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WLADIMIR KAMINER über Deutsch für Deutsche

Verschüttet

Der Nationalstolz und das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe hilft Menschen oft die schlimmen Zeiten zu überstehen, im Knast, in der Verbannung, im Krieg. In guten Zeiten können sie aber in ziemlich üble Situationen führen.

Mein Freund Thomas versuchte als gelernter Germanist an einer Berliner Sprachschule einen Arbeitsplatz zu ergattern. Auf mindestens hundert Bewerbungen bekam er 20 Antworten. Es tut uns Leid, schrieben die Schulen, wir haben Germanisten wie Sand am Meer und so weiter, das Übliche eben. Thomas hatte schon fast die Hoffnung aufgegeben, da bekam er doch noch einen Anruf. Im Lehrgang „Deutsch für Ausländer“ einer renommierten Berliner Sprachschule hatte sich ein Lehrer überraschend erhängt. Ob er, Thomas, nicht auf die Schnelle einspringen könne? Thomas war außer sich vor Freude. Beim Vorstellungsgespräch meinte der Direktor: Sollte er in eine Lebenskrise geraten, könne er sich jederzeit mit ihm aussprechen. Doch Thomas war überzeugt, dass nun seine Karriere als Deutschlehrer nur noch vorwärts gehen könne.

Die Kursgruppe wurde gerade neu zusammengestellt und bestand fast ausschließlich aus Russlanddeutschen – es waren Aussiedler aus Kasachstan. Als auffällige Minderheit hatten sie dort laut eigener Aussage für ihr Deutschtum viele Erniedrigungen über sich ergehen lassen müssen. Infolgedessen hielten die Schüler eng zusammen und verfügten über einen ausgeprägten Nationalstolz. So meuterten sie gleich am ersten Tag wegen der Bezeichnung ihres Kurses als „Deutsch für Ausländer“. Wir sind doch keine Ausländer, wir sind hundertprozentige Deutsche! Einen solchen Kursus zu besuchen, verstößt gegen unsere Würde, wir sehen uns schon wieder von der Gesellschaft an den Rand gedrängt, schimpften sie. Thomas konnte ihre Sorgen nicht ganz nachvollziehen. Wie soll unser Kurs denn heißen?, fragte er sie. „Deutsch für Deutsche“, war die Antwort. Thomas überlegte nicht lange und änderte leichten Herzens den Titel auf Programmzettel und Lehrplänen. Es ist doch egal, wie der Kurs heißt, Hauptsache, sie lernen fleißig, dachte er.

Zwei Wochen lief alles wie am Schnürchen. Allerdings machten die anderen Studierenden immer wieder Witze über den Kurs „Deutsch für Deutsche“ im Lehrplan. Eines Tages rief der Direktor Thomas zu sich und herrschte ihn an: „Was haben Sie sich dabei bloß gedacht? Unsere Schule ist ein modernes Lehr- und Kommunikationszentrum. Wollen Sie, dass die ganze Stadt über uns lacht?“ Thomas erklärte ihm, dass die Schüler nicht als Ausländer bezeichnet werden wollten. Und das sei doch wohl ihr gutes Recht. Der Direktor wies ihn daraufhin an, sich eine andere Kursbezeichnung auszudenken, etwas weniger Abstruses. Nach langem Hin und Her nannte Thomas seinen Kurs bescheiden, aber geschmackvoll „Deutsch als Fremdsprache“. Wieso bin ich nicht gleich auf diese Idee gekommen, es lag doch auf der Hand, freute er sich.

Seine Gruppe lehnte den neuen Namen aber sofort wieder kategorisch ab: Deutsch ist für uns in gar keinem Fall eine Fremdsprache, Deutsch ist unsere Muttersprache, sagten die Russlanddeutschen. Wir kennen sie nur nicht, weil uns dieses Wissen vom sowjetischem Regime gestohlen wurde. Thomas war kurz davor zu kündigen. Der Direktor beruhigte ihn und nahm die Sache selbst in die Hand. Es wurde eine Konferenz zusammengerufen. Dort verhandelten beide Seiten über den angemessenen Namen des Kurses. Nach ungefähr zwei Stunden wurde eine Lösung gefunden: Ab nun hieß der Kurs von Thomas „Deutsch als verschüttete Muttersprache“. Damit waren alle zufrieden.