berichtspflichten zu erfüllen. Als Erstes informiere ich den Chef vom Kommissariat, und dann muss letztlich die Bezirksregierung und das Innenministerium einen Bericht bekommen, damit die nicht aus der Presse erfahren, was los ist. Es wurde eine Fahndung rausgegeben, in Absprache natürlich mit dem Staatsanwalt. Das hat sich auch gewandelt. Früher konnten wir das im ‚ersten Angriff‘ auch selber – können es im Prinzip immer noch bei ‚Gefahr im Verzuge‘ –, aber ansonsten nur in enger Absprache mit dem Staatsanwalt, weil er ja derjenige ist, der dem Richter nachher vorträgt.

Wir haben dann sozusagen den ganzen Samstag noch durchgearbeitet, haben weiterhin ermittelt, Vernehmungen gemacht. Mit allem Drum und Dran sind wir dann so um 22 Uhr nach Hause gefahren. Manchmal geht es nicht anders, weil man den ‚ersten Angriff‘ eben nicht übergeben kann. Das geht einfach nicht, weil derjenige das, was er vor Ort mit eigenen Augen gesehen hat, auch selbst schreiben muss. Deshalb waren wir fast 40 Stunden im Dienst. Das kostet zwar Nerven, muss aber sein und gehört eben mit zu unserem Alltag.

Die ganz normalen Tage laufen eigentlich so, dass man – also ich zumindest – so zwischen 17 und 18 Uhr aus dem Büro rausgeht. Den Tag über habe ich meist viel geschrieben, denn wir schreiben sehr viel und wir telefonieren auch sehr viel. Manchmal haben wir auch das Problem, dass wir viel warten müssen, und zwar auf ganz unterschiedliche Dinge: auf Rückrufe, auf die Herren, die den Leichnam abtransportieren und so weiter. Es gibt den schönen Spruch: Die Hälfte der Zeit eines Kriminalbeamten wird mit Warten verbracht. Na ja, stimmt nicht ganz, wir sind ja mit ganz unterschiedlichen Ermittlungsaufgaben beschäftigt.

Manche Kommissionen können über Monate oder sogar über Jahre gehen. Also immer, wenn ein neues Delikt passiert, übernimmt, wie ich vorhin erzählt habe, die Mordkommissionsbereitschaft diese Kommission, und jede einzelne bekommt natürlich einen Namen, früher durfte man noch die Namen der Opfer dafür nehmen. Heute suchen wir uns prägnante Namen aus oder einfach den Namen der Straße, MK-Finke oder so was. Das ist nötig, wenn wir an die Presse gehen oder für Fahndungsaufrufe, damit die Hinweisgeber sich darauf beziehen können. Denn wir haben ja immer mehrere Mordkommissionen parallel laufen, so lässt sich das besser zuordnen. Und über diese Fälle haben wir natürlich Akten zu führen, ganz normale Akten, wie in grauer Vorzeit, trotz Computerzeitalter. Da geht nichts mit Diskette oder so, nein, es wird grundsätzlich alles ausgedruckt, und die Originalakte wird dem Staatsanwalt zur Verfügung gestellt und dann dem Richter. Alles wird natürlich unterschrieben.

Gott sei Dank haben wir inzwischen Computer zum Schreiben, auch wenn sie schon etwas älter sind, leider. Auf der Maschine früher, da ist es oft vorgekommen, dass man den Tatortbefundbericht drei Mal geschrieben hat, weil auf der fünften Seite auffiel, was man auf der ersten vergessen hatte. Der Computer ist schon eine große Erleichterung. Unsere Computer sind natürlich alle zu, wegen der Virengefahr. Wir haben einen Rechner oben, man muss ja auch recherchieren können. Insofern ist der Internetrechner auch ständig belagert.

Wir haben aber auch eine Schreibkraft, sie schreibt die Tonbänder ab von den Vernehmungen – da wird dann alles unterschrieben, und die Bänder werden asserviert. Die Vernehmung selbst ist oft mühsam und kann sich länger hinziehen. Wir sagen dem Betreffenden: Sie sind hier, weil unsere Ermittlungen dazu geführt haben, dass wir der Überzeugung sind, sie haben das und das gemacht, den und den umgebracht. Aber bevor er irgendeine Aussage tätigt, muss man ihn natürlich über seine Rechte belehren. Also: Sie müssen hier nichts sagen, Sie können einen Anwalt haben. Das machen wir immer, allerdings ist es im Eifer des Gefechts beim ‚ersten Angriff‘ oft schwierig, wenn zum Beispiel der Schutzpolizei vor Ort gesagt wird: Ich habe da jetzt grade jemanden erschossen. Da hat man keine Chance mehr, vorher zu belehren! Die Belehrung ist Voraussetzung, dann geht’s eigentlich damit los, wenn er was sagen will, dass wir fragen, wo waren Sie, was haben Sie dann und dann gemacht. Die Stimmung ist manchmal natürlich auch feindselig uns gegenüber, das kann vorkommen, und wir müssen versuchen, zumindest die Interaktion hinzukriegen.

Bei wichtigen Vernehmungen versuchen wir schon, es zu zweit zu machen. Oft führt einer das Verhör und der andere beobachtet nur, hört genau zu und stellt vielleicht mal eine Frage, die vergessen worden ist, aber dazugehört. Das ist eben ganz vom Fall und der jeweiligen Situation abhängig. Es ist nicht so, dass wir da irgendwelche Seminare hätten, wie knicke ich am besten den Beschuldigten, nein, so ist es nicht, wir stützen uns auf unsere Erfahrung. Man sollte dem Beschuldigten erst mal Gelegenheit geben zu erzählen, man lässt ihn in freier Rede darstellen, was er denn zu sagen hat – na ja, ‚ihn‘ sage ich deshalb, weil’s letztlich meistens Männer sind, wir haben relativ wenig Frauen. Also jeder Beschuldigte hat das Recht, alles zu sagen, was er möchte. Er darf mich ja auch anlügen. Ich muss es nicht glauben, aber er darf. Im Gegensatz zum Zeugen, der die Wahrheit sagen muss! Es ist manchmal schwierig, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Wir sind bei der Ermittlung ja genauso gehalten, auch die entlastenden Momente zu ermitteln, nicht nur die belastenden. Und wenn sich herausstellt, er hat ein wasserdichtes Alibi, werden wir das so, wie es ist, niederschreiben. Oder wenn wir überzeugt sind, aufgrund der Verhöre und so weiter, dass er es war, dann lässt sich auch der Staatsanwalt davon überzeugen. Und wenn wir der Meinung sind, der gehört in Untersuchungshaft, weil er Zeugen beeinflussen oder fliehen könnte, dann stellt der Staatsanwalt den Antrag beim Richter, und der entscheidet. Spätestens wenn der Beschuldigte in Untersuchungshaft geht, und wenn der Fall schwerwiegend ist, wird der Ermittlungsrichter sagen, dem stell ich jetzt einen Anwalt bei, bevor ich ihn in Untersuchungshaft stecke.

Die Aufklärungsrate der festgestellten Tötungsdelikte ist in Deutschland sehr hoch, ich glaube, weit jenseits der 95 Prozent. Und auch unsere Aufklärungsquote ist ausgesprochen hoch. Das liegt auch daran, dass die meisten Tötungsdelikte Beziehungsdelikte sind, deshalb können im Rahmen der Ermittlungen die Täter tatsächlich identifiziert werden. Die überwiegende Zahl der Täter ist, wie gesagt, männlich. Es ist aber nicht so, dass genau die gleiche Anzahl der Opfer nun weiblich ist, denn Männer bringen ja auch Männer um. Aber wir haben schon einen sehr hohen Prozentsatz weiblicher Opfer, insbesondere wenn man von den Beziehungstaten ausgeht. Es ist halt tatsächlich immer noch so, dass Männer es nicht so gut ertragen können, wenn ihre Frauen fremdgehen oder sie verlassen. Tatsache ist, der Besitzanspruch der Männer an die Frauen ist leider immer noch sehr, sehr hoch.

Der Besitzanspruch der Frauen den Männern gegenüber ist vielleicht auch sehr hoch, er endet aber in der Regel nicht in Tötungsdelikten. Es ist schon vorgekommen, aber es sind verschwindend geringe Prozentsätze. Also das ist jetzt rein subjektiv, ich darf ja keine Aussagen über Statistiken treffen. Aber es gibt ja auch die scheinbar motivlosen Taten. Oder die Geschichten, wo einem ‚die Stimme‘ befohlen hat, du musst jetzt den und den auf der Straße erstechen. In der Regel werden solche Fälle aber aufgeklärt, weil’s Beobachter gibt, die es gesehen haben. Natürlich gibt es auch Delikte, die sind nicht aufgeklärt worden, wo wir keine Beziehung zwischen dem potenziellen Täter und dem Opfer finden konnten. Gibt es auch. Was aber letztlich ganz selten vorkommt, ist der im Krimi so beliebte Serienmörder. Also ich mache das ja nun schon seit 1986, habe wirklich in sehr, sehr vielen Mordkommissionen mitgearbeitet, habe viele auch geleitet, und es sind tatsächlich nur eine knappe Handvoll Fälle, die nicht geklärt worden sind. Die sind aber nicht ad acta gelegt, die ‚ruhen‘ zum Teil, werden aber immer wieder angepackt, weil man mit den neuen Spurensicherungsmethoden zum Beispiel oft DNA-Treffer bei alten Delikten erzielt. Wenn’s um das ‚höchste Gut‘ des Menschen geht, da wird auch tatsächlich akribisch ermittelt. Was ich hier unbedingt noch sagen will: Es ist bei uns natürlich nicht so, dass der Einzelne jetzt der herausragende Ermittler ist, sondern es ist hauptsächlich eine Teamarbeit, erfahrene Ermittler beschäftigen sich gemeinsam intensiv mit dem Fall. Das ist etwas, was mir auch viel Spaß macht. Und einer muss halt seinen Kopf hinhalten und MK-Leiter sein.“

Wir machen eine Pause. Meine Gastgeberin raucht eine Zigarette, und ich bitte sie, mir vielleicht noch zwei bis drei Fälle zu skizzieren, wenn möglich solche, die etwas klassenspezifisch sind. Sie lächelt und sagt:

„Also es passiert grundsätzlich in allen Schichten. Ein Fall, der mir im Gedächtnis geblieben ist, war der Fund eines neu geborenen Kindes vor einem Hochhaus. Es war tot. Die Obduktion ergab, es hat gelebt und ist durch das Sturzgeschehen verstorben. Also wir fragten uns: Ist es aus dem Hochhaus geworfen worden, und wenn, von wem? Wir sind durch die Wohnungen der Hochhäuser gegangen und haben alle, die da waren, befragt. Auch eine Mutter mit ihrer 16-jährigen Tochter. Ich habe dieses Mädel befragt und hatte sofort ein merkwürdiges Gefühl. Sie fühlte sich krank, war deshalb nicht zur Schule gegangen. Aber sie ist mir derart ruhig entgegengetreten, dass ich letztlich meinte, nein, die kann’s nicht gewesen sein. Die Ermittlungen gingen dann in alle Richtungen, es wurden auch DNA-Proben genommen bei den Infragekommenden. Es war dann so, dass die Stadt Köln dieses Kind, das ja keine Mutter hatte, anonym verscharren wollte, sozusagen. Wir wollten aber, dass das Kind ein Grab kriegt und auch einen Namen. Es war grade geboren worden, es wurde quasi weggeschmissen, und nun sollte es auch noch anonym verscharrt werden? Das wollten wir nicht! Es ist schon einige Jahre her, das damalige Ordnungsamt hat sich strikt geweigert, man müsse Kosten sparen. Wir haben dann eine sehr erfolgreiche Pressekampagne ins Rollen gebracht, es hat eine Menge Spenden gegeben. Wir haben den Heiligenkalender durchgeguckt, haben die Straße dazugenommen und nannten das Kind Nikolaus Rotterdam. So ist es dann auch beerdigt worden, unter Protest der Stadt und des Standesamtes. Letztlich haben wir uns aber durchgesetzt. Das Grab gibt es heute noch.

Am Tag der Beerdigung kam dann auch das Ergebnis der DNA-Proben. Die Mutter stand fest. Es war dieses 16-jährige Mädchen. Sie durfte keinen Freund haben, keinen Geschlechtsverkehr vor der Ehe – das ist ganz streng in vielen türkischen Familien. Es war ihr gelungen, die Schwangerschaft und Geburt geheim zu halten, und dann hatte sie natürlich Angst, dass es schreit, Angst, entdeckt zu werden, denke ich. Sie hat’s einfach aus dem Fenster geschmissen. Aber in der Vernehmung sagte sie ohne jede Erregung: Nein, das war nicht ich, das ist nicht mein Kind, ich war nie schwanger! Ich glaube, das hat sie wirklich so empfunden in diesem Moment. Ich muss sagen, ich kann das irgendwie nachvollziehen. Ich weiß nicht, was ich mit 16 in so einer Situation getan hätte. Es ist dann auch so gekommen, dass sie mit Urteil und Ende der Untersuchungshaft aus der Haft entlassen worden ist, die noch offene Strafe wurde ausgesetzt zur Bewährung. Na, es kommt immer auf den Richter an, hat er Mitleid oder eher nicht? Denn diese spezielle Privilegierung für Mütter, die sozusagen unter dem Geburtsschock das Kind umbringen, die hat man ja abgeschafft. Aber es ist immer noch ein ‚minder schwerer Fall‘. (§ 217 aF StGB privilegierte die Tötung eines nichtehelichen Kindes während oder unmittelbar nach der Geburt durch die Mutter gegenüber dem allgemeinen Totschlag. Er wurde 1998 abgeschafft. Anm. G. G.)

An einen anderen Fall erinnere ich mich auch noch recht gut. Da wurde eine alte Frau im Keller unter der Treppe gefunden. Es war ein wohlsituiertes Dreifamilienhaus im Kölner Stadtteil Rodenkirchen, das ist schon was Besseres, auf jeden Fall. Die Frau war seit drei Tagen vermisst, weil sie ihre Termine nicht mehr wahrnahm. Sie war in diesem Haus tätig, als ‚Katzenfrau‘ sozusagen, bei einer Mieterin. Sie lag erschlagen im Kellergeschoss, es war einerseits viel Blut da, andererseits war aber offenbar heftig gereinigt worden, auch aufgewischt mit Wasser. In der Umgebung war nichts mehr zu sehen. Wir haben uns dann gefragt: Was ist da passiert? Es stellte sich bei den Ermittlungen heraus, die Katzenfrau war eigentlich gar nicht so unvermögend. Sie hat zwar nie viel Geld ausgegeben, hatte aber am Tag ihres Todes Geld von der Bank abgehoben, das Geld war aber weg. Und in diesem Haus, in dem sie sich um die Katze gekümmert hat, war auch noch eine Putzfrau tätig. Wir haben dann bald herausbekommen, dass diese Putzfrau Geldprobleme hatte und spielsüchtig war.

Wir konnten letztlich dann beweisen, dass sie es war, die die Katzenfrau erschlagen und beraubt hatte. Sie hat es aber nicht zugegeben. Das war dann einer dieser berühmten Indizienprozesse. Sie wurde zu ‚lebenslänglich‘ verurteilt. Es ist rundum so akribisch ermittelt worden, dass auch der Richter davon überzeugt war, von ihrer Schuld. Es ist sogar durch die Revision gegangen und bestätigt worden, das Urteil. Also das war jetzt so ein Fall, der sich – wie man so schön sagt – in einem ‚Derrick‘-Milieu ereignet hat … weil Herr Derrick ja im Fernsehen immer bei den Reichen ermittelt“, sagt sie und lacht.

