: Demokratie nurfür die Kinder
Alexander Sutherland Neill kam 1883 im schottischen Forfar auf die Welt. Er war das viertälteste von dreizehn Kindern. Seine Kindheit war das Gegenteil von dem, was er später in seinen Büchern propagierte: Sein Vater, ein strenger Calvinist, war auch „Dominie“, der Schulmeister des Dorfes, und regierte mit der Peitsche. Am kleinen Alexander hatte er stets etwas auszusetzen, und als der mit fünfzehn Hilfslehrer wurde, erwartete der Vater von ihm, dass er ebenfalls reichlich Gebrauch von der Peitsche machte.
1913 trat Neill in die Labour Party ein, tendierte später aber zum Kommunismus: „Nieder mit dem Kapitalismus! Lasst die Arbeiter die Kontrolle übernehmen! Eine Welt ohne Profit und Klassen. Das war 1917. Heute, 1972, sind die Arbeiter Schafe, die von gar nicht so freundlichen Schäfern geführt werden.“ Während des Spanischen Bürgerkriegs organisierte Neill Hilfsaktionen für die Franco-Gegner, noch als 78-Jähriger nahm er an einer Sitzblockade des Polaris-Atomraketen-Stützpunkts in Schottland teil und riskierte zwei Tage Haft und eine Geldstrafe.
Seine Erziehungsphilosophie wurde früh von Homer Lane beeinflusst, der eine Schule für straffällig gewordene Jugendliche leitete. Dort sah Neill zum ersten Mal in der Praxis, wie Selbstverwaltung funktionierte. Der Psychoanalytiker Wilhelm Reich, mit dem er eng befreundet war, trug ebenfalls zur Entwicklung seiner Prinzipien bei.
Summerhill wurde 1921 in Hellerau bei Dresden als Teil einer internationalen Schule, der „Neuen Schule“, gegründet. Schon nach wenigen Monaten kam es zum Konflikt: Die Schule wurde von Idealisten geleitet, die Tabak, Foxtrott und Kino für Teufelswerk hielten und verboten, während Neill wollte, dass die Kinder selbst über ihr Leben bestimmten. So zog er mit seiner Schule nach Österreich, doch die Bewohner des katholischen Bergdorfs waren ihm und seiner Philosophie alles andere als wohlgesinnt.
1923 zog Neill mit seiner Schule erneut um, nach Lyme Regis im Süden Englands, wo er blieb, bis er 1927 das viktorianische Herrenhaus in Leiston in der Grafschaft Suffolk fand. Dort leitete Neill die antiautoritäre Schule – während des Zweiten Weltkrieges war sie nach Wales ausgelagert – bis zu seinem Tod 1973. Seine zweite Frau Ena führte sein Werk bis 1985 fort, nach ihrer Pensionierung übernahm Tochter Zoe die Leitung. Ena Neill starb 1997.
Jonathan Croall beschreibt in seiner Neill-Biografie, dass der Summerhill-Gründer ein miserabler Mathematiklehrer war, aber es nie zugeben wollte. Außerdem hasste er es, wenn sich andere Lehrer in die Ausrichtung der Schule einmischten. Dies ging das Lehrpersonal nichts an, fand Neill. Demokratie galt nur für die Kinder. Kurz vor seinem Tod schrieb Neill über die staatliche Erziehung: „Die Hauptfunktion unserer Schulen besteht darin, die Lebenskraft der Kinder abzutöten. Denn wäre das nicht so, würde das Establishment seine Macht verlieren.“ raso
Literatur:
A. S. Neill im Rowohlt Verlag, Reinbek: Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung, 338 Seiten, 12,90 Mark; Das Prinzip Summerhill. Fragen und Antworten, 160 Seiten, 9,90 Mark; Die grüne Wolke. Den Kindern von Summerhill erzählt, 249 Seiten, 12,90 Mark.
Peter Ludwig (Hrsg.): Summerhill. Antiautoritäre Pädagogik heute. Ist die freie Erziehung gescheitert? Beltz Fachbuch (1996), 238 Seiten, 39,90 Mark. Internationale Autoren bieten einen ideologiefreien Blick auf die Schule.
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