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Von ein paar Bier zum Korsakow-Syndrom

Demenz

Unheilbar geistig verwirrt, geisteskrank in Fredersdorf, untergebracht in einem Pflegeheim für Demenzkranke – ein vorletztes Mal hat Harald Juhnke in diesen Tagen seinen Auftritt auf dem Boulevard. Immerhin rückt sein Schicksal zwei schwere Erkrankungen in den Blickpunkt: den Alkoholismus, an dem in Deutschland bis zu vier Millionen Menschen leiden, und die Demenz, von der wiederum über eine Millionen Menschen betroffen sind, Tendenz steigend – in den nächsten 25 Jahren wird sich diese Zahl verdoppeln. Unter Demenz, auch chronisch-organisches Psychosyndrom genannt, subsumiert man eine Gruppe degenerativer Hirnerkrankungen, die gekennzeichnet sind durch einen fortschreitenden Untergang von Gehirnzellen.

Die durch den Alkohol verursachte Demenz macht dabei nur einen kleinen Anteil der Demenzerkrankungen aus; die mit 60 bis 65 Prozent häufigste Ursache einer Demenz ist die Alzheimer-Erkrankung, bei der morphologisch eine kortikale Atrophie, der Verlust von Nervenzellen, so genannte senile Plaques und Alzheimer-Fibrillen dominieren. Klinisch fällt sie zuerst durch Merkfähigkeitsstörungen und räumliche Orientierungsstörungen auf. Die Ursache ist multifaktoriell, zunehmend diskutiert wird eine genetische Komponente mitsamt den daraus resultierenden potenziellen Behandlungsmöglichkeiten.

Mit 15 bis 20 Prozent folgen die vaskulären Demenzen, bei denen der Untergang des Hirngewebes auf einer chronisch erschwerten Durchblutung des Gehirns beruht. Hinzu kommen gemischte Demenzen, Demenzen durch seltene andere neurologische Erkrankungen, Demenzen infektiöser Genese, wie bei Creutzfeldt-Jakob oder HIV, oder solche toxischer Natur, wie eben nach jahrzehntelangem Alkoholmissbrauch.

Klinisch können die einzelnen Demenzen vor allem im Spätstadium nur schwer unterschieden werden. Ihnen allen gemein sind die Beeinträchtigung intellektueller Leistungen, Gedächnisschwächen, Störungen des Urteilsvermögens, der Konzentration und der Orientierung, Sprachauffälligkeiten und schwere Persönlichkeitsveränderungen wie Affektstörungen, Antriebsstörungem, motorische Unruhe. Gesicherte Behandlungsmöglichkeiten gibt es nicht. Demenzen sind nicht rückbildungsfähig und chronisch fortschreitend. Durch Verhaltenstherapie und psychosoziale Betreuung hofft man den Verlauf aufhalten zu können. Die Medikamentengruppe der Antidementia, die mit großem Aufwand von Pharmafirmen auf den Markt gebracht wurde, hat diese eingeschränkten Behandlunsgmöglichkeiten nicht verbessern können.

Was nun Harald Juhnke betrifft und seine zuletzt zunehmenden „Zusammenbrüche“, dürfte er einige bekannte Alkoholpsychosen durchlitten haben: Neben dem „normalen“ Rausch den pathologischen Rausch, einen Erregungs- und Dämmerzustand mit Verkennung der Situation, zum Teil einhergehend mit Halluzinationen, Angst oder Wut und heftiger Aggressivität – so erklärt man sich zum Beispiel seinen rassistischen Ausbruch einem Kellner in L. A. gegenüber.

Dann das Alkoholdelir, auch Delirium tremens genannt. Dies tritt selten nach ununterbrochen fortgesetztem Trinken als Kontinuitätsdelir auf, in den meisten Fällen nach abruptem Alkoholentzug als Abstinenzdelir. Seine Symptome sind vor allem Desorientiertheit und optische Halluzinationen mit szenischem Charakter: „Können denn die Passagiere, die auf den Tragflächen sitzen, nicht reinkommen“, soll Juhnke einmal in einem Flugzeug geäußert haben. Das Delir dauert 3 bis 7 Tage, kennt spontane, unbehandelte, positive Verläufe, endet aber unbehandelt in 20 bis 30 Prozent tödlich. Stationär wird es vorübergehend behandelt mit dem Thiazolderivat Distraneurin („Distra“), das die Entzugssymptomatik dämpft.

Bei 3 bis 5 Prozent der Alkoholabhängigen kommt es zur so genannte Wernicke-Enzephalopathie. Sie ist durch akute Störungen der Augenmuskel- und Pupillenmotorik, Gang- und Standunsicherheiten sowie Verwirrtheit und Desorientiertheit gekennzeichnet. Eine wesentliche Rolle spielt hier der bei Alkoholikern regelmäßig vorkommende Vitamin-B1-Mangel (Behandlung deswegen schon bei geringstem Verdacht mit hoch dosierten Vitamin-B1-Gaben, die die Symptomatik zum Teil schlagartig verschwinden lässt).

Oft mit der Wernicke-Enzephalopathie einhergehend oder auch aus ihr resultierend ist das im Vergleich zu Wernicke chronifizierende Korsakow-Syndrom, ein amnestisch-konfabulatorisches Syndrom, an dem Harald Juhnke jetzt leidet. Kennzeichnend für den Korsakow sind Gedächtnis- und Orientierungsstörungen sowie Konfabulationen, bei denen der Patient die Gedächnislücken mit irgendwelchem Gerede auffüllt. Auffallend beim Korsakow ist die oft gute Fassade der Patienten. Ein Persönlichkeitsverfall wie bei anderen Demenzen ist nicht so augenfällig. Korsakow-Patienten sind nicht schnell zu erkennen, wenn ihre Geschichten halbwegs glaubwürdig daherkommen. Formale Denkvorgänge, Sprache und Kommunikation sind oft wenig eingeschränkt – weswegen auch Harald Juhnke in den vergangenen Jahren noch einen halbwegs souveränen Eindruck machte. GERRIT BARTELS

(wird fortgesetzt)