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Kanzler und Kandidat...

■ ...gesichtet: Kohl will "etwas von der Notwendigkeit mit beitragen", aber von Diepgen nichts wissen. Schröder sonnt sich im Blitzlichtgewitter

Sie gingen sich wieder einmal aus dem Weg. Helmut Kohl und Gerhard Schröder weilten am Wochenende in Berlin. Doch während sich der Kanzler auf der deutsch- amerikanischen Konferenz im Kronprinzenpalais bejubeln ließ, nahm der Niedersachse eine SPD- Tagung zur Revolution von 1848 zum Anlaß der Selbstinszenierung. Ob der Regierungsumzug einen Strahl hauptstädtischen Glanzes auch auf Politiker vom Schlage Eberhard Diepgens oder Detlef Dzembritzkis fallen läßt oder aber den endgültigen Absturz in die kommunalpolitische Provinzialität nach sich zieht, ist umstritten. Die Auftritte von Kohl und Schröder an diesem Wochenende sprechen für die zweite Hypothese. Kohl jedenfalls wollte von Diepgen nichts wissen. Der Regierende Bürgermeister versuchte zwar beflissen, sich aufs Erinnerungsfoto mit dem Kanzler zu drängen. Doch der Pfälzer würdigte den gebürtigen Pankower keines Blickes, als er ihm flüchtig die Hand reichte. Anschließend schob er ihn unwillig zur Seite, um sich den Fotografen mit US-Botschafter John Kornblum zu präsentieren.

Diepgen mag sich damit trösten, daß es anderen Ehrengästen aus Politik, Wirtschaft und Kultur nicht anders erging. Selbst der Bundespräsident hatte sich zwischen Elder Statesmen wie Richard von Weizsäcker und Henry Kissinger nahezu unbeachtet in den Konferenzsaal geschlichen. Als der Beginn der Kohl-Rede näherrückte, stieg die Spannung dagegen merklich an. Es war physisch spürbar: Der Kanzler kommt.

Nicht anders war es tags darauf im Abgeordnetenhaus, als Schröder die sozialdemokratischen Historiker beehrte. Kaum hatte er den Plenarsaal betreten, mochte die Ausführungen des Bochumer Historikers Hans Mommsen niemand mehr hören. Auch sein redegewandter Berliner Kollege Heinrich August Winkler konnte nur noch eine geteilte Aufmerksamkeit in Anspruch neben, als neben ihm ein Blitzlichtgewitter auf den Kandidaten prasselte.

Schröder stahl den Historikern mit seiner Rede auch deshalb die Schau, weil er sie nicht stur vom Blatt ablas, sondern mit improvisierten Bezügen zur eigenen Biographie würzte – eine Strategie, die auch Kohl vorzüglich beherrscht. So schlug Schröder den Bogen von seiner eigenen Herkunft aus bescheidenen Verhältnissen zur sozialen Dimension von 1848, während Kohl die deutsch-amerikanische Freundschaft anhand eines Auswanderers aus einem Pfälzer Nachbardorf illustrierte. Grammatikalisch stellt der Kanzler den Kandidaten aber noch immer in den Schatten. Er wünsche, sagte Kohl, „daß die Amerikanische Akademie in Berlin etwas von der Notwendigkeit dieser Stimmungsänderung mit beiträgt“. Ralph Bollmann

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