piwik no script img

TV-Frau mit Machtgelüsten

Die 44-jährige Tatjana Mitkowa wird neue Chefredakteurin beim russischen Fernsehsender NTW

von KLAUS-HELGE DONATH

Sie hat es nun doch geschafft. Die Restredaktion des vom Kreml gekaperten TV Senders NTW wählte die 44-jährige Tatjana Mitkowa zur neuen Chefredakteurin. Seit acht Jahren war sie ein Aushängeschild, das für Qualität bürgte und dem Sender ein verführerisches Gesicht lieh. Allabendlich suggerierten ihre ungewöhnlich großen Augen, dass auch ein Profi nach zwanzig Jahren noch über den Lauf der Welt staunen kann.

Dem war nicht ganz so. Männer lagen ihr zu Füßen, einer schnitt sich vor ihrer Türschwelle gar die Pulsadern auf. Frauen gingen auf Distanz. Schönheit, Intellekt, Führungsanspruch und ein ungebändigter Drang zur Macht – zu viel des Guten.

Die zierliche Mutter eines 18-jährigen Sohnes ist mit allen Wassern gewaschen. Mit der Wahl Mitkowas ist dem Kreml ein unschätzbarer Coup gelungen. Das hübsche Gesicht wahrt nicht nur nach außen Kontinuität, als Chefredakteurin wird sie es auch verstehen, sich von der Nachrichtenaufbereitung der staatstreuen Sender abzuheben. Sie ist die geeignete Frau für den Übergang in die Gleichschaltung. Mitkowa scheut die Öffentlichkeit, Interviews gibt sie nur im Ausnahmefall.

Fährt sie auch weiterhin einen oppositionellen Kurs? Opposition habe im Journalismus nichts zu suchen, meint sie. Der Führungswechsel bedeute nicht, dass „Unabhängigkeit und eine eigene Sicht auf das, was im Land passiert“, aufgegeben werden, meinte sie. Im Unterschied zum geschassten Chefredakteur Jewgeni Kiseljow verweigerte es Mitkowa auf dem Höhepunkt der Übernahmeschlacht, den Medienmogul und Gründer von NTW, Wladimir Gussinski, bis zum Letzten zu verteidigen.

Persönliche Differenzen mit Kiseljow haben ihre Entscheidung zum Seitenwechsel sicher beschleunigt. Politische und persönliche Motive ließen sich am Ende der Auseinandersetzung bei vielen Mitarbeitern nicht mehr ohne weiteres voneinander trennen. Lässt man sie wirklich, wird die Perfektionistin Mitkowa die Chance nicht verstreichen lassen und den Kanal nach eigenem Gusto umkrempeln.

Insgeheim hat das verwöhnte Kind einer sowjetischen Nomenklaturafamilie davon wohl schon lange geträumt. Der Vater Mitkowas war Mitarbeiter des sowjetischen Geheimdienstes KGB und ihre Mutter Angestellte der UdSSR-Botschaft in der Schweiz, wo Tatjana auch ihre Kindheit verbrachte.

Außer der Macht hat Tatjana noch eine Leidenschaft: einen Benz in Weiß, den sie sich von ihrem ersten Geld bei NTW zugelegt haben soll.

Eine Koalition, die was bewegt: taz.de und ihre Leser:innen

Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Dies unterscheidet uns von anderen Nachrichtenseiten. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Alle Schwerpunkte, Berichte und Hintergründe stellen wir dabei frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade jetzt müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Was uns noch unterscheidet: Unsere Leser:innen. Sie müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen