: Anstand im Wechselschritt
Die Tanzschule ist der angemessene Ort, Benehmen zu lernen. Weltgrößter Tanzlehrer-Kongress wurde gestern im CCH eröffnet ■ Von Peter Ahrens
Tanzen allein ist zu wenig. Wer Tanzen lernt, lernt auch, sich zu benehmen, sich gesittet zu verhalten, lernt, was es heißt, ein anerkanntes Mitglied dieser Gesellschaft zu sein. Wer aus der Tanzschule herauskommt, ist gerüstet für die Schule des Lebens. Wer den Wechselschritt beherrscht, kann auch mit dem Fischmesser umgehen. Die Tanzlehrer dieser Republik sind die Zeremonienmeister einer „Etikette ohne Staub“, wie sie es nennen. Oder wie es zur Eröffnung des weltgrößten Tanzlehrer-Kongresses im CCH heißt: „Ziel des Tanzschuljahres ist es, die Jugendlichen fit zu machen für das gesellschaftliche Leben.“
Der Allgemeine Deutsche Tanzlehrer-Verband ADTV und seine „Fachleute für Umgangsformen“ haben deswegen das so genannte Anti-Blamier-Programm entwikkelt. O-Ton ADTV: „Über Tanzfähigkeiten hinaus werden auch andere Disziplinen systematisch vermittelt“ - Umgangsformen und Kosmetiktipps gehören unbedingt dazu.
So hat der „Arbeitskreis Umgangsformen International“ des ADTV „10 goldene Regeln für den Umgang mit dem Handy“ aufgestellt, die es auch jungen Menschen möglich machen, sich in Gesellschaft aufzuhalten, ohne gleich wegen Rowdytums geächtet zu werden. Darin finden sich wichtige Hinweise wie: „Legen Sie ihr Handy niemals auf den Schreibtisch, wenn Sie mit jemandem im Gespräch sind. Das signalisiert: ich bin jederzeit bereit, die Unterhaltung mit Ihnen zu unterbrechen. Die unterschwellige, aber eindeutige Botschaft: Sie sind mir nicht wichtig.“ Regel 6: „Melden Sie sich bei einem Anruf auf ihrem Handy genauso mit Tagesgruß, Firmen- und eigenem Namen, wie Sie es bei Ihrem Festapparat tun.“ Regel 9: „Nutzen Sie eine berufliche Handynummer auf keinen Fall spät abends oder am Wochenende. Jeder hat ein Recht auf Privatsphäre.“
Es schließt sich die aktuelle Handy-Tabu-Übersicht 2001 an. Tabus: Beerdigung, Vorstellungsgespräch, Kirche, Tankstelle. Verboten: Theater, Kino, Wartezimmer, Seminar, Kundengespräch. Stillos: Cocktailparty, Restaurant. Eingeschränkt empfehlenswert: Bahnhof, Supermärkte. Unbedenklich: Hotelzimmer, Straße. Allerdings ist bei Straße zu beachten: „Abstand wahren, nicht plötzlich stehen bleiben (Auflauf-Gefahr).“
Anlass zur Sorge gibt beim ADTV auch der Wegfall des Rabattgesetzes. In Deutschland könnte „in der näheren Zukunft eine Kultur des Handelns entstehen. Damit diese nicht zur Unkultur wird, sollten Stilfragen berücksichtigt werden.“ Beispiel: „Der Wunsch nach einer Preisermäßigung sollte höflich formuliert und vorgebracht werden. Wird die Bitte nicht erfüllt, zeugt es von gutem Stil, dies ohne beleidigende oder unfreundliche Aussagen zu akzeptieren. Es ist eine überzogene Erwartung, bei kleinpreisigen Waren einen Nachlass von 20 Prozent oder gar mehr zu erwarten.“
Der Tanzlehrer-Kongress geht bis Donnerstag. Das Anti-Blamier-Programm wird heute vormittag um 10 Uhr in Saal 6 des CCH vorgestellt. Highlight morgen: 10 Uhr Diskussion zum Thema: Singles - Kunden mit nicht zu erfüllenden Ansprüchen?
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen