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Die österreichische Grenzgemeinde Windhaag nahe dem Atommeiler Temelín setzt seit zwanzig Jahren auf erneuerbare Energie
von RALF LEONHARD
Bei gutem Wetter kann man von Spörbichl aus die drei knapp fünfzig Kilometer entfernten Kühltürme des Kernkraftwerks Temelín erkennen. Für den Mühlwart Franz Zacharias, der die beiden Windräder des Windparks Spörbichl betreibt, eine ziemlich gewohnte Aussicht. Er hat, wie die meisten Einwohner der österreichischen Grenzgemeinde Windhaag, schon an vielen Demonstrationen gegen den umstrittenen böhmischen Atommeiler teilgenommen. „Aber es ist auch wichtig, zu veranschaulichen, dass es Alternativen gibt“, sagt der Spezialist für Blitzschutzanlagen. Die beiden Windkraftanlagen zu je 660 Kilowatt erzeugen genug Strom, um 550 Haushalte zu versorgen. Das ist mehr, als die ganze Gemeinde Windhaag mit ihren 1.736 Einwohnern in 530 Haushalten braucht. Oder brauchen würde, wenn sie nicht seit Jahren auf einen besonderen Mix von erneuerbaren Energien setzte.
Gleich das erste Haus hinter dem Ortsschild fällt durch die Sonnenkollektoren auf dem Dach auf. Fast jedes vierte ist mit einer Solaranlage ausgestattet. Vizebürgermeister Heinrich Graser, ein Silberringerl im linken Ohr, den ÖVP-Anstecker am Wams, ist stolz auf seine Gemeinde, wo die jüngste Umfrage eine Gesamtfläche von tausend Quadratmetern Solarplaketten ergeben hat. Aus Gemeindemitteln gibt es zwar keinen Zuschuss für die Anschaffung, doch wird der Umstieg auf erneuerbare Energien durch Beratung gefördert. Graser: „Wer ein Haus baut oder umbaut, hat Anspruch auf eine Stunde Gratisberatung durch den Gemeindearchitekten.“
Besonders beliebt sind die Hackschnitzelanlagen, also Heizungen, die mit den in der Gegend reichlich vorhandenen Holzabfällen befeuert werden. Heinrich Graser ist einer der 170 aktiven Landwirte in Windhaag. Achtzig davon müssen in einem Nebenjob in Linz oder der Bezirkshauptstadt Freistadt zuverdienen. Und praktisch alle haben auf ihrem Grund ein Stück Wald.
Das ökologische Denken musste den Bauern nicht von oben beigebracht werden. Jeder dritte wirtschaftet biologisch. „Wir sind alle grün“, sagt Josef Steininger, Mädchen für alles im Rathaus und derjenige, der auf die Idee kam, die Gemeinde für den Solarpreis anzumelden, mit doppeltem Erfolg: Windhaag bekam im September den österreichischen Solarpreis zuerkannt – und nun auch den europäischen.
Die Initiative für ein Fernwärmeheizwerk ist 1978 von der Bevölkerung ausgegangen. Es wird von einer Genossenschaft mit Hackschnitzeln betrieben. Die vollautomatische Anlage steht diskret in einem Keller neben dem Gemeindeamt und versorgt neben dem Amtsgebäude auch die benachbarte Volks-, Haupt- und Musikschule, die Raiffeisenkasse, zwei Mietshäuser und das Gasthaus Wieser mit Warmwasser. „Das sind jährlich hunderttausend Euro, die in der Region bleiben. So viel ersparen wir uns an Ölimporten“, rechnet Graser vor. Wer zu wenig Lagerraum für die doch recht voluminösen Hackschnitzel hat, heizt mit Pellets, kompaktierten Sägemehl- und Holzschnitzelpatronen.
Windhaag liegt auf über siebenhundert Meter Seehöhe an der mitteleuropäischen Wasserscheide. Auf Anregung des Kulturvereins hat der lokale Künstler Gerhard Eilmsteiner dort ein bewegliches Monument errichtet, das „Wettershuttle“, das allein durch Regenwasser angetrieben wird – als Symbol für die Bedeutung erneuerbarer Energie.
RALF LEONHARD, 47, ist Korrespondent der taz in Österreich
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