piwik no script img

Kreuzberger an den Golf

■ Ab heute werden Westberliner Wehrpflichtige erfaßt KOMMENTAR

Deutsche Bomben und Ersatzteile tun schon zwei Wochen lang tödlichen Dienst im Golfkrieg. Alpha-Jet-Piloten der Bundeswehr üben ihr Handwerk in Kurdistan, mal über Kriegs-, mal über Bürgerkriegsgebiet. Hunderte milchgesichtige Wehrpflichtige haben den Marschbefehl erhalten, um den deutschen Aufmarsch an der irakischen Grenze zu »schützen«. Die Reaktion der jungen Männer: Meist nur sprachloses, dumpfes Sich- Ergeben in den kurzgeübten Ernstfall, der immer nur ein Verteidigungsfall sein sollte. Seit heute sind auch die jungen Westberliner Teil der deutschen Militärmaschinerie, die von Berlin aus zwei Weltkriege begann und führte. Wenn der Golfkrieg andauert, könnten die 18-, 19- oder 20jährigen aus Kreuzberg oder Reinickendorf am Golf eingesetzt werden — zusammen mit ihren Ostberliner Kollegen, die sich ja mit den irakischen Waffen so gut auskennen sollen.

45 Jahre entmilitarisierter Status haben nichts geholfen. Halbherzige rot-grüne Versuche, die Berliner vorerst noch herauszuhalten, auch nicht. Da war die »Wehrgerechtigkeit« vor, die es niemals gab, seit es die Wehrpflicht gibt. Die es erst recht nicht geben kann angesichts der verkleinerten deutschen Armee von 370.000 — wenn sie denn kleiner wird. Keine Extrawurst für die verwöhnten Berliner, hieß die Devise. Jetzt erfahren es auch die jungen Männer. Die alten, die Wehrflüchtlinge, die Berlin als Insel nutzten, werden schon einberufen — aus purer Rache bis zum 32. Lebensjahr.

Vor der Ausnahme für Berliner war auch der Verwaltungsakt der Einigung. Bundesgesetz ist Bundesgesetz. Heute, am ersten Erfassungstag, beruft sich der Innensenat wieder auf ihn, den neutralen Verwaltungsakt. Daß die Jungberliner ausgerechnet jetzt, während des Krieges, an ihre Pflichten erinnert würden sei »zufällig«, meint der Meldebeamte kühl. »Das hat nichts mit dem Golf zu tun, das läuft wie abgesprochen, das hat sich so ergeben.« Hans-Hermann Kotte

Eine Koalition, die was bewegt: taz.de und ihre Leser:innen

Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Dies unterscheidet uns von anderen Nachrichtenseiten. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Alle Schwerpunkte, Berichte und Hintergründe stellen wir dabei frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade jetzt müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Was uns noch unterscheidet: Unsere Leser:innen. Sie müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen