wortwechsel: Reaktionen auf den Anschlag beim CSD
Radikaler Islamismus und völkischer AfD-Chauvinismus sind der giftige Nährboden für den Queer-Hass. Politik und Gesellschaft müssen gemeinsam Lösungen suchen.
Foto: Anna Tiessen
Ohne Scheuklappen
„Anschlag auf Berliner CSD: Ausgenutztes Leid“, taz vom 26. 7. 26
Ist es wirklich eine Instrumentalisierung, wenn man nach mehr Sicherheit strebt nach so einem Anschlag? Die Ideen des Autors kann ich teilweise nicht nachvollziehen und halte sie selbst für eine Instrumentalisierung. Es geht eben in erster Linie nicht um bessere „Kulturangebote“ für Queere, sondern um mehr Sicherheit für alle Menschen inklusive Queere.
Welche sicherheitspolitischen Maßnahmen sinnvoll sein könnten, sollte mit Nachdruck untersucht und umgesetzt werden, ohne ideologische Scheuklappen. Hier geht es um bessere Integration in der Migrationspolitik als auch eine konsequente „Law and Order“-Politik. Beide Ansätze sind wichtig. Als Familie mit teilweisem Migrationshintergrund halten wir die Politik von rechts und auch von links für unerträglich. Wir wollen auf der einen Seite nicht als „Kriminelle“ mitangeklagt werden, weil wir auch Migranten sind. Auf der anderen Seite halten wir die linke Politik der Verharmlosung von migrantischer Gewalt für verantwortungslos.
Black & White auf taz.de
Um zu überleben
Ich mochte an diesem Artikel sehr, dass die queere Solidarität hervorgehoben wurde. Achtsamkeit und schmerzlich erworbene Resilienz hat die Community auch zu dem gemacht, was sie ist. Ich kenne kaum eine Gruppe, die sich mehr damit beschäftigt zu heilen, sich zu unterstützen und zu therapieren, um in dieser Gesellschaft zu überleben.
Dazu brauchen wir Räume, Gelder und Therapieplätze.
Die Erfahrungen und Techniken, die wir haben, um Traumata zu überwinden, kommen der ganzen Gesellschaft zugute und könnten auch vor Radikalisierung schützen. Und zum Glück gibt es inzwischen viele Allies, die sich mit uns verbunden sehen und uns dafür lieben. oricello auf taz.de
Giftiger Nährboden
Ob radikaler Islamismus, völkischer AfD-Chauvinismus oder transatlantischer MAGA-Wahn: Wer glaubt, diese Ideologien stünden im Widerspruch zueinander, blendet das Wesentliche aus. Sie alle speisen sich aus demselben giftigen Nährboden – dem Hass auf die offene Gesellschaft und der Gewissheit, das Leben anderer entwerten zu dürfen.
Für islamistische Fanatiker ist die Sichtbarkeit freier Lebensentwürfe eine Sünde, die sie mit Gewalt tilgen wollen; für die politische Rechte ist sie der „Sittenverfall“, den man am liebsten per Gesetz und Straßenmob unsichtbar machen möchte. Sie spalten, hetzen und radikalisieren – mit unterschiedlicher Rhetorik, aber identischem Ziel.
Wenn der Staat und die Zivilgesellschaft nicht begreifen, dass all diese Strömungen zwei Seiten derselben autoritären Medaille sind, opfern wir die Freiheit Stück für Stück. Wer hetzt, bereitet den Boden für die Gewalt von morgen.
amigo auf taz.de
Verquere Logik
„Islamistischer Anschlag auf den CSD: Auf einem Auge blind“, taz vom 27. 7. 26
Vor 10 Jahren wurden in Orlando 49 queere Menschen von einem Islamisten getötet. Es kam damals nicht in der Linken an, und ich befürchte, dass es auch jetzt nicht ankommen wird.
Ideologische und politische Linien sind nicht starr, sondern verlaufen fließend. Von der CDU zur Werteunion, von der Werteunion zur AfD und vom Flügel der AfD zu gewaltbereiten Neonazis – das leuchtet jedem Linken ein, und trotzdem sind Söder und Merz keine Faschisten, auch wenn man ihnen vorwerfen kann, dass sie gerne mal im selben trüben Becken fischen.
Diese Logik lässt sich auch wunderbar auf konservative Muslime anwenden, die Anschläge dieser Art aufgrund der Gewalt zwar durchaus verurteilen, es aber auch niemals über die Lippen bringen werden, einmal zu sagen, dass es okay ist, queer zu sein. So wie sich gewaltbereite Neonazis als handelnde Elite der schweigenden Mehrheit sehen, so sehen sich auch islamistische Terroristen als die ausführende Gewalt. R. Mcv’Novgorod auf taz.de
Queere Reaktionen
Ich denke es gibt da eine Menge verschiedene Reaktionen und Verhaltensweisen unter Queeren:
Großstädtisch-urbane, die sich mit Queeraspora-Menschen verbünden und denen Antirassismus wichtig ist.
Die ländliche Situation „Allein unter Heteros“. in der schon Verwandtschaft und rechte Bierstuben das Leben eng machen.
Schwule Männer, die in Berlin Angriffe von türkischen jungen Männern in Cruising Areas erlebten.
Lesbische Funktionärinnen und Autorinnen, die gegen die Weltpolitik opponieren. So weit die Stereotypen.
Hilfreich finde ich die Arbeit von Derviş Hızarcı und der Kreuzberger Ini gegen Antisemitismus (KIgA), die Rollenspiele einsetzen, um mit jungen Menschen migrantischer und islamischer Prägung Familiensituationen und eigene Bedürfnisse zu thematisieren. Land of plenty auf taz.de
Unangebrachter Ton
Ich bin schockiert, dass ihr im Kontext der Gewalttat vom Berliner CSDs einen Artikel wie diesen veröffentlicht. Wie hier von „islamistischen Gewalttätern“ die Rede ist – ein solches Befeuern des antimuslimischen Rassismus hätte ich von der taz nicht erwartet.
Ich bin selbst eine Überlebende der Gewalttat in New Orleans in der Silvesternacht 2024/25, welcher ebenfalls ein „islamistischer Hintergrund“ zugeschrieben wurde. Ich teile das Leid der Menschen, die die Tat am vergangenen Samstag in nächster Nähe erlebt haben, und finde es trotzdem unangebracht, auf diese Art und Weise zu berichten.
Dass Täter mit nichtdeutschem Hintergrund in den Medien anders behandelt werden als weiße, deutsche Täter – dass bei dem einen auf eine ganze Religion/Menschengruppe Rückschlüsse gezogen werden, während der andere als Ausnahme dargestellt wird, ist allgemein bekannt. Pauline Gümpel
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