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wortwechselDie Demokratie braucht mehr als späte Einsicht

Winfried Kretschmann erklärt die Auseinandersetzung mit Rechtspopulisten zur Pflicht. Doch warum hat er diese Erkenntnis nicht früher in Regierungshandeln übersetzt?

Fehlendes Niveau

„Ich habe mir die AfD nie umfassend vorgeknöpft“,

wochentaz vom 10. – 16. 10. 26

Das Interview mit Herrn Kretschmann hat mich in seiner Oberflächlichkeit sehr empört. Ich will nur ein Beispiel herausgreifen: Herr Kretschmann hält es für ein „starkes Argument der AfD“, wenn Herr Siegmund Migration mit der Begründung ablehne, wir dürften anderen Ländern nicht die Pflegekräfte wegnehmen. Mal abgesehen davon, dass der AfD die Bedürfnisse „anderer Länder“ völlig schnurz sind, werden Mi­grant*in­nen damit völlig instrumentell behandelt. Sie sollen dahin gehen, wo sie (angeblich) am meisten gebraucht werden.

Herr Kretschmann instrumentalisiert zurück, indem er mit dem Bedarf des deutschen Pflegesektors argumentiert. Es handelt sich hier aber um Menschen mit individuellen Schicksalen und Bedürfnissen, die Schutz vor Verfolgung und Respekt für ihre Grundrechte in Anspruch nehmen können. Dass Herrn ­Unfried das nicht auffällt, wundert mich wenig, aber Herr Stieber sollte es eigentlich besser wissen. Wenn wir uns schon vorauseilend auf dieses Niveau begeben, wird das nichts mit der „wirklichen Auseinandersetzung“ mit der AfD.

Eleonore von Oertzen, Seelze

Falsche Religion

„Ich habe mir die AfD nie umfassend vorgeknöpft“,

wochentaz vom 10. – 16. 10. 26

Ich finde es schade, dass ein hochgebildeter Mann an einer Religion festhält, die sich überhaupt nur mit äußerster Gewalt durchsetzen konnte. Deren Apologeten einst Hypatia, eine der Kronen der antiken Philosophie, lebendig gehäutet haben und alle anderen Philosophen der Zeit zur Emi­gra­tion zwangen. Die Andersdenkende auf den Scheiterhaufen schickte. Die nichts zu bieten hat, was nicht schon längst in den alten Religionen Indiens bekannt war, von dümmlichen Schreibern zusammengetragen und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, die Geschichte aufs Abenteuerlichste verfälschten und verdrehten. Angefangen mit Herodes, der seine beiden erwachsenen Söhne ermorden ließ, aber nicht sämtliche Kleinkinder seines Reichs, bis hin zum symbolischen Kreuzigungsritual der Ägypter, aus dem sie eine römische Hinrichtung machten.

Lieber Winfried Kretschmann, wenn du Religion, Wissenschaft und Philosophie zusammendenken möchtest, empfehle ich die Beschäftigung mit dem ­Buddhismus, dessen oberste Maßgabe ist, nichts zu akzeptieren, was dem Verstand zuwiderläuft, und trotzdem alle ­Fragen nach dem Wieso, Weshalb, Warum erschöpfend beantwortet.

Dieter Weißbach, München

Keine Hierarchisierung

„Ein ganz normaler Tag der Schatten“,

wochentaz vom 10. – 16. 10. 26

„Eine Katastrophe aber, wie der 7. Oktober eine war, verlangt fortan von den Betroffenen, sich zu verhalten. Sie erlaubt keine Gleichgültigkeit mehr; sie verändert die Bedingungen, unter denen man lebt, das Vertrauen in die Welt, das eigene Sicherheitsgefühl. Sie macht einen Tag zur Zäsur. Sie nimmt dem Leben seine Leichtigkeit, einem Tag seine Unschuld.“ Wir wissen, wovon die Rede ist und müssen der Autorin in jedem Wort recht geben.

