Kommentar Teilhabe für Ostdeutsche: Sag Ja zum Quotenossi
Der Westen hatte dreißig Jahre, um zu zeigen, wie Teilhabe und Repräsentanz gerecht verteilt werden könnten. Seine Zeit ist um.

Q uotendiskussionen sind vor allem dies: anstrengend. Mit Blick auf die politische Debatte, ob es künftig für Ostdeutsche eine Quote bei der Besetzung von Führungsjobs geben soll, darf zusätzlich davon ausgegangen werden, dass diese Debatte auch hässlich wird. Denn Teilen tut weh und Klischees sind zäh. Dennoch ist es allerhöchste Zeit für ein geregeltes Stück gesamtdeutsche Gerechtigkeit.
Ein wichtiger Grund für die nach wie vor bestehende Spaltung zwischen Ost und West, für die gefährliche politische Lähmung im Osten, ist das anhaltende Gefühl der dort lebenden BundesbürgerInnen, dass dieses Land nicht das Ihrige ist. Dass die parlamentarische Demokratie, die ganze schöne Teilhabe, die sicheren und gut bezahlten Jobs weit überwiegend jenen nützen, in deren Geburtsurkunde ein Ort westlich der Elbe vermerkt ist.
Das Gefährliche: Sie haben recht, leider. Dreißig Jahre nach dem Mauerfall besetzen Ostdeutsche nur 1,7 Prozent der Spitzenjobs in diesem Land, und das bei einem Bevölkerungsanteil von 17 Prozent. So viele Einzelfälle kann es gar nicht geben, dass das alles noch Zufall sein könnte.
Dass es jetzt mal ein bisschen laut und ungemütlich für alle wird, die sich ihrer Machtposition stets sicher fühlten, ist überfällig. Selbstverständlich muss einigen genommen werden, um anderen geben zu können. Aber mal ehrlich, kann es im Jahr 2019 tatsächlich immer noch darum gehen, dass den Ostdeutschen von einer westdeutsch dominierten Elite ein winziges Stück vom Kuchen zugestanden wird? Auf keinen Fall.
Das fundamental Neue ist, dass die Ostdeutschen selbstbewusst etwas fordern. Und dass der Zeitpunkt für ihre Forderung – das Jahr der Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen – perfekt ist. Jetzt kommt es darauf an, sich nicht in Beschämungsdebatten verstricken zu lassen. Das ewige „Ihr wolltet doch den Westen“ ist über die Jahre zur billigen Staffage verkommen. Der demokratische Westen hatte dreißig Jahre, zu zeigen, wie Teilhabe und Repräsentanz gerecht verteilt werden könnten. Seine Zeit ist um.
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