Ein schweres holländisches Frachtschiff fährt stromaufwärts vorbei. Die Schiebetür der Durchreiche zur Küche vibriert hörbar mit. Auch dann noch, für einen Moment, als das Schiff bereits aus dem Blickfeld verschwunden ist. „Wir könnten das vielleicht ändern“, sagt Frau Christmann, „aber wir haben uns längst daran gewöhnt, mein Mann und ich. Zurück zum Thema. Also die Realität, die wir vorfinden, sieht meistens anders aus als im Fernsehen. Wir haben es ja nun leider oft genug, dass wir auf Tatorte oder in Wohnungen kommen, wo man dann eher von einer Müllhalde sprechen kann anstatt von einer menschlichen Behausung. Absolut messimäßig, ja! Es sind aber nicht nur Messis, die übervolle oder dreckige Wohnungen haben, die in einem Saustall leben. In der Regel ist es so, dass die Leute tot in ihren Wohnungen gefunden werden und der Notarzt sagt, keine Ahnung, warum verstorben. Deshalb kommen dann wir. Aber man kann jetzt nicht sagen, dass Leute mit verdreckten Wohnungen eher Täter beziehungsweise Opfer sind. Wir sehen sie halt einfach nur häufiger, weil diese Leute sehr oft deshalb tot aufgefunden werden, weil die Nachbarn sich über den Geruch beschweren. Wie sie sagen, hier stinkt’s ganz furchtbar. Außerdem kommen auch schon die Maden unter der Tür durch. Aber wie gesagt, auch in einer Wohnung, die tipptopp in Ordnung ist, da kann es schon auch dazu kommen. Also die Tatorte, die wir vorfinden, umfassen das Spektrum von ganz dreckig bis sehr sauber.

Einen dritten Fall kann ich ihnen noch erzählen, etwas ganz anderes. Das war einer der berühmten autoerotischen Unfälle – da können sich unerfahrene Kollegen leicht irren, sie glauben dann, es ist ein Tötungsdelikt. Ein ausgesprochen zuverlässiger Mann kam nicht mehr zur Arbeit. Als man nachforschte, wurde er von der Kriminalwache tot in seiner Wohnung vorgefunden. Der lag da, war nackt und vollkommen mit Klebeband eingewickelt. Mit schönem, schwarzem Klebeband. Auch der Kopf war bandagiert, er sah aus wie eine Mumie. Im Mundbereich war rotes Klebeband, es war sehr schön irgendwie arrangiert. Die Kollegen von der Wache sagten, das muss ein Tötungsdelikt sein! Deshalb wurden wir dann eingeschaltet.

Er lag im Schlafzimmer vor dem Spiegel, und als ich mir das angeschaut hatte, war bald klar, das ist der berühmte autoerotische Unfall. Er hatte noch versucht, sich zu befreien, hatte ein Nagelscherchen in der Hand, es ist ihm aber leider nicht gelungen, weil er sich so gut eingeschnürt hatte. Und sein Problem war, er hatte sich auch noch was in den Mund gestopft und ihn verklebt. Sie machen es, um diese speziellen sexuellen Erlebnisse zu haben. Sie wollen zwar diese Atemnot, diesen Sauerstoffmangel, denn dann sind ihre Erektionen und Orgasmen toller, aber sie wollen nicht sterben. Es war ein autoerotischer Unfall. Aber es gibt bei diesen Spielarten eigentlich wirklich nichts, was es nicht gibt.

Manchmal werde ich gefragt, ob mich mein Beruf denn nicht belastet. Also er belastet mich insofern nicht, dass ich jetzt sagen würde, mein Gott, ist das schrecklich, was ich da alles zu sehen und zu hören kriege. Natürlich ist das schrecklich. Aber letztlich ist es etwas, was ich nicht mehr ändern kann. Ich kann aber mein Bestes tun, um das aufzuklären. Das ist es, womit ich meine Tätigkeit vielleicht am besten auch ertragen kann.

Was mir ein wenig Sorge macht: Uns fehlt eigentlich der wirklich junge Nachwuchs. So wie ich es gemacht habe – mit 19 angefangen, nach drei Jahren fertig und dann direkt in die Kriminalpolizei, das fehlt heute. Wir werden mittlerweile alle ziemlich alt und uns fehlt die Jugend, die gesunde Mischung.“

Ich bitte sie, noch ein wenig über sich zu erzählen, ihren Werdegang. „Ich wollte schon mit 16 in diese Richtung. Ich hatte eine Freundin damals, und wir sagten, wir gehen zur Kriminalpolizei! Jetzt sitze ich hier und hab’s geschafft. Sie nicht. Mit 16 habe ich eine Schwesternhelferinnenausbildung gemacht, habe 100 Stunden im Krankenhaus gearbeitet, mit Ausnahmegenehmigung, mit 16 darf man das ja eigentlich noch nicht.

Damals habe ich meine erste Leiche gesehen. Eine schwer an Krebs erkrankte Frau war gestorben. Ich habe gefragt, ob ich reinschaun darf ins Zimmer. Habe vorsichtig die Tür aufgemacht. Sie war ganz zugedeckt, das Einzige, was ich gesehen habe, war ein wachsweißer Zeh. Ich bin so erschrocken! Wenn ich damals schon gewusst hätte, was ich später mal alles sehen würde … Als ich angefangen habe, gab es die Möglichkeit noch, sich als Abiturientin direkt bei der Kriminalpolizei zu bewerben und dort eben auch ausgebildet zu werden in einem Fachhochschulstudium. Das war die sogenannte Y-Ausbildung. Das heißt, wir sind in gemeinsame Kurse mit den Kollegen der Schutzpolizei gegangen, und bei speziellen Fächern wie Kriminalistik und Kriminologie hatten wir separaten Unterricht. Damals habe ich mich in Nordrhein-Westfalen beworben und auch in Berlin. Ich bin eigentlich froh, dass sie mich in Nordrhein-Westfalen genommen haben. Vor acht Jahren haben wir mal einen Betriebsausflug nach Berlin gemacht, waren bei unserem gleichwertigen Kommissariat dort. Ich bekam mich mit dem damaligen MK-Leiter ziemlich in die Wolle, der meinte nämlich, Frauen wären bei der Polizei nur gut als Sekretärin, mehr nicht.

Es war natürlich auch hier in Köln nicht immer leicht. Da saß seinerzeit ein Kommissariatsleiter, der überhaupt keine Frauen wollte, denn die fallen ja nur dauernd in Ohnmacht und können insofern auch nicht an den Leichen arbeiten und so weiter. Dann habe ich’s aber trotz aller Widerstände von außen geschafft, und das war auch mein Glück. Damals war ich die Einzige, da war ich die Vorzeigefrau. Es war ein langer und steiniger Weg. Und wenn man so lange tätig ist, dann möchte man letztlich auch MK-Leiterin werden. 26 Jahre mache ich das jetzt schon und bin seit zirka einem Jahr tatsächlich auch Leiterin einer Mordkommission. Vorher war ich, wie gesagt, lange Vertreterin des MK-Leiters. Und die männlichen Kollegen, die nach mir auf die Dienststelle gekommen sind, wurden vor mir MK-Leiter. Ich habe den Eindruck, als Frau muss man wirklich so viel besser sein, dass man einfach nicht an einem vorbeikommt … äh … ich bin mit Sicherheit nicht besser als irgendwer, aber ich bin gleichwertig. Deshalb ist das mehr als ärgerlich, wenn man so lange übergangen wird, letztlich.

Ich bin im Bund Deutscher Kriminalbeamter engagiert, das ist die Gewerkschaft, die sich mit den Interessen der Kriminalbeamten auseinandersetzt. Wir haben einmal versucht, so eine Erhebung zu machen: Wie viele Kriminalbeamtinnen gibt es denn überhaupt? Und da gibt es im Verhältnis leider Gottes nur sehr wenige. Also das ist schon was, was mir auch sehr wichtig ist.“