: Ein Gesicht hinter jeder Zahl
Auschwitzgedenktag am nächsten Sonnabend: Ein Buch soll die SchülerInnen im Norden sensibilisieren. Die planen selbst einen Aktionstag gegen Rechts ■ Von Elke Spanner
Sechs Millionen Tote ist eine beängstigende Zahl, doch wie alle Zahlen bleibt auch sie abstrakt. Um den Holocaust zu verstehen, heißt es im Vorwort des Buches „Erzählt es euren Kindern“, müsse deutlich werden, dass sich „hinter jeder Zahl ein Name und ein Gesicht verbirgt; ein Kind, eine Mutter oder ein Vater (...)“. Der Geschichte ein Gesicht zu geben und dadurch junge Menschen gegen Rechtsextremismus zu sensibilisieren, ist das Anliegen dieses Buches. Anlässlich des Gedenkens der Befreiung des KZ Auschwitz am kommenden Samstag erhalten es sämtliche SchülerInnen der neunten Klassen an Hamburgs und Schleswig-Holsteins Berufsschulen, Gymnasien und Realschulen.
Ursprünglich wurde es für das Projekt „Lebendige Geschichte“ geschrieben, eine 1997 gestartete Initiative der schwedischen Regierung. Die erteilte den Auftrag an die Autoren Stephane Bruchfeld und Paul A. Levine, ein Buch für Jugendliche zu schreiben. Die Resonanz übertraf in Schweden alle Erwartungen, was nun auch die Schulbehörden von Schleswig-Holstein und Hamburg veranlasste, ihren SchülerInnen die Lektüre zu empfehlen.
Das Buch beschreibt zum einen konkrete Schicksale wie die Deportation der Jüdin Halina Birenbaum. Daneben sind Zitate abgedruckt, die die Ideologie des Faschismus aufzeigen: „Rasse verleiht dem Menschen außergewöhnliche – ich möchte fast sagen übernatürliche – Kräfte.“ Fotos sind zu sehen, die erschrecken: ein sterbender Junge im Warschauer Ghetto zum Beispiel, an dem drei Jugendliche teilnahmslos vorübergehen. Es wäre „ein falsch verstandener Jugendschutz, Heranwachsenden die Wirklichkeit des Holocaust vorzuenthalten“, heißt es im Vorwort zur deutschen Ausgabe.
Die Autoren informieren über jüdisches Leben vor dem Krieg, die Einrichtung von Ghettos, die Deportation, den Völkermord sowie den Widerstand dagegen. Für Hamburg ist das schwedische Buch um das Kapitel über die „Kinder vom Bullenhuser Damm“ erweitert worden. Das ist dem Buch voran gestellt – auch der Einleitung. Dadurch wird gleich zu Beginn der Eindruck erweckt, der bei der Lektüre aufrechterhalten bleibt: Dass es, auch durch die Mischung verschiedener Schrifttypen, unübersichtlich ist. So finden sich im Kapitel über das jüdische Leben vor dem Krieg Informationen über die Verfolgung Homosexueller und so genannter „Asozialer“.
Konzept sei, sagen die Autoren, dass die Schüler das Buch nicht von vorne bis hinten durchlesen müssen, sondern auch irgendwo aufschlagen und einzelne Seiten lesen können. Das löst das Buch ein. Doch umgekehrt fehlt dafür der rote Faden für diejenigen, die es einfach durchlesen wollen.
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