Nur mit vergleichbar schweren Worten wäre diejenige Katastrophe zu beschreiben, die den Pa­läs­ti­nen­ser:in­nen durch Terror als Antwort auf den palästinensischen Terror vom 7. Oktober 2023 täglich widerfährt. Ob der israelische Terror juristisch als Völkermord, als Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder wie auch immer zu bewerten ist, ist bei der Benennung und Beschreibung der individuell erlebten existenziellen Betroffenheit völlig bedeutungslos. In anderen Zusammenhängen mag die Kategorisierung wichtig sein. Die Autorin spricht von „den Betroffenen“. Diese stehen in ihrem unendlichen Leid nebeneinander. Sie beim Gedenken zu hierarchisieren, kann dem Elend nicht entgegenwirken.

Dietrich Manstettn, Münster

Naive Thesen

„Ein missverstandener Sozialdemokrat“,

wochentaz vom 10. – 16. 10. 26

Wer wie der Scheinintellektuelle Fuku­yama (erstmals 1989) das „Ende der Geschichte“ ausruft, weil der Westen den Kommunismus besiegt habe, verfügt nicht einmal über Spuren analytischen Tiefgangs, was mehr als drei Jahrzehnte später auch der letzte Anhänger dieser lächerlich naiven These einsehen müsste. Wieso also wird den neuerlichen Ergüssen dieses hohlen Schwätzers eine ganze Seite gewidmet? Falls tatsächlich nichts Besseres da gewesen sein sollte, wäre es leserfreundlicher, die wochentaz auf einen die Qualität haltenden Umfang zu kürzen.

Rolf Oesterlein, Nieder-Olm

Gelebte Realität

„Wollen wir nicht besser sein?“,

wochentaz vom 26. 9 – 2. 10. 26

Vor fast zehn Jahren standen wir vor der gleichen Entscheidung. Unsere zwei Kinder wachsen mit jüdischen Traditionen auf und sind auf eine Grundschule wie aus dem Bilderbuch gegangen. Natürlich haben wir ihnen nicht verboten, von unseren Riten und Festen zu erzählen oder ihr Judentum irgendwie geheim zu halten, im Gegenteil. Mindestens in den jeweiligen Klassen war klar, unsere Kinder sind Jüd:innen. Und das war völlig unspektakulär. Spezielle Gewaltvorfälle, Hänseln, Mobbing: durchgängig Fehlanzeige. Gleichzeitig haben wir stetig Medienberichte gelesen, auch in der geliebten taz, wie schlimm alles sei für Jü­d:in­nen in migrantisch geprägten Schulen und Vierteln; eine ziemlich irritierende Diskrepanz.

Aber dann macht die Autorin trotzdem damit weiter, ihre etwas diffusen Ängste an der Partei aufzuhängen. Dabei bleibt im Weiteren leider eher unklar, was sie denn gerne an Reaktion von der Partei hätte und warum sie das Ganze dann weiterbetreibt, auch wenn sie anscheinend weiß, bei was sie da mitmacht. Millionen von Mietenden in Berlin haben etwas anderes verdient.

Irgendwer wird ihr immer versprechen, dass er ihr die Angst nehmen kann, wenn sie mit Freiheit bezahlt, auch mit der ihrer Kinder. Die unkontrollierte und diffuse Angst wird dann zu unkontrollierter, aber leider sehr realer Repression und dem Abbau von Freiräumen und sozialen Errungenschaften. Niemand kann ihr versprechen, dass es bei ihr nicht vielleicht an einer öffentlichen Schule zu antisemitischen Vorfällen kommen wird. Es gibt sie, keine Frage. Aber Antisemitismus hat bei uns zumindest keine Rolle gespielt. Die gelebte Realität unserer Kinder in einer Kreuzberger Schule, auch das solidarische Miteinander, war stets eher ein gutes Korrektiv zu dem heiß gelaufenen Me­dien­diskurs und unserem elterlichen Kopfkino. Hoffentlich kann die Autorin irgendwann das Gleiche sagen und schreiben.

Alina Gromova und Florian Fleischmann, Berlin