wortwechsel: Von künstlicher Intelligenz und Moral
Verdammt Digitalisierung Medien zum konformen Sprachgebrauch, macht sie unreflektiert und eröffnet so spekulative Räume? Moralischer Antrieb rechtfertigt keine Gewalt
Informative Reduktion
„Wege in den wehrhaften Journalismus“,
wochentaz vom 4. – 10. 7. 26
Die vierte Macht im Staat ist die Presse- und Meinungsfreiheit. Doch der Journalismus ist im Zeitalter der Digitalisierung und KI zum „konformen Sprachgebrauch“ vereinheitlicht, eher unreflektiert als neutral und objektiv, wenn in allen Medien das Gleiche weitergegeben wird. Täglich zu erleben in den Nachrichten von ARD und ZDF, in der Wiederholung – mit den Quellenangaben, die teils nicht inhaltlich überprüfbar sind. Auch die Nachrichten – in 60 Sekunden – sind einseitig und selektiv, ihre Bedeutung wird nur in einem größeren Zusammenhängen objektiv erkennbar.
Die „informative Reduktion“ der Sprachinhalte bleibt so unvollständig, lässt damit unbewusste, spekulative Räume offen für jedermann, sich dem Populismus/Autoritatismus/Faschismus gedanklich zu öffnen, um einen antidemokratischen Weg einzuschlagen – wo eine neue „Heimat“ wie die AfD bereits angeboten wird.
Thomas Bartsch Hauschild, Hamburg
Der moderne Staat
wochentaz vom 27. 6. – 3. 7. 26
In Ergänzung zum Artikel 5 GG gibt es ein wegweisendes Urteil des Bundesverfassungsgericht bereits vom 5. März 1974: „Als objektive Wertentscheidung für die Freiheit der Kunst stellt sie dem modernen Staat, der sich im Sinne einer Staatszielbestimmung auch als Kulturstaat versteht, zugleich die Aufgabe, ein freiheitliches Kunstleben zu erhalten und zu fördern.“ (BVerfGE 36.321 [331])
Ich denke, es ist den meisten Kulturschaffenden und -institutionen nicht bekannt, und man sollte sich immer wieder darauf berufen.
Stephan Bock, Waldesch
Andere Ballsportarten
„Steht unser WM-Aus für das ganze Land?“,
wochentaz vom 4. – 10. 7. 26
Dem Vorrundenaus bei der Fußball-WM steht gegenüber, dass das deutsche Team nach wie vor amtierender Welt- und Europameister im Basketball ist. Während der Fußball meist (St. Pauli als Ausnahme) von tendenziell rechten Fans begleitet wird, ist der Basketballfan eher im liberalen Umfeld zu verorten (liberal im Sinne von Burkhard Hirsch und Gerhard Baum). Die Frage „Wie kriegen wir das hin?“ ist ohne eine Rückkehr zum Sozialliberalismus der 70er Jahre, als auch begüterte Mitbürger ihren Beitrag zum Gemeinwesen leisten wollten, schwer zu beantworten.
Hartmut Krollmann, Düsseldorf
Lichtgebrauch
„Licht ist längst kein Luxusprodukt mehr“,
wochentaz vom 4. – 10. 7. 26
schade, dass es an dieser stelle nicht zu mehr differenzierter betrachtung gereicht hat. licht ist sehr wohl ein luxusprodukt, wenn die tatsächlichen kosten von stromerzeugung berücksichtigung gefunden hätten. die überschrift verführt zu noch mehr gedankenlosem lichtgebrauch als schon derzeit üblich, siehe einführung von led-licht. menschen haben nun noch mehr zum beispiel außenbeleuchtung an ihren häusern, und licht ist am helllichten tag in gebrauch, weil es ja fast nichts mehr kostet. so schaffen wir kein anderes bewusstsein für diese energieverschwendung an so vielen orten der welt.
Jörg Stümke, Dithmarschen
Positive Geschichten
„Vom Gesundheitssystem ignoriert“,
wochentaz vom 4. – 10. 7. 26
Ein erneuter Artikel über einen Suizid einer ME/CFS-Kranken birgt aus meiner Sicht mehr Risiken als Nutzen. Es gibt tatsächlich extrem viel Verzweiflung und eine extrem schlechte Versorgung; die Betroffenen und ihre Angehörigen werden tatsächlich völlig alleingelassen. Aber es gibt auch positive Geschichten wie die meiner Tochter, die sich gerade von zweieinhalb Jahren Erkrankung erholt hat. Bitte mehr über so etwas berichten! Noch mehr Verzweiflung zu verbreiten, schadet den Betroffenen.
Heike Pörksen, Berlin
Unsichere Zeiten
wochentaz vom 4. – 10. 7. 26
Der Autor hat in vielem recht, vor allem darin, dass das System Kapitalismus in einer Krise steckt. Entsprechend werden die Verteilungskämpfe härter und kompromissloser.
Allerdings hat der Neoliberalismus keinen Fokus auf zivilgesellschaftliche Entwicklungen. Er konzentriert sich auf die Ökonomie, die unsichtbare Hand des freien Markts. In seiner Trickle-down-Idee profitieren die besitzlosen Unteren vom Reichtum der Oberen. Die dynamischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts nach 1945 beruhen auf einem reformistischen Keynesianismus, dem systeminternen ideologischen Gegner des Neoliberalismus. Durch Wachstum und relativen Wohlstand eröffneten sich Freiräume und Nischen für kulturelle Subsysteme.
Die AfD definiert sich nicht über den Neoliberalismus, davon hat sie keine Ahnung. Sie nährt sich am Ressentiment gegen alles, was ihr fremd und unangenehm ist. Ihr autoritärer Charakter lässt sie auf der Klaviatur des strengen und strafenden Staats und seiner Herrschaft spielen. In unsicheren Zeiten wie diesen trifft sie dabei leider den ungesunden Nerv vieler real oder vermeintlich Abgehängter.
Uwe Fischer, Berlin
Moralischer Impetus
„Kein Widerstand ist zwecklos“,
wochentaz vom 4. – 10. 7. 26
Bei aller notwendigen Konsequenz in der Ablehnung rechtsextremer Bewegungen und Entwicklungen, bleibt eines festzuhalten: Militante Handlungsweisen und gewalttätige Aktionen sind durch nichts zu rechtfertigen, vor allem nicht durch den moralischen Impetus, mit dem manche der sogenannten Antifa-Aktivisten arbeiten.
Individuell oder auch in Kleingruppen ausgeübte Gewalttaten sind nicht nur gegen eine Rechtsordnung gerichtet, die dezidiert demokratisch, liberal und damit auch antifaschistisch begründet ist, sie sind auch ungeeignet zur Bekämpfung des Rechtsextremismus.
Bis in die Frühzeit der faschistischen Bewegungen hinein war es ein beliebtes Mittel der Rechten, sich als Opfer zu stilisieren. Letztlich stärken solche Aktivisten also nur das, was zu bekämpfen sie vorgeben. Diese Form von „Widerstand“ bleibt damit nur eine Spielart dessen, was Wolfgang Fritz Haug schon in den 60er Jahren als hilflosen Antifaschismus bezeichnet hat.
Matthias Müller, Braunschweig
